Braucht das Museumsquartier einen "Stachel"?

10. Juli 2009, 18:47
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Ein alter Streit wird wieder jung: Gerald Matt beklagte vergangenen Samstag an dieser Stelle die Auslieferung des "Freiraums" MQ an den Kommerz

Realitätsfremde "Wichtigtuerei" nennt dies sein Quartiergeber.

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Der Leiter der Kunsthalle Wien meint, dass der Freiraum und die zeitgenössische Kunst im MQ gefährdet sind. Was für ein Unsinn. Seine wiederholte Selbstdarstellung und Eigenwerbung als "zeitgenössischer Stachel im musealen Fleisch des MQ", als Robin Hood der Kunst, der das MQ und dessen Außenflächen vor schnödem Kommerz und vor Unkultur rettet, erscheint wichtigtuerisch und widerspricht gänzlich den Fakten.

Das MQ ist weder von "Musealisierung bedroht" noch zum "Museumsviertel" mutiert: Acht Jahre nach seiner Eröffnung sind nur zwei der über 60 (!) im MQ angesiedelten Kulturinstitutionen Museen: das Leopold Museum sowie die größte und wichtigste österreichische Einrichtung für zeitgenössische Kunst, das Mumok.

Matte Besucherzahlen

Die Kunsthalle ist eine von vielen Kulturinstitutionen im MQ, die sich mit zeitgenössischer Kunst beschäftigen. Einige andere zeigen weitaus anspruchsvollere, mutigere und fortschrittlichere zeitgenössische Positionen als der selbsternannte, jährlich mit vier Millionen Euro subventionierte "Stachel" , der es - nach der vom Rechnungshof erzwungenen "Bereinigung" um nicht eingelöste "Sponsorenkarten" - 2007 auf 138.927 tatsächliche Besucher/innen brachte, während Leopold Museum und Mumok gemeinsam von 546.517 Menschen besucht wurden.

Neben dem vom Bund finanzierten Mumok werden in den permanent im MQ angesiedelten sechs großen, städtischen Einrichtungen laufend zeitgenössische Architektur, Tanz, Musik, Theater, Performances, Kinderkunst etc. auf höchstem Niveau präsentiert. Wo "droht" hier eine "Musealisierung", selbst wenn der stachelige städtische Kollege seine Untermiete im MQ beenden würde?

Die MQ-Betriebsgesellschaft hat mit dem "quartier21" eine zusätzliche Infrastruktur für zeitgenössische Kunst und Kultur geschaffen und damit das Angebot an künstlerischen Themen, Vielfalt und Kreativität im MQ erweitert. Im quartier21 arbeiten, produzieren und vermitteln heute in über 50 nicht oder nur spärlich subventionierten Kulturinitiativen in den Schwerpunktbereichen digitale Kultur, Mode und Design zahlreiche kreative Menschen und ziehen mit hunderten Projekten rund 220.000 Besucher im Jahr an. Mehr als 200 internationale, zeitgenössische Künstler/innen lebten bisher im Rahmen des von der MQ-Direktion initiierten, ausschließlich aus Sponsorengeldern finanzierten, Artist-in-Residence-Programms jeweils mehrere Monate in einem der sechs Studios und haben im quartier21, in den MQ-Höfen oder in anderen Stadtteilen zeitgenössische Kunst- und Kulturprojekte entwickelt und präsentiert. Alle diese kreativen Zeitgenossen schafften dies bis heute ohne den Ansporn durch einen matten Stachel.

Die MQ-Betreiber haben in den MQ-Außenflächen einen attraktiven Frei- und Lebensraum für junge Wiener/innen geschaffen, in dem nicht nur "gechillt" und weiterhin getrunken werden darf, sondern auch viel Kunst und Kultur geboten wird. Entgehen dem Kunsthallenchef mit seiner Kritik - im MQ herrsche nur "Remmidemmi" - die zahlreichen Kunst- und Kulturveranstaltungen (Lesungen, Konzerte, Tanzproduktionen, Ausstellungen etc.), die seit Jahren in den MQ-Höfen stattfinden? Viele davon werden in Kooperation mit den MQ-Institutionen Tanzquartier, Mumok, AzW, Dschungel, quartier21, ImPulsTanz etc. veranstaltet, die übrigens kein Entgelt für diese Art von Hofnutzung zahlen. Die Kunsthalle hat seit der Eröffnung des MQ nur ein einziges Kunstprojekt in den MQ-Außenflächen umgesetzt. Warum so zaghaft? Warum schlägt die von der Kunsthalle (angeblich nur) administrativ unterstützte Initiative "Kunst im öffentlichen Raum" nicht auch einmal ein Projekt in den öffentlich zugänglichen Außenflächen des MQ vor? Warum kooperiert oder tritt sie nicht in konstruktiven Wettbewerb mit den vom quartier21 eingerichteten, öffentlich zugänglichen "Passagen" im MQ, in denen regelmäßig und meist ohne Subvention zeitgenössische Street Art, Tonkunst, Comic Art etc. von internationalen Künstlern gezeigt wird?

Die von der MQ-Direktion auf Anraten der Polizei kürzlich in Erinnerung gerufenen und seit Jahren als Teil der Hausordnung existierenden Regeln für die Nutzung der MQ-Höfe gelten weiterhin. Sie sind und bleiben erforderlich, um Exzesse zu vermeiden und Haftungen aus Schadensfällen für die Eigentümer (Bund und Gemeinde Wien) auszuschließen. Sie werden auch weiterhin so (tolerant) wie bisher umgesetzt, nicht zuletzt als Resultat einer guten Kommunikation mit Vertretern der friedlichen Mehrheit dieser höchst willkommenen, mehr als zwei Millionen jungen MQ Besucher/innen.

Die Organisatoren der kürzlichen Protestaktionen haben in ihren Facebook-Seiten Aufrufe zur Kooperation mit der MQ-Leitung im Rahmen der bestehenden Regeln veröffentlicht und können daher ebenfalls auf Schützenhilfe und Zurufe im Muppet-Stil verzichten. Ein Areal mit über 3,6 Mio Besuchern pro Jahr kann nicht ohne klare Regeln sicher bespielt und betrieben werden. Der Wert des öffentlich zugänglichen Raums im MQ wird durch die Einhaltung dieser Regeln nicht gefährdet, sondern gesteigert.

Aber wenn man den jüngsten Medienberichten glauben darf, so könnten die Tage des "künstlerischen Störenfrieds" (Eigendefinition des Kunsthallenleiters) im MQ gezählt sein. Vielleicht wird tatsächlich sein derzeitiger Nachbar Mumok beweisen müssen, dass man die Räumlichkeiten der Kunsthalle im MQ auch anders - vielleicht sogar besser und synergetischer - mit zeitgenössischer Kunst bespielen kann. Spätestens dann wird sich herausstellen, dass das MQ auch ohne diesen "Stachel" keineswegs dem Kommerz und der Unkultur anheimfallen und zu einem Areal verkommen wird, in dem Kunst nur "lästiges Akzidenz" ist. (Wolfgang Waldner, Direktor des MuseumsQuartiers Wien - DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.07.2009)

 

 

 

 

  • Sind die Tage des "künstlerischen Störenfrieds"  und "zeitgenössischen Stachels im musealen Fleisch des MQ"  gezählt?
    foto: derstandard.at

    Sind die Tage des "künstlerischen Störenfrieds" und "zeitgenössischen Stachels im musealen Fleisch des MQ" gezählt?

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