Der Betrachter als eigentliches Werk

10. Juli 2009, 17:38
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Der britische Bildhauer Antony Gormley will Wahrnehmungen neu ausrichten

Die Skulpturen und Installationen, die er im Kunsthaus Bregenz arrangiert hat, sind dabei seine Werkzeuge.

Bregenz – "Wie sieht die Zukunft urbanen Lebens aus? Wie unser Verhältnis zur Natur? Und wie die Beziehung zwischen uns und anderen?" Das sind die Fragen, die der Ausstellung zugrunde liegen, erklärt Antony Gormley. Fragen, die der britische Künstler anhand des menschlichen Körpers diskutiert. Seine Skulpturen und Installationen folgen stets dessen Maßen und Gesetzmäßigkeiten und verdichten sich im Zusammenspiel mit dem Raum und der Physis des Betrachters zu einer spürbaren Erfahrung.

Im Kunsthaus Bregenz hat der Turner-Preis-Träger von 1994, der heute zu den wichtigsten zeitgenössischen Bildhauern Großbritanniens zählt, einen solchen Parcours gestaltet. Vier wichtige Installationen Gormleys seit 1991 wurden für Bregenz adaptiert. Auch die Horizon Fields hätten ursprünglich dazu gehören und den Erfahrungsraum in den öffentlichen Raum hinaus erweitern sollen. Einhundert von Gormleys lebensgroßen und weitgereisten Eisenmännern, die bereits in Cuxhaven und Crosby vom Meer umbrandet und in den Olivenhainen von Catanzaro zum Teil bis zur Schulter im Erdreich verbuddelt waren, sollten heuer im Bregenzerwald auf genau 2039 Meter Seehöhe in einem Areal von 150 Quadratkilometern aufgestellt werden.

"Verrückte Menschen"

Allerdings stellten sich die naturschutzrechtlichen Überprüfungen als so umfangreich heraus, dass das temporäre Projekt – modifiziert – erst kommendes Jahr realisiert werden kann. "Umso höher man kommt, desto verrückter werden die Menschen", kommentiert Gormley augenzwinkernd, aber merklich enttäuscht.

Jede Menge rostiges Eisen kommt auch im Kunsthaus selbst zum Einsatz: Sieben Tonnen wiegt die hängende Installation aus Body und Fruit, die im Eingangsbereich das Denkmodell eines Universums mit dem Körper als Zentrum einführt. Dabei spielen die organischen und planetarischen Formen auf das Verhältnis von Mensch und Natur, Mensch und Lebensrealität an: Die "Frucht", ein Apfel als Sinnbild für das Erdenrund und der "Körper" , dessen unregelmäßig-bauchiges Volumen Gormley über die Erweiterung der Hautoberfläche eines kauernden Menschen hergeleitet hat. Fehlt noch der Betrachter, der im Gravitationsfeld der beiden Objekte quasi als Forschungs-Spaceship agiert.

Fliegt dieses ein Stockwerk höher, wird es urbaner. Die biologischen Körper von 300 Menschen aus Malmö, von Lillemor und Torbjorn, von Gunnel und Snild, dienten als Maßeinheit für Körper aus Stahlbeton. Die Güsse, deren Holzverschalungen organische Spuren an der Oberfläche hinterlassen, tragen Markierungen für Schulterhöhe, Genitalien oder Körperöffnungen. In zwölf "Streets and Avenues" organisiert, formen sie eine Art Labyrinth. Und wiederum sind die Objekte Gormleys nur Wahrnehmungshilfen. Sie sind Werkzeuge, die Wahrnehmung neu auszurichten, während man das norwegische humanoide Spannungsfeld durchzieht.

Industrielle Fossilien

"Man muss seine Relation zu den Dingen finden", sagt Gormley, der für die Güsse sich selbst als Modell nahm. 1995 erstmals in Wien gezeigt, dokumentieren die Figuren, "industrielle Fossilien", die die Spuren ihrer Produktion tragen, verschiedene menschliche Zustände. Sie knien im Gebet, krümmen sich vor Trauer oder loten einsam ihr Verhältnis zur Umgebung aus.

Im Gefüge der Ausstellung ist der Betrachter der dritte Teil: "Raum, Objekt und Betrachter" . Macht dieser die Arbeit erst komplett? Nein, antwortet Gormley, der Betrachter sei das eigentliche Werk und verweist auf sein jüngstes Projekt One Person. One Hour. One & Other , deren Initiierung den Menschen eine Plattform bietet und zum Sockel für eine Art soziale Skulptur wird. Lachend erzählt Gormley von der bevorstehenden Performance einer 84-jährigen Frau im Rollstuhl, einer ehemaligen Schiffslotsin, die Liebeslyrik mit Signalfahnen "lesen" wird.

"Wir entfernen uns immer weiter von der Idee der Kunst als materielles Objekt", erläutert Gormley weiter. Sicher, das Kunstwerk verorte sich immer noch in der physischen Welt, aber: "Der stärkste Nachhall der Kunst findet in unserem Gedächtnis und unserem Bewusstsein statt." (Anne Katrin Feßler, ALBUM – DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.07.2009)

Eröffnung: 11. 7. 19.30 Uhr.
Künstlerfrühstück mit anschließendem Vortrag Antony Gormleys: 12. 7., ab 10 Uhr
Ausstellung bis 4. 10. 2009

>>> Meditationen über Ruhm und Talent
Antonys Gormleys Aktion "One and Other" bietet in London eine öffentliche Plattform

  • 12 Kilometer unbearbeitetes Aluminiumrohr ziehen sich ohne sichtbaren
Anfang und Ende durch den Raum: "Clearing V" im Kunsthaus Bregenz.
    foto: markus tretter © antony gormley, kunsthaus bregenz

    12 Kilometer unbearbeitetes Aluminiumrohr ziehen sich ohne sichtbaren Anfang und Ende durch den Raum: "Clearing V" im Kunsthaus Bregenz.

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