Warum der Linux-Desktop ein neues Interface braucht

9. Juli 2009, 22:15
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GNOME-Shell-Entwickler Owen Taylor über die Notwendigkeit einer frischen User Experience

Owen Taylor gehört zu den am längsten aktiven Entwicklern im Linux-Desktop-Umfeld, über die Jahre war er dabei unter anderem als Maintainer für das Toolkit GTK+ verantwortlich. Aktuell ist der bei Red Hat beschäftigte Entwickler leitend mit der Entwicklung der GNOME Shell betraut, also jener Komponente, die den Kern einer neuen User-Experience für GNOME 3.0 bilden soll. Im Rahmen des Gran Canaria Desktop Summit hatte Andreas Proschofsky die Möglichkeit das folgende Interview mit Taylor zu führen.

derStandard.at: Die GNOME Shell soll dem Linux-Desktop ein neues Interface verpassen. Braucht es das überhaupt?

Owen Taylor: In den letzten Jahren haben sich Computer stark verändert, während die Desktop-Metapher weitgehend die gleiche geblieben ist. Eigentlich ist sie ja auch viel mehr eine Office-Metapher, dies obwohl das eigentlich nicht mehr das Haupteinsatzgebiet eines Computers ist. Dazu kommt, dass es eine immer größere Breite von unterschiedlichen Formfaktoren gibt, gerade mobile Devices sind aber aufgrund ihrer geringen Abmessungen nur begrenzt für einen klassischen Desktop geeignet.

derStandard.at: Wenn man sich hier auf der Konferenz umsieht, macht es den Anschein, als wären viele   recht zufrieden mit einer Kombination aus dem jetzigen Desktop und GNOME-Do. Wäre das nicht eine Option gewesen?

Owen Taylor: GNOME-Do ist sicherlich ein sehr interessantes Tool für Power-User, aber wir zielen auf eine andere Zielgruppe ab, auf Leute, die GNOME zum ersten Mal verwenden, da spielt die Mausbenutzung eine wichtige Rolle. Aber klar können wir von GNOME-Do einiges lernen, etwa dass die Steuerung per Tastatur oft einfach die flotteste ist. Abgesehen davon können jene, die das wollen GNOME-Do natürlich auch weiterhin parallel zu GNOME 3 verwenden.

derStandard.at: Die aktuellen EntwicklerInnen-Versionen zeigen auch einen Sidebar, was will man mit diesem erreichen?

Owen Taylor: Der Sidebar soll den Computer mehr zum "eigenen" Desktop machen, indem dort diverse Gadgets zur Verfügung gestellt werden, vom Twitter-Feed bis zum Musikplayer. Das ist aber kein fundamentaler Bestandteil der GNOME Shell, wir versuchen das bewusst separat zu halten. Entsprechend wird der Sidebar auch vollständig optional sein.

derStandard.at: Was ist die Überlegung hinter dem Umbau des Benachrichtigungssystems, wie sie im Konzeptpapier zur GNOME Shell beschrieben wird?

Owen Taylor: Im Moment gibt es einfach eine ganze Menge sehr unterschiedlicher Dinge, die wir mit Benachrichtigungen zu lösen versuchen. So entsteht eine Fülle von Benachrichtigungen an, viele von geringer Relevanz, dazwischen dann aber auch immer wieder welche Nachrichten von kritische Wichtigkeit, die dann natürlich leicht untergehen. Das ist natürlich ein unerfreulicher Zustand, den wir entwirren wollen. Ansonsten orientiert sich das neue Design vor allem daran, das möglichst einfach zu gestalten, was die Benutzer am Desktop heutzutage primär interessiert: Kommunikation.

derStandard.at: Ubuntu hat erst vor kurzem mit notify-osd eine eigene Überarbeitung des Benachrichtigungsystems präsentiert, wäre das nicht auch eine Möglichkeit gewesen?

Owen Taylor: Wir haben uns das ziemlich genau angesehen und auch mit den Entwicklern gesprochen. Einige unserer Ideen bauen sicher auf dem auf, womit Ubuntu begonnen hat. Auch wollen wir natürlich eine gemeinsame Lösung zu finden, insofern werden wir uns hier noch mit den Ubuntu-Leuten zusammensetzen. Wichtig ist aber vor allem, dass so ein Nachrichtensystem nicht einfach nur dem Desktop "angehängt" wird, so etwas muss wirklich gut mit dem GNOME integriert sein.

derStandard.at: Bei KDE scheint man mittlerweile mit Plasma sehr zufrieden zu sein, wäre das nicht auch eine Möglichkeit gewesen, um darauf die GNOME Shell aufzubauen?

Owen Taylor: Zunächst sollte ich vielleicht mal herausstreichen, dass die GNOME Shell zwar visuell ganz anders aufgebaut als der bisherige Desktop, aber aus einer technischen Perspektive auf der selben Basis wie der bisherige Desktop aufsetzt. Plasma zu verwenden wäre auf jeden Fall ein wesentlich Schritt weg von dem, was wir jetzt in GNOME haben, gewesen. Aus unserer Perspektive war es da wichtiger, eine gemeinsame Basis mit anderen auf der GNOME-Plattform basierten Projekten zu haben, wie etwa mit Moblin.

derStandard.at: Haben Sie keine Angst davor, dass es zu einem "KDE4-Effekt" kommt, viele NutzerInnen vielleicht gar keine großen Änderungen an ihrem Desktop haben wollen?

Owen Taylor: Es gibt sicher einige gute Gründe, warum manche vorerst noch bei GNOME 2 bleiben wollen. Einer davon sind jene Rechner, auf denen die GNOME Shell durch ihre 3D-Basis nicht ausreichend gut funktioniert. Wir schätzen zwar, dass der Desktop auf rund 90 Prozent der aktuell benutzten Rechner problemlos funktionieren wird, aber bei einigen wird es sicher Schwierigkeiten mit Treibern und Hardware geben. Und gerade in Unternehmen, die ihre User auf einen GNOME-2-Desktop eingeschult haben, wird man wohl ebenfalls nicht sofort umsteigen. Für alle anderen geht es einfach darum, dass es uns gelingt, dass wir eine bessere User Experience kreieren, gelingt uns das, werden die Leute auch gern den Schritt zu GNOME 3 vollziehen. Darum wollen wir auch die GNOME Shell parallel zu GNOME 2.28 in einer Preview-Version veröffentlichen, um frühzeitig möglichst viel Feedback zu bekommen.

derStandard.at: Was ist dann etwa mit dem Einsatz in virtuellen Maschinen?

Owen Taylor: Da gibt es sicher noch Bedarf nach einer technischen Weiterentwicklung, aktuelle Virtualisierungslösungen sind in grafischer Hinsicht eigentlich ziemlich veraltet. Klar sind wir dem derzeit etwas voraus, aber das ist eben auch ein klassisches "Henne und Ei"-Problem: Solange die Leute keine "Composited Desktops" in virtuellen Maschinen brauchen, ist das auch für die entsprechenden Softwarehersteller ein Problem, das sie mit eher niedriger Priorität angehen. Zum Glück gibt es aber ohnehin schon einige Entwicklungen in diese Richtung.

derStandard.at: Wird es vor GNOME 3 noch Usability-Tests geben?

Owen Taylor: Ja, das ist etwas, das wir in den nächsten Monaten verstärkt durchführen wollen.

derStandard.at: Jenseits der GNOME Shell, was wären andere wichtige Verbesserungen für den GNOME-Desktop?

Owen Taylor: Ein zentraler Punkt ist sicherlich der Feinschliff bei der grafischen Darstellung, damit sich die Anwendungen auch wirklich immer "weich" und "flüssig" anfühlen. Bei der Performance müssen wir uns aber natürlich auch Komponenten jenseits des GNOME-Stacks anschauen. Außerdem gibt es sicherlich einiges zu tun, um das Internet-Surfen besser in den restlichen Desktop zu integrieren. Entsprechend überlegen wir auch gerade, wie wir den Browser besser mit der GNOME-Shell kombinieren könnten. Mir persönlich wäre es auch wichtig, die Entwicklung für GNOME zu erleichtern, um die Einstiegsbarriere für neue Entwickler möglichst niedrig zu halten, im Moment gibt es hier noch zahlreiche Hürden zu überwinden.

derStandard.at: Sind die angesprochenen Performance-Probleme nicht meist auf den X-Server zurückzuführen?

Owen Taylor: Das ist zwar eine verbreitete Meinung, aber überraschenderweise stimmt sie nicht. Meist sind solche Sachen ein Ergebnis von schlechtem Timing. Viele Anwendungen warte hier nicht korrekt, bis der Server fertig gerendert hat, bevor sie schon die nächste Anfrage starten, was zu kurzen Hängern führt. Wenn man das korrekt macht, ist die Performance meist sogar recht gut.

derStandard.at: Was ist eigentlich aus dem Online-Desktop  (Anm.: Taylor war führend an dessen Entwicklung bei Red Hat beteiligt) geworden, ist dieser vollkommen gestorben?

Owen Taylor: Ja, mehr oder weniger. Das Ganze hat ursprünglich aus mehreren Teilen bestanden: Dem zentralisierten Login, der aus dem Netz die notwendigen Daten holt, um überall die gleiche Umgebung zu präsentieren, sowie aus der vertieften Integration mit Online-Services und dem Web im Allgemein. Ich denke das zweite machen wir noch immer, der Sidebar für die GNOME Shell ist hier ein direkter Nachfolger. Der zentralisierte Login war hingegen der wirklich schwierige Teil, der vor allem beim Server-Teil erhebliche Schwierigkeiten bereitet hat und derzeit nicht mehr weiterentwickelt wird.

derStandard.at: Wir danken für das Gespräch!

(Andreas Proschofsky [@suka_hiroaki auf Twitter] aus Las Palmas, derStandard.at, 09.07.2009)

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    grafik: red hat
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