Gerard Mortier: "Die Philharmoniker sind verwöhnte Kinder"

9. Juli 2009, 18:46
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Der Exintendant der Salzburger Festspiele nimmt Abschied von Paris - und übersiedelt nach Madrid, wo er 2010 das Teatro Real übernimmt

Im Gespräch mit Joachim Lange zieht der Querkopf Bilanz.

Standard: Sie verlassen Paris ohne Galavorstellung und hinterlassen die Bastille als Baustelle ...

Mortier: Wir haben lange prozessiert und gewonnen. Von den 11,5 Millionen Euro, die die Reparatur der Verkleidung kostet, bekommen wir immerhin acht Millionen zurück. Die Bastille-Oper wird jetzt 20 Jahre alt. Mit ihr hat sich das Opernpublikum in Paris immer-hin vervierfacht! Jetzt haben wir 800.000 Besucher pro Jahr, und das sogar trotz meines vom konservativen Publikum kritisierten Programms. Zum Abschied wollte ich keine Belcanto-Gala machen. Stattdessen nutzt Anselm Kiefer mit einer gewaltigen Installation die riesige Bühne. Dazu hat Jörg Widmann eine Musik zu Texten aus dem Alten Testament komponiert. Ich finde es eben schöner, mit etwas Neuem wegzugehen!

Standard: Was war Ihr größter Erfolg? Und Ihr schwerster Misserfolg?

Mortier: Von den 48 Neuproduktionen sind natürlich einige schiefgegangen. Doch ich will da keine einzelnen nennen. Was ich aber geschafft habe, ist eine Veränderung des Repertoires. Ungefähr ein Drittel der Produktionen sind jetzt Werke des 20. Jahrhunderts. Und trotzdem haben wir eine Steigerung der Einnahmen! In meinen fünf Jahren habe ich eine Reserve von 60 Millionen Euro aufgebaut. Damit kann die Pariser Oper sogar einige Krisenjahre überleben. Zum Erfolg gehört auch das Durchschnittsalter des Publikums. Wir haben es von 58 auf 44 Jahre gesenkt! Ich hatte viele Gegner, aber auch einen starken Kern von Leuten, die dieses Neue immer verteidigt haben. Sicher werden diese Jahre eine Ausnahme in der Geschichte dieser Oper bleiben. Hier wird es in den nächsten Jahren leider die pure Restauration geben.

Standard: So wie in Salzburg?

Mortier: Nein - in Salzburg war das nicht so schlimm. Peter Ruzicka hatte gute Ideen, und auch Intendant Jürgen Flimm ist ja ein brillanter Kopf. Aber er hat sich zu wenig bemüht, er hat wohl geglaubt, dass das kein Vollzeitjob ist.

Standard: Sind Sie persönlich zufrieden mit Ihrer Paris-Bilanz?

Mortier: Was heißt zufrieden? Von all den Posten, die ich hatte, war dieser der für mich selbst am wenigsten inspirierende. Sicher, man kann die besten Künstler einladen und hat ein fantastisches Instrument. Aber ich habe permanent immer nur Output produziert und zu wenig Input gehabt. Das war in Salzburg völlig anders, weil man da viele interessante Leute kennengelernt hat. Paris ist nicht mehr die inspirierende Stadt, die sie noch in den 60er-Jahren war. Sie ist künstlerisch eigentlich nicht mehr kreativ und spiegelt sich sehr in sich selbst. Die jungen Künstler gehen heute lieber woandershin.

Standard: Sie übernehmen nun das Teatro Real. Ist das Publikum in Madrid nicht mindestens genauso konservativ wie in Paris?

Mortier: Ja, aber anders. Es ist vielleicht nicht so prätentiös und arrogant wie in Paris. Aber ich werde mich durchsetzen. Ich werde mit dem Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny in einer Inszenierung von La Fura dels Baus eröffnen. Sozusagen als kleine Schockübung. Und es wird Saint François d'Assise in einer Kabakov-Installation geben.

Standard: Also typisch Mortier?

Mortier: Ja schon. Aber es muss und wird auch eine echte Madrider Note haben. Eine Oper auf einen Lorca-Stoff zum Beispiel. Ich habe gehört, dass sich Aribert Rei- mann damit beschäftigt. Wir werden auch exportieren. Mahagonny und Hanekes Così nach Wien oder Pique Dame an die Scala.

Standard: Das klingt ja alles sehr vielversprechend, dabei wollten Sie ja eigentlich lieber nach New York?

Mortier: In New York haben sie erst gesagt: "Everything is possible". Dann gab es einen genau verhandelten Vertrag. Und ich hatte sogar schon durchgesetzt, dass das Haus für 100 Millionen Euro umgebaut wird. Das machen sie jetzt auch nach meinen Angaben. Für zwei Spielzeiten hatte ich alles schon fertig. Doch dann gab es auf einmal kein Geld mehr. Bei 32 Millionen Dollar Fixkosten kann man mit insgesamt 36 Millionen kein Programm machen. Ich hatte zwar Lust, einmal etwas anderes zu probieren, aber jetzt bin ich froh, dass es nicht geklappt hat. Unser europäisches System ist schon das bessere. Es war zwar hart für mich, die Künstler wieder auszuladen, aber einige kann ich mit nach Madrid nehmen.

Standard: Aber in Berlin wären Sie schon gerne Intendant geworden?

Mortier: In Berlin war ich immer für die Zusammenlegung der Opernhäuser. Aber ich hätte gerne auch die Staatsoper allein übernommen, wenn Barenboim einverstanden gewesen wäre, schon deshalb, weil sie umgebaut werden soll. Das hätte mich interessiert - ich habe überall umgebaut. Aber gegen Barenboim kann man nicht ankämpfen. Er weiß natürlich, dass ich genau durchblicke, was er macht - mit über 30 Konzerten und nur 17 Opern und mehr in der Scala als in Berlin. In diese Strategie habe ich nicht gepasst.

Standard: Glauben Sie, dass Dominique Meyer ab 2010 an der Wiener Staatsoper klarkommen wird?

Mortier: Dominique Meyer ist ein guter Arbeiter und ein sehr ernsthafter Mann. Vor allem kennt er die Philharmoniker. Man muss aber sehen, wie weit er sich ihnen auch stellen kann. Wir mögen sie ja alle. Aber sie sind wie verwöhnte Kinder, und man muss da manchmal auch sagen: Bis hierher und keinen Schritt weiter! Schwieriger wird es für ihn, langjährige Gewohnheiten zu verändern. Und man muss sehen, wie die Zusammenarbeit mit Franz Welser-Möst funktionieren wird. Er ist ein guter Dirigent, vor allem in der Oper. Aber er ist kein neuer Karajan. Außerdem muss man auch dem Rechnung tragen, was im Theater an der Wien passiert. Das ist in der letzten Zeit wirklich beachtlich. Ob es zum Beispiel nötig sein wird, an der Staatsoper Barockoper zu machen, das ist so eine Frage. Aber wie gesagt, man muss abwarten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.7.2009)

 

  • Das Musikprojekt "Au commencement" (Regie und Bühne Anselm Kiefer) war Gerard Mortiers Abschiedsproduktion an der Pariser Oper.
 

    Das Musikprojekt "Au commencement" (Regie und Bühne Anselm Kiefer) war Gerard Mortiers Abschiedsproduktion an der Pariser Oper.

     

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    Zur Person:
    Gerard Mortier, 1943 in Gent geboren, war in den 90er-Jahren Intendant der Salzburger Festspiele. Von 2004 an leitete er die beiden Pariser Opernhäuser, 2010 übernimmt er das Teatro Real in Madrid. 

     

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