Ein Galizianer wird Amerikaner

10. Juli 2009, 19:57
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    bild: m. pollack

    Er trägt seinen Sonntagsanzug, weißes Hemd, steifen Kragen, Krawatte und Hut. Am linken Revers hat er ein kleines Büschel Blumen angesteckt ... er möchte den Daheimgebliebenen zeigen, dass es ihm gut geht. Doch er schaut nachdenklich, traurig beinahe. Wahrscheinlich hat er sich das Leben in den USA leichter vorgestellt.

Martin Pollack über Henryk Schendera aus Bóbrek in Galizien, der in die USA immigrierte

Im August 1912 geht er in New York an Land, vermutlich fährt er am selben Tag noch nach Chicago.

***

Am 13. August 1912 legt die "Kronprinz Wilhelm" , aus Bremerhaven kommend, im Hafen von New York an. Der 1901 in Dienst gestellte Liniendampfer des Norddeutschen Lloyd zählt zu den modernsten Schiffen seiner Zeit, mit eleganter Ausstattung und exquisiter Verpflegung. Einer der Passagiere ist Henryk Schendera aus Bóbrek. Eine kleine Ortschaft in Westgalizien, in der Nähe von Auschwitz. Von der Eleganz und dem Luxus des mit vier Schornsteinen bestückten Schnelldampfers hat der junge Pole während der siebentägigen Überfahrt allerdings nicht viel mitbekommen, denn er reist dritter Klasse. Im sogenannten Zwischendeck drängen sich mehr als 1000 Passagiere auf engem Raum zusammen, die meisten Auswanderer wie Schendera. Es ist seine erste große Reise, vorher ist er kaum aus dem Heimatort hinausgekommen. Henryk Schendera ist 21 Jahre alt. Das sagt er jedenfalls dem "US-Immigration officer" in Ellis Island, der die Daten der Immigranten in die Passagierliste der "Kronprinz Wilhelm" einträgt. Geburtsjahr: ca. 1891, steht in der Liste.

Viele Auswanderer reisen in Gruppen, Bekannte und Freunde, Familien mit Kindern. Schendera ist allein unterwegs. Doch er fährt nicht ins Blaue, sondern zu seinem Bruder, der zwei Jahre zuvor ausgewandert ist. Teofil, vier Jahre älter, hat Henryks Schiffskarte sowie die Fahrkarte für die Weiterreise bis zum Bestimmungsort bezahlt. Auch das steht in der Passagierliste, die in Ellis Island erstellt wird, wo die Ankömmlinge befragt und untersucht werden, ehe man sie ins Land lässt. Dort findet sich auch Teofil Szenderas Adresse: 8813 Escabana Ave., So. Chicago, Ill.

Schendera oder Szendera? Der eine schreibt seinen Namen deutsch, der andere polnisch, vermutlich sind die verschiedenen Schreibweisen auf die Ignoranz der amerikanischen Beamten zurückzuführen, die Probleme mit fremden Namen haben.

Schendera oder Szendera?

In der Rubrik Nationalität steht bei Schendera: Austria; Country: Galicia, Galizien; Rasse oder Volkszugehörigkeit (Race or People): Polack. Das "ck" ist natürlich dem Immigration Officer aus der Feder gerutscht, Schendera selber würde, polnisch, Polak schreiben.

Die Kontrollen in Ellis Island sind streng. Die Immigranten werden penibel auf ihren Gesundheitszustand untersucht, vor allem auf die infektiöse Augenkrankheit Trachom, die bei ärmeren Schichten in Russland und Galizien häufig auftritt. Wer an Trachom leidet, wird zurückgeschickt. Ebenso Krüppel, Blöde, Lungenkranke, Syphilitiker, überhaupt alle, die an einer "ekelerregenden oder ansteckenden Krankheit" leiden, dazu Polygamisten, Anarchisten und Arme, die keine Verwandten in den USA haben und nicht nachweisen können, dass sie in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Henryk Schendera hat nichts zu befürchten. Er ist jung und kräftig und mit 1,75 Meter überdurchschnittlich groß für seine Zeit. Blond, braune Augen. Ein fesches Mannsbild, nach dem sich die Mädchen umdrehen. Gesundheitlicher Zustand, physisch wie psychisch: gut. Ledig. Des Lesens und Schreibens mächtig. "Occupation: locksmith" , Schlosser. Ein anständiger Beruf, der auch in den USA seinen Mann ernährt.

Die Fragen, ob er Polygamist oder Anarchist sei, verneint Henryk, gewiss wahrheitsgemäß. Weiß er überhaupt, was ein Polygamist ist? In Bóbrek hat er sicher jeden Sonntag die Kirche besucht. Und das möchte er auch in Chicago so halten, Gott sei Dank gibt es dort zahlreiche polnische Kirchen, sodass es einem anständigen Polen an nichts mangelt. Polnische Priester, polnische Gebete, polnische Kirchenlieder ...

Nicht gerade froh

Am 14. August, einen Tag nach seiner Ankunft, geht Schendera in New York an Land. Vermutlich fährt er am selben Tag weiter nach Chicago. Vielleicht hat Teofil ihn abgeholt? Es ist nicht anzunehmen, dass Henryk Englisch kann, sogar sein Polnisch ist mangelhaft, wie eine Karte bezeugt, die er aus Chicago an den zu Hause gebliebenen Bruder Wladyslaw schreibt. Die Karte habe ich in einem Antiquariat in Krakau gefunden. Henryk schickt eine Porträtaufnahme von sich als Postkarte nach Hause. Der Poststempel ist unleserlich, das Bild wurde vielleicht 1913 aufgenommen, ein Jahr nachdem Schendera in die USA kam. Er trägt seinen Sonntagsanzug, weißes Hemd, steifen Kragen, Krawatte und Hut. Am linken Revers hat er ein kleines Büschel Blumen angesteckt, es sieht aus wie eine Brosche. Vielleicht kommt er gerade vom Kirchgang? Ist es ein Feiertag? Er möchte den Daheimgebliebenen zeigen, dass es ihm gut geht. Doch er schaut nicht fröhlich drein, sondern nachdenklich, traurig beinahe. Wahrscheinlich hat er sich das Leben in den USA leichter vorgestellt. Auch was er der Verwandtschaft mitteilt, klingt nicht gerade froh.

"Bei uns sieht es schlecht aus doch wir lassen die Hoffnung nicht fahren und erwarten dass es schon irgendwie gehen wird Arbeit geht noch aber angeblich werden sie streiken oder sie werden reden das weiß man noch nicht ..." , schreibt er, gleichsam atemlos, ohne Punkt und Beistrich. Er unterschreibt mit "Dein Bruder Henryk" , dann fügt er Grüße an alle Bekannten sowie seinen Bruder Aleksander und die Schwester Anulia hinzu. Die Grüße legen den Schluss nahe, dass die Eltern nicht mehr am Leben sind, sonst hätte er sie erwähnt. Vielleicht ist er deshalb traurig? Wann ist die Mutter gestorben? Wir wissen es nicht.

Henryks älterer Bruder Teofil ist laut New Yorker Passagierliste am 16. August 1910 in die USA gekommen, auch er mit einem Schiff des Norddeutschen Lloyd, der "Kronprinzessin Cecilie" . Als Beruf gibt er "ironfounder" , Eisengießer, an. Als Zieladresse nennt er 8813 Escanaba Ave., dieselbe wie zwei Jahre später Henryk. Dort wohnt eine Schwester der beiden, von der wir nicht einmal den Vornamen kennen. Leider hat der Immigration Officer bei Teofils Einreise den Namen des Schwagers unleserlich geschrieben: Jan Kocziz oder so ähnlich. In der Escanaba Ave. wohnen also eine Zeitlang drei Schenderas, die Schwester und die beiden Brüder. Teofil und Henryk sind wohl "boarder" , Kostgänger, im Haushalt des Schwagers. Ob das Haus dem Schwager gehört, ist ungewiss. Aber immerhin wissen wir, wie es ausgesehen hat: Ein kleines, einstöckiges Holzhaus mit schmalem Vorgarten. Vermutlich teilen sich die Brüder ein Zimmer. Wenn man Escanaba Ave. in Google eingibt, kommt man zur Werbeseite eines Maklers, der 8812 S Escanaba Ave. zum Verkauf anbietet, mit einem Foto, auf dem auch die Häuser daneben zu sehen sind. Sie könnten aus der Zeit um 1900 stammen.

Chicago, ein hektischer Moloch

Chicago ist bis heute ein Zentrum der amerikanischen Polonia: die Polen sind nach den Iren und den Deutschen die drittgrößte ethnische Gruppe. Auch in South Chicago gibt es Bezirke, wo die Polen in der Mehrheit sind, vor allem in den sogenannten "steel mill settlements" , einst errichtet für die Arbeiter der großen Stahlwerke, voran U.S. Steel, im Jahre 1901 gegründet von JP Morgan und Elbert H. Gary. Um 1910 produziert U.S. Steel die Hälfte des in den USA gefertigten Stahls. Der Stahlgigant ist bekannt für seine paternalistische Haltung gegenüber den Arbeitern, deren soziales und politisches Leben von der Firmenleitung genau kontrolliert wird. Gewerkschaften werden kompromisslos bekämpft, auf Streiks reagiert man mit "lockouts" , Aussperrungen. Erst der Erste Weltkrieg zwingt U.S. Steel, Kompromisse mit den Gewerkschaften zu suchen und die harte Anti-Labour-Haltung zu lockern.

Wahrscheinlich haben auch die Brüder Schendera bei U.S. Steel Arbeit gefunden. Der eine ist Eisengießer, der andere Schlosser, in der Gegend, in der sie wohnen, ist U.S. Steel mit Abstand der wichtigste Arbeitgeber. Als Henryk Schendera nach Chicago kommt, zählt die Stahlstadt schon mehr als zwei Millionen Einwohner. Chicago ist ein hektischer Moloch, der dem jungen Mann aus dem kleinen Bóbrek anfangs Angst einjagt, doch die Polen verstehen es, auch in Chicago die gewohnten kleinstädtischen Strukturen zu bewahren. Die polnischen Bezirke werden von ihren Bewohnern nach den jeweiligen Pfarren benannt, die Brüder Schendera wohnen demnach in Niepokolanowo, dem Gebiet um die Kirche der Unbefleckten Empfängnis an der Ecke 88th und Commercial Ave. Die Kirche wurde 1882 von polnischen Einwanderern gegründet. Neben der Kirche gibt es eine Pfarrschule, wo die Kinder polnisch unterrichtet werden. Polnisch sind auch die Läden in der Umgebung, die Bäckereien, die Fleischhauer ("polska kielbasa" , polnische Wurst) und die Kneipen. Nach der Kirche sitzt man bei Bier und Wodka zusammen und singt polnische Lieder.

1929 reist Henryk Schendera, der sich nun Henry nennt, nach Europa. Es ist anzunehmen, dass er seine Brüder und die Schwester Aniula in Bóbrek besucht, das jetzt zum wiedererstandenen Polen gehört. Oder ist eines der Geschwister inzwischen ebenfalls in die USA ausgewandert? In den Passagierlisten findet sich kein Beleg dafür. Henry Schendera wird am 1. Juli 1929 in einer List of United States Citizens registriert, die in die USA zurückkehren. Wieder ist er mit dem Schiff unterwegs. Mit der "Rotterdam" , aus der Stadt desselben Namens kommend.

Rätselhaft ist die Sache mit Henrys Alter. 1929, bei der Rückkehr aus Europa, gibt er sein Alter mit 36 an. Ein Jahr später, bei der Volkszählung 1930, ist er plötzlich nur mehr 35. Als Geburtsjahr nennt er jetzt 1895. In der Passagierliste von 1912 steht als geschätztes Geburtsjahr 1891. Wenn er tatsächlich 1895 geboren ist, war er bei der Einwanderung nicht 21, sondern erst 17. Hat er im August 1912 in Ellis Island den Immigration Officer angeschwindelt, aus Angst, als alleinreisender Jugendlicher zurückgeschickt zu werden?

Hausbesitzer - ein Aufstieg

Wie auch immer, 18 Jahre später hat er festen Fuß gefasst. Henry Schendera lebt jetzt in Gary City, Indiana, einer mittleren Stadt am Michigansee, an der Grenze zu Illinois. Auch der neue Wohnort hat etwas mit U.S. Steel zu tun: Gary City wurde sogar 1906 von dem Stahlriesen errichtet.

In der Volkszählungsliste vom 9. April 1930 findet sich Henry Schendera, Adresse: Gary City, County Lake, Jackson Street 634. Schendera ist der Besitzer des Hauses, dessen Wert mit 8500 $ angegeben wird. Mit ihm wohnen hier noch seine Frau Mamie, 33, und seine drei Söhne, Albert, 11, Henry, 6, und Teofil, 1.

Henry ist kein Stahlarbeiter mehr, sondern Versicherungsagent. Und Hausbesitzer. Ein Aufstieg. Was ist aus seinem Bruder Teofil geworden, nach dem er den jüngsten Sohn benannt hat? Von ihm habe ich keine Spur mehr gefunden. Vielleicht ist er zurückgekehrt nach Polen. (Martin Pollack, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.07.2009)

 

 

 

 

Zur Person:
Martin Pollack, geb. 1944 in Bad Hall, ist Schriftsteller, Journalist und literarischer Übersetzer. Zuletzt erschien Warum wurden die Stanislaws erschossen. Reportagen (Zsolnay, 2008).

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gelegentlich heiter
01
11.7.2009, 18:09

Großartiger literarischer Journalismus.

Aguirre74
 
00
11.7.2009, 00:13

Wenn er aus Westgalizien stammte, dann hätte er doch eher einen russischen und keinen österreichischen Pass gehabt. MW gehörte Westgalizien (während der 3. polnische Teilung kurzfristig österr.) zum russischen Kongresspolen.

Hyperrealität
00
12.7.2009, 00:26

Hier geht es um die Zeit um 1900, daher kann wohl nur vom westlichen Teil Galiziens die Rede sein (in der Nähe von Auschwitz). Also keine Rede von Russland, Österreich(-Ungarn) passt schon.

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
00
12.7.2009, 00:11

Doch. Westgalizien liegt ja im Norden.

Aguirre74
 
00
11.7.2009, 15:01

Also war er aus Ost- und nicht aus Westgalizien, das ja offensichtlich bei Russland war. Vermutlich kommt man ehesten mit dem "westlichen Ostgalizien" hin. Naja, ist ohnehin nur Haarspalterei.

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