"Krise hat unsere Kundschaft erreicht"

9. Juli 2009, 14:07
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Die Mietrückstände stiegen an, die Mahnungen ebenfalls - Wohnungswechsel gehen zurück, so Sozialbau-Chef Ludl

"Die Krise hat jetzt auch unsere Kundschaft erreicht", ist sich Herbert Ludl, Vorstand der Sozialbau AG, sicher. Bei der größten privaten heimischen Wohnbaugenossenschaft stiegen die Mietrückstände im 1. Quartal 2009 im Jahresvergleich um 21 Prozent an, die verschickten Mahnungen nahmen um zwölf Prozent zu. Die Delogierungen seien aber zurückgegangen, und auch die freiwilligen Wohnungswechsel hätten jüngst abgenommen: "Man gibt derzeit eine Wohnung nicht so schnell auf, weil ein Wechsel oft eine Verschlechterung bringt", so Ludl.

Mietern mit finanziellen Problemen rät der Sozialbau-Chef jedenfalls: "Wer sich gleich bei uns meldet, auf uns zukommt, ist besser dran" - Stundungen oder Ratenzahlungen können in aller Regel problemlos vereinbart werden. "Das Problem sind die, die auf Tauchstation gehen", so Ludl am Donnerstag bei der Präsentation der Bilanz 2008 der Sozialbau AG.

"Zweitbestes Ergebnis der Firmengeschichte"

Deren Eckdaten in Kürze: Der Umsatz ist von 38,2 Millionen Euro im Jahr 2007 auf 38,6 Mio. "bescheiden gewachsen" (Ludl), der Bilanzgewinn war mit fünf Millionen "deutlich geringer" als im Jahr davor (6,7 Millionen), aber immer noch "das zweitbeste Ergebnis der Unternehmensgeschichte". Der Rückgang sei ausschließlich im Finanzergebnis zu suchen, man habe 1,7 Millionen Euro abschreiben müssen, erklärte Ludl. Das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit betrug im Vorjahr 8,5 Mio. Euro (2007: 11 Mio.), die Bilanzsumme ging von 404,4 auf 402,5 Millionen Euro leicht zurück.

Das Eigenkapital wuchs um drei Prozent auf 122 Millionen Euro, die Eigenkapitalquote habe sich von 39,4 auf 41 Prozent erhöht. "Damit gehören wir zu den eigenkapitalstärkeren Unternehmen der Branche", zeigte sich Ludl stolz. Der durchschnittliche Wert liege nämlich bei nur zwölf Prozent.

433 Wohnungen im Vorjahr übergeben

Insgesamt habe man im Vorjahr 21 Millionen Euro an Mieteinnahmen verbuchen können. Die Durchschnittsmiete im Bestand der Sozialbau beträgt derzeit 3,31 Euro pro Quadratmeter.

Die Sozialbau AG verwaltet aktuell 46.262 Wohnungen, davon sind 38.549 Miet- und Genossenschaftswohnungen und 7.713 Eigentumswohnungen. 1.200 neue Wohneinheiten sind in Bau, 433 wurden im Vorjahr den Bewohnern übergeben.

Betriebskosten nur leicht gestiegen

Besonders stolz verkündete Ludl am Donnerstag außerdem, dass 87 Prozent der Sozialbau-Kunden in der Betriebskosten-Jahresabrechnung unter dem Strich ein Guthaben herausbekämen, insgesamt werden hier derzeit 5,8 Millionen Euro zurückbezahlt (166 Euro pro Mieter im Durchschnitt). Die Betriebskosten hätten sich im abgelaufenen Geschäftsjahr nur um 0,66 Prozent erhöht, "weil es zum Glück keine Gebührenerhöhung seitens der Stadt gegeben hat".

Trotz der Rückzahlungen habe es allerdings bei der Betriebskosten-Hotline der Sozialbau AG heuer viel mehr Anrufe gegeben - für Ludl ein weiteres Indiz für eine Zuspitzung der wirtschaftlichen Lage: "Die Leute sind aufmerksamer geworden, sensibler. Viele fragen auch nach, wann und wie sie das Geld bekommen." Grundsätzlich habe man aber überhaupt "eine sehr aufgeweckte Kundschaft. Jeder Bewohner ruft im Jahr im Durchschnitt viereinhalb Mal bei uns an."

Grundstückspreise als bestimmender Faktor

Die derzeit wieder von mancher Seite geäußerte Forderung nach Abschaffung der Wohnbauförderung nannte Ludl "unanständig", zeigte damit aber auch ein Problem auf: "Würde uns jemand ein Grundstück schenken, könnten wir auf sämtliche Förderungen verzichten und trotzdem zu den gewohnten Preisen Wohnungen anbieten." Die Preise für die Grundstücke seien nämlich praktisch der wesentliche Kostenfaktor, weshalb Ludl auch den kürzlich von Karl Wurm geäußerten Gedanken vollinhaltlich unterstützt. Der Obmann des Verbands der Gemeinnützigen Wohnbauträger schlug vor, die Gewinne bei Grundstücks-Umwidmungen verfassungsrechtlich zu beschränken.

Interessenten an einer von der Sozialbau verwalteten Wohnung rät Ludl, sich spätestens bei der Rohbau-Gleiche anzumelden, um wegen der langen Wartelisten eine Chance zu haben. Schwerpunktmäßig werden derzeit Projekte in "Transdanubien" (21. und 22. Bezirk) sowie in Liesing (23.) und Favoriten (10.) gebaut.

Eigentümer der Sozialbau AG sind die A.W.H. Beteiligungsgesellschaft (im Besitz des Verbandes der Wiener Arbeiterheime; 27,2 Prozent), die Genossenschaften "Heimstätte" (ca. 25 Prozent) sowie "Familie", "Volksbau", "Wohnbau" (zu je rund 15%). Weiters sind die SPÖ Wien (2,9 %) und die Bundes-SPÖ (0,1%) beteiligt. (map, derStandard.at, 9.7.2009)

  • Herbert Ludl, Vorstand der Sozialbau AG, freut sich über das "zweitbeste Ergebnis der Unternehmensgeschichte", blickt aber mit Sorge auf die verschlechterte Zahlungsmoral seiner Kunden.
    foto: sozialbau ag wien

    Herbert Ludl, Vorstand der Sozialbau AG, freut sich über das "zweitbeste Ergebnis der Unternehmensgeschichte", blickt aber mit Sorge auf die verschlechterte Zahlungsmoral seiner Kunden.

  • Das "Wohmodell Interethnische Nachbarschaft" in Wien-Liesing, realisiert von der Sozialbau-Tochter Urbanbau, wurde kürzlich mit dem "1. Wiener Wohnbaupreis" ausgezeichnet. Seit neun Jahren wohnen hier 140 Mieter aus 18 Nationen, laut Jury ist dieses Projekt "noch heute in vielerlei Hinsicht vorbildlich und zukunftsweisend".
    foto: sozialbau ag wien

    Das "Wohmodell Interethnische Nachbarschaft" in Wien-Liesing, realisiert von der Sozialbau-Tochter Urbanbau, wurde kürzlich mit dem "1. Wiener Wohnbaupreis" ausgezeichnet. Seit neun Jahren wohnen hier 140 Mieter aus 18 Nationen, laut Jury ist dieses Projekt "noch heute in vielerlei Hinsicht vorbildlich und zukunftsweisend".

  • Weiterhin konzentriert sich die Sozialbau 
auch voll auf die thermische Sanierung von Bestandswohnungen. Das Sanierungsvolumen 
erhöhte sich 2008 um neun Prozent auf 29,2 Mio. Euro, 158 Objekte mit über 
13.000 Wohnungen seien damit... 
    foto: sozialbau ag wien

    Weiterhin konzentriert sich die Sozialbau auch voll auf die thermische Sanierung von Bestandswohnungen. Das Sanierungsvolumen erhöhte sich 2008 um neun Prozent auf 29,2 Mio. Euro, 158 Objekte mit über 13.000 Wohnungen seien damit... 

  • ...auf Niedrigenergiestandard gebracht worden (Bild: Anlage in der Kanitzgasse in Wien-Liesing). "Wir haben bereits 
75 Prozent unserer Wohnungen, die älter als 40 Jahre alt sind, thermisch 
saniert", zeigt sich Ludl erfreut und will "die doch 
sehr opulente Förderung der Stadt Wien" in Anspruch nehmen, solange es sie noch 
gibt.
    foto: sozialbau ag wien

    ...auf Niedrigenergiestandard gebracht worden (Bild: Anlage in der Kanitzgasse in Wien-Liesing). "Wir haben bereits 75 Prozent unserer Wohnungen, die älter als 40 Jahre alt sind, thermisch saniert", zeigt sich Ludl erfreut und will "die doch sehr opulente Förderung der Stadt Wien" in Anspruch nehmen, solange es sie noch gibt.

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