Silberstreif am Konjunkturhorizont?

9. Juli 2009, 17:21
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Österreichs Banken und die Krise: Kein Grund zur Sorge - Von Josef Christl

Zentral- und Osteuropa befindet sich mitten in einer schweren Rezession. Eine Rezession, die stärker ausgefallen ist, als viele erwartet haben, inklusive aller nationalen und internationalen Prognoseinstitutionen. Sie reicht von einem realen Rückgang des Brutto-Inlandsprodukts in Lettland um mehr als 15 Prozent bis zu einer vergleichsweise geringen Schrumpfung um ein Prozent in Polen im heurigen Jahr. Die exportabhängigen Wirtschaften Osteuropas werden durch den Einbruch der internationalen Konjunktur, insbesondere der westeuropäischen Konjunktur, und dem Versiegen des ausländischen Kapitalzuflusses massiv in Mitleidenschaft gezogen. Der Internationale Währungsfonds, die Rating-Agentur Moody's ebenso wie Nobelpreisträger Paul Krugmann haben seit längerem intensiv vor den zerstörerischen Rückkoppelungseffekten dieser Rezession auf Österreichs Banken und Staatshaushalt gewarnt und damit nicht nur einmal die internationalen Finanzmärkte und Investoren verunsichert. - Aber so, wie es derzeit aussieht, werden diese desaströsen Szenarien nicht eintreten. Warum? Weil gegenwärtig mehrere Entwicklungen eingesetzt haben, die diese Einschätzungen nicht Realität werden lassen.

Leistungsbilanzen im Aufwind

Da ist zunächst einmal die Mittelaufstockung des Internationalen Währungsfonds von 250 Mrd. auf 750 Mrd. US-Dollar und der EU (auf 50 Mrd. Euro) zur Bekämpfung von Zahlungsbilanzkrisen zu erwähnen. Dieses rasche, international koordinierte Handeln hat gezeigt, dass die Staatengemeinschaft aus den Fehlern der Vergangenheit wie etwa der Großen Depression oder der Asiatischen Krise gelernt hat.

Darüber hinaus verringern sich die Leistungsbilanzdefizite in der Region aufgrund der tiefen Rezession rascher als erwartet. Eine vor wenigen Tagen erschienene Analyse der ERSTE-Group Research hat gezeigt, dass sich etwa in Rumänien heuer das Leistungsbilanzdefizit (nach 13 Prozent des BIP im Vorjahr) halbieren dürfte. Und nicht zuletzt haben sich viele der in der Region ansässigen westeuropäischen Banken, nicht aus ihrer Funktion als Kreditgeber zurückgezogen und die Refinanzierungsrate hochgehalten, was gerade in einem bankenbasierten Finanzsystem von entscheidender Bedeutung ist. Diese Banken haben damit ihre längerfristigen Interessen in Zentral- und Osteuropa klar unter Beweis gestellt. Insgesamt scheinen somit die Finanzierungsprobleme der Auslandsverschuldung weitgehend gelöst - nicht in jedem einzelnen Land, aber doch im Großen und Ganzen. Die Finanzmärkte haben das - ebenso wie mittlerweile die Rating-Agenturen - klar erkannt.

Wertkorrekturen verkraftbar

Wie steht's aber um das Kreditexposure in dieser Region? Gemäß der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hatten die internationalen Banken inklusive ihrer Osttöchter Ende 2008 in der Region Kredite in der Höhe von 1500 Mrd. US-Dollar vergeben, 270 Mrd. davon entfallen auf Banken in österreichischem Eigentum.

Dass die Abschreibungen für notleidende Kredite im Rahmen dieses Kreditvolumens heuer und im nächsten Jahr erheblich ansteigen werden - allerdings von Land zu Land stark unterschiedlich -, kommt keineswegs überraschend und ist die Folge des starken wirtschaftlichen Abschwungs. Die entscheidende Frage ist nur: Sind diese potenziellen Wertberichtigungen verkraftbar? Und diese Frage kann ziemlich wahrscheinlich mit "Ja" beantwortet werden. Denn selbst bei einer unrealistisch hohen Ausfallsrate über alle Ostkredite von zehn Prozent, die unlängst bei einem besonders ungünstigen Konjunkturverlauf genannt wurden, würde dies einen temporären Abschreibungsbedarf von etwa 20 Mrd. Euro erfordern. Dem steht ein aktueller (unkonsolidierter) Kapitalpuffer aller österreichischen Banken von 92 Mrd. Euro und der noch vorhandenen Mittel aus dem Bankenhilfspaket von knapp zehn Mrd. Euro gegenüber. Insgesamt dürfte dieser Schutzschirm ausreichend sein, auch wenn es noch den einen oder anderen schwierigen Einzelfall zu lösen gilt. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch der jüngste Stress-Test der Oesterreichischen Nationalbank.

Im Übrigen gibt es auch erste Silberstreifen am Konjunkturhorizont: Erstmals seit zwei Jahren hat der Internationale Währungsfonds seine Wachstumsprognose für die USA und für Asien im Jahre 2010 wieder angehoben. Es würde nicht wirklich überraschen, wenn Europas Wachstumsperspektiven inklusive Zentral- und Osteuropa für das kommende Jahr ebenfalls leicht nach oben revidiert werden. (Josef Christl, DER STANDARD, Printausgabe, 10.7.2009)

Zur Person

Josef Christl, ehemals Chefökonom der CA und bis 2008 Direktor der Oesterreichischen Nationalbank, lehrt an der WU Wien.

  • Makroökonom Christl: Schutzschirm hält, Wachstum kommt.
    foto: hendrich

    Makroökonom Christl: Schutzschirm hält, Wachstum kommt.

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    Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. - Hier ein Beleg aus der Main-Region, aufgenommen vor der Bankenskyline in Frankfurt.

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