STANDARD-Interview

"Die Scheinwerfer dürfen nicht erlöschen"

10. Juli 2009, 18:44
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    foto: getty images/vittorio zunino celotto

    Zur Person

    Der Arzt und frühere Abgeordnete des Mitte-links-Bündnisses Massimo Cialente (57) wurde 2007 Bürgermeister von L'Aquila.

Massimo Cialente, der Bürgermeister von L'Aquila, hofft, dass die G-8-Staaten seine Stadt nicht vergessen

 Die Gipfelkarawane zieht weiter, die Opfer des Erdbebens bleiben. Massimo Cialente, der Bürgermeister von L'Aquila, hofft, dass die G-8-Staaten seine Stadt nicht vergessen. Gerhard Mumelter sprach mit ihm nach dem Ende des Gipfels.

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STANDARD: Wie sieht Ihre Bilanz nach dem G-8-Gipfel in Ihrer Stadt aus?

Cialente: Ich bin froh darüber, dass die ganze Welt auf unsere verwüstete Stadt geblickt hat. Zahlreiche Staatschefs haben sich durch die Trümmer führen lassen und waren sichtlich beeindruckt. Viele haben Patenschaften für die Restaurierung wertvoller Kunstdenkmäler übernommen. Die USA werden die Kirche Santa Maria in Paganica restaurieren, Russland die Santa-Gregorio-Kirche, Großbritannien San Clemente, Spanien die spanische Festung, Kanada wird einen neuen Campus für die Universität errichten. Und wir hoffen, dass sich Wien an der Restaurierung unseres Rathauses beteiligt, das von Margarethe von Österreich errichtet wurde.

STANDARD: Fürchten Sie aber nicht, dass Ihre Stadt nach dem Abzug der Gipfelteilnehmer und der Weltpresse wieder vergessen wird?

Cialente: Ja, ich muss gestehen, dass uns diese Angst ein bisschen plagt. Wir hoffen, dass es nicht nur ein Blitzlicht war, sondern dass die Scheinwerfer der Aufmerksamkeit weiter auf unsere zerstörte Stadt gerichtet bleiben.

STANDARD: Wie haben die Erdbebenopfer den Gipfel erlebt?

Cialente: Mit einer gewissen Gleichgültigkeit. Für sie gelten andere Prioritäten und Bedürfnisse. Nach drei Monaten im Zelt sehnen sie sich nach ihren Häusern zurück. Ihre Bewegungsfreiheit wurde durch die massiven Sicherheitsvorkehrungen stark eingeschränkt, viele haben die Stadt verlassen. Die Ungewissheit über die Zukunft bedrückt sie, viele sind demoralisiert. Die Politiker haben sie weitgehend ignoriert, nur George Clooney haben sie begeistert empfangen.

STANDARD: Sie haben mit vielen anderen Bürgermeistern der Region letzthin in Rom demonstriert. Was werfen Sie der Regierung vor?

Cialente: Man behandelt uns wie Erdbebenopfer der Kategorie B. Während der Staat für die Erdbebenopfer der vergangenen Jahrzehnte insgesamt 135 Milliarden Euro ausgegeben hat, begnügt man sich in den Abruzzen mit 5,5 Milliarden. Was die Menschen am meisten ärgert, ist die unverständliche Entscheidung der Regierung, mit Jahresende wieder alle Steuern und Abgaben zu fordern, deren Bezahlung jetzt eingefroren ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.7.2009) ZUR PERSON:

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