Mit "Taschenspielertricks" an den Problemen vorbei

14. Juli 2009, 14:22
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Die UG-Novelle bringt Detail-Veränderungen statt tiefgreifender Reformen - derStandard.at sprach mit Senats-Vorsitzenden über ihre Wünsche und Ängste

Vergangene Woche wurde die Novelle des Universitätsgesetzes (UG) beschlossen. Von allen Universitätsorganen haben die Uni-Senate die meisten Änderungen erfahren. Wie die Senatsvorsitzenden der Unis in Innsbruck, Klagenfurt, Graz und Wien die Veränderungen einschätzen, was sie fordern und was sie befürchten sagen sie im Gespräch mit derStandard.at.

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Eine der grundlegenden Änderungen der UG-Novelle betrifft die Rektorswahl. Die Rektorswahl wird nun vom Uni-Rat ausgeschrieben, ein Dreier-Vorschlag wird durch eine Findungskommission aus Uni-Senat und -Rat erstellt, aus diesem wählt nach Zustimmung des Senats der Uni-Rat eine/n Kandidat/in aus. Ivo Hajnal, Vorsitzender des Senats der Uni Innsbruck, sieht darin das "klügste Verfahren".

Anders sehen das seine KollegInnen: Monika Hinteregger, Senatsvorsitzende an der Karl-Franzens-Universität Graz, findet die Neuregelung der Rektorswahl "nicht sinnvoll", ein Rektor brauche die "volle Akzeptanz von innen". Der Uni-Rat ist nur ehrenamtlich und nebenberuflich tätig. "Die Tätigkeit der Rektorswahl ist diesem Gremium nicht zumutbar", so Hinteregger.

Für den Senatsvorsitzenden der Universität Wien, Helmut Fuchs, sind die Rektorswahl und die Erstellung der Studienpläne "Kernaufgaben" des Universitätssenates. Die jetzige Entscheidung sei eine politische, die darauf hinauslaufe, mehr Einfluss auf die Universitäten zu gewinnen. Dies wirke sich - so Fuchs - neben der Stärkung der Rolle des Universitätsrats auch in der Neuregelung der Leistungsvereinbarung aus.

"Einschränkung der Freiheit der Universitäten" durch Finanzierung

Das Ministerium hat nach dem neuen UG die Möglichkeit, zwei Prozent des Uni-Budgets einzubehalten, diese Mittel stehen erst nach Gestaltungsvereinbarungen zur Verfügung. "Das erscheint wenig, es ist aber sehr viel", so Fuchs. Der Großteil des Budgets seien nämlich Fixkosten, die keinen Gestaltungsspielraum zulassen. Insgesamt bleiben - so Fuchs - sieben Prozent zur Schwerpunktsetzung, hiervon werden nun zwei Prozent einbehalten. Fuchs sieht darin eine "Einschränkung der Freiheit der Universitäten" und den "größten Fehler dieser Novelle".

Martin Graf als Rektor?

Was die generelle Stellung der Senate angeht, sieht der Senatsvorsitzende der Universität Klagenfurt, Oliver Vitouch, noch Aufholbedarf. Vor allem in angelsächsischen Ländern sei es für Uniräte selbstverständlich, dass sie einem Bildungs- und Forschungsgedanken verpflichtet sind. "Diese grundsätzliche Identifikation mit den Zielen der Universität, auch wenn man aus der Wirtschaft kommt, die muss sich in Österreich erst entwickeln. Wenn die Uniräte das schaffen, dann sind sie ein sehr wertvolles Instrument", sagt Vitouch gegenüber derStandard.at.

Positiv wertet Vitouch, dass die "Cool-Down-Phase" für Politiker beibehalten wurde. So ist es ehemaligen Politikern erst nach einer Zeit gestattet, in den Uni-Rat zu gehen. "Unter bestimmten politischen Konstellationen wäre nach dem Verhandlungsentwurf ein Martin Graf als Rektor einer österreichischen Universität nicht unmöglich gewesen", so Vitouch. Dies sei in der jetzigen Form jedoch ausgeschlossen.

"Wandelnde Universitätsdemographie muss berücksichtigt werden"

Die UG-Novelle sieht weiters vor, den Mittelbau im Uni-Senat zu stärken, die Professorenkurie verliert ihr Mehrheit. "Der Mittelbau war im UG 2002 unterrepräsentiert, es ist ganz wichtig, dass hier aufgestockt wird", kommentiert Hinteregger die Entwicklungen. Hinteregger wünsche sich darüber hinaus, dass man "diese Kurieneinteilung an den Universitäten überwindet". Ähnlich argumentiert auch Ivo Hajnal: das eigentliche Problem - die sich wandelnde Universitätsdemographie - werde durch die Novelle nicht berücksichtigt. Oliver Vitouch begrüßt die Aufwertung des Mittelbaus im Uni-Senat, als problematisch sieht er jedoch die 40-Prozent-Frauen-Quote an.

"Ich denke man muss solche Instrumente der Frauen-Förderung suchen, ich weiß aber nicht, ob man in diesem Fall mit der 40 Prozent-Quote viel Erfolg haben wird", so Vitouch. Die Professorinnen, die dafür in Frage kämen - so seine Erfahrung in Klagenfurt - seien "über den Scheitel hinweg mit Funktionen eingedeckt" und nicht bestrebt weitere Ämter anzunehmen, weil sie sich auch um ihre Forschung kümmern wollen, so Vitouch.

Kanon für Master-Studium "sinnvoll"

Weiterhin ein Streitpunkt: Die Situation an den Massenuniversitäten. Vitouch beklagt die zunehmende "Zwei-Klassen-Universität" und die Diskrepanz zwischen "Massenfächern und den weniger nachgefragten Fächern". Gewisse Studienrichtungen würden "ins Elend gestürzt", weil sie eine kleine Zahl festangestellter Lehrender und exorbitant hohe Zahlen von Studierenden haben. "In diese Fächern ist auch das Verhältnis zwischen interner und externer Lehre in keiner Weise in Balance", so Vitouch. Hier können in weiterer Folge die "basalen Strukturaufgaben" nicht mehr verfolgt werden. Diese Kapazitätsfrage werde von der Novelle "ignoriert".

"Die Frage ist: Wie gehen wir mit dem Paradox um, dass wir einen freien Hochschulzugang haben, aber nicht alle Studierende aufnehmen können", so Hajner. Keine Lösung habe man mit der Novelle in der Frage der deutschen Studierenden gefunden. Die Einführung einer Leistungskomponente durch die Studieneingangsphase begrüßte Hajnal im Gespräch mit derStandard.at. Es sei sicherlich "immer eine Fantasie der Rektoren gewesen, dass man hier den Zugang zum Master und zum PhD elitär gestaltet. Der Senat in Innsbruck wird sich weiterhin all diesen Versuchungen widersetzen", so Hajnal.

"Da weiß ich nicht was sich Ministerium dabei gedacht hat. Von den einen wird es als erster Schritt in Richtung Zugangsbeschränkungen für alle Fächer interpretiert, andere sagen es gehe um eine gute Vorbereitung", so Vitouch. Grundsätzlich halte er aber einen gewissen Kanon für eine Master-Studium für sinnvoll. Für Fuchs ist eine Einschränkung bei gewissen Spezialisierungs-Studien "unvermeidbar".

"Taschenspielertricks" statt "best practice"

Das Fazit der Senate zu ihren Aufgaben und Möglichkeiten ist durchwachsen. Hinteregger beklagt ein "grundsätzliches Misstrauen den Senaten gegenüber", das sich vor allem von Seiten des Ministeriums und der Politik im letzten Jahr auswirkte. "Die Arbeit der Senate wird nicht anerkannt, das stört am meisten", so Hinteregger.

"Insgesamt gewinnt der Senat sicherlich nicht an Aufgaben", so Vitouch. Viele Maßnahmen lassen sich aus Budgetnöten erklären. Es werde mit "Taschenspielertricks" versucht, irgendetwas "herauszuquetschen" und es dann der Öffentlichkeit so zu präsentieren, als sei es noch immer ein Zugewinn für die Unis, so Vitouch. In stark nachgefragten Fächern wie Betriebswirtschaftslehre, Psychologie oder teilweise Medizin brenne mittlerweile der Hut. (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 13.7.2009)

  • Mit "Taschenspielertricks" wird versucht, die UG-Novelle als Gewinn für die Unis darzustellen, sagt Senatsvorsitzender Vitouch.
    foto: standard/cremer

    Mit "Taschenspielertricks" wird versucht, die UG-Novelle als Gewinn für die Unis darzustellen, sagt Senatsvorsitzender Vitouch.

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