Aufgepeppt zum Cinemasope-Spektakel: "My Fair Lady"
Mörbisch - Es ist natürlich widersinnig, gerade in Mörbisch My Fair Lady aufzuführen. Denn das Musical rund um eine alte Männerfantasie - die Erschaffung einer Lady, die devot die Pantoffel apportiert - spielt vor allem im Salon des Herrn Professor Higgins. Und über weite Strecken sind nicht mehr als drei, vier Personen vonnöten: neben dem Sprachforscher, der einem hässlichen Entlein so lange die reinen Vokale eintrichtert, bis aus ihm ein Schwan geworden ist, noch der gütige Oberst Pickering und Elizas Vater, ein liebenswert unmoralischer Trunkenbold.
Dieser unlösbare Konflikt zwischen Kammerspiel und monströser Cinemascope-Bühne ist denn auch das größte bzw. einzige Manko der diesjährigen Seefestspiele: Rolf Langenfass, der Ausstatter, hat zwar ein raffiniertes Minimundus-London hochgezogen. Dieses dient aber nur als nächtlich putzig blinkende Augenweide: Gebannt starrt man auf stecknadelgroße Gestalten weit hinter dem Wassergraben und dem Orchesterbunker auf einer vergleichsweise winzigen Drehbühne. Die zahlreichen Fotos im Programm dienen wohl dazu, um zu erkennen, was man aufgrund der Entfernung nicht sah.
Logischerweise peppte man das Musical von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner daher mit Massenszenen und TV-Unterhaltungsshow-Choreografien zum Spektakel auf. Irgendetwas Neues - die Szene in Ascot hätte sich geradezu angeboten, echte Pferde über die Bühne zu jagen - ließ man sich aber nicht einfallen: Die Inszenierung von Helmuth Lohner ähnelt jener bereits uralten in der Volksoper. Doch sie funktioniert.
Die Show der alten Herren
Da wie dort spielt man die Dialekt-Fassung von Gerhard Bronner. Und die ist ganz einfach erfrischend. Lohner legt seinen Müllkutscher Doolittle als Nestroy-Figur an: nicht ganz so sympathisch gewitzt wie jener des Robert Meyer in der Volksoper, dafür aber raubeinig und fast tiefgründig. Bei Stimme war Lohner am Premierenabend - nach der Pause tröpfelte es, die Schotten des Orchesterbunkers wurden dichtgemacht, allein der Kopf von Dirigent Caspar Richter lugte aus einer Öffnung - weniger. Dieses Schicksal teilte er mit dem Hausherrn Harald Serafin, der das Publikum dennoch im Sturm erobert hatte. Als gütiger Oberst Pickering, in dem noch ein letztes Mal Gefühle der Verliebtheit aufkeimen, war er in seinem Element. Und wie die beiden alten Herren ihre Beine zur fast jazzigen Musik schwingten: Alle Achtung!
Zudem gelang es ihnen, die beiden Hauptrollen fulminant zu besetzen. Da kann die Volksoper mit Herbert Föttinger und Katharina Straßer nicht mithalten. Manch einem tat es zwar weh, dass gerade ein Deutscher einer Österreicherin das schöne Sprechen beibringt. Aber Michael Maertens ist ein wunderbar arroganter, leicht nasalierender Henry Higgins: dandyhaft, ungerecht und mit Neigung zur Hysterie. Sowohl stimmlich als auch sprachlich brillierte Nadine Zeintl als Eliza. Kein Wunder, dass sie Serafin den Kopf verdreht. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.07.2009)