Sitzenbleiben ist Ansporn zum Aufstehen

11. August 2009, 13:23
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Viele Schüler besuchen die falsche Schule - Ohne Noten und Wieder­holungsjahre würde das vielen gar nicht auffallen - Von Teresa Eder

Noten sind naturgegebenermaßen nur ein Indikator, der die Leistung eines Kindes bewertet und beurteilt. Eine einzige Zahl entscheidet, wer "Gut" oder doch "Nicht Genügend" gearbeitet und gelernt hat. Und eine Lehrperson entscheidet für sich selbst, wie sie diese Bewertungsmaßstäbe anlegt. Es entsteht oft zu Recht der Eindruck, dass das hiesige Notensystem nur wenig Aussagekraft über die tatsächlichen Können und Talent der SchülerInnen hat. Wer bei dem einen Lehrer wegen zu vieler Fehler durchfällt, hat bei einem anderen schon durch sein augenscheinliches Bemühen im Unterricht eine positive Note.

Verbale Beurteilungen wären daher zumindest teilweise an den Schulen angebracht. Daraus allerdings abzuleiten, dass das sogenannte "Sitzenbleiben" ebenfalls veraltet sei und dementsprechend abgeschafft werden müsste, ist ein Fehler. Denn welche Funktion hat es, wenn ein Schüler nicht zum Aufsteigen in die nächsthöhere Schulstufe berechtigt ist? Keineswegs eine schikanierende - auch wenn das in der Gesellschaft anders verankert ist. Es soll allein aufzeigen, dass jemand noch nicht bereit ist, den nächsten Schritt zu tun. Ob der Grund bei mangelndem Interesse, Faulheit oder auch fehlenden Fähigkeiten zu finden ist, muss von Fall zu Fall bewertet werden. Die Frage, die sich stellt: schadet oder nützt es einem Kind mehr, wenn es deshalb ein Schuljahr mit allen Fächern noch einmal wiederholen muss?

Natürlich werden Kinder oft aus ihrem sozialen Gefüge, dem Klassenverband gerissen - das mag mitunter sehr schmerzhaft sein. Allerdings vergibt kein Lehrer leichtfertig negative Noten. Erst wer Wiederholungsprüfungen nicht besteht und in zu vielen Fächern ein "Nicht Genügend" hat, darf nicht aufsteigen. Die Gefahr, dass SchülerInnen aufgrund von Streitereien oder Unstimmigkeiten mit dem Lehrer, sitzenbleiben müssen, besteht de facto nicht. Denn die derzeitigen Regelungen im Schulunterrichtsgesetz sehen vor, dass SchülerInnen mit einem oder zwei Nicht Genügend aufgrund eines Beschlusses der Klassenkonferenz trotzdem aufsteigen dürfen. Wer also nur einen "kurzen Ausrutscher" während des Schuljahres hat oder an einen Lehrer geraten ist, der ihm nicht behagt, muss nichts befürchten.

SchülerInnen, die hingegen drei oder mehr "Nicht Genügend" im Zeugnis haben, müssen die Klasse wiederholen. Bei ihnen kann bezweifelt werden, ob man ihnen etwas Gutes tut, wenn sie etwa bis kurz vor der Matura mitgeschleppt werden. Das Gefühl, ein Versager zu sein und den anderen immer einen Schritt hinten nach zu sein, verfestigt sich dann über die Jahre.

Bei Kindern mit mehreren negativen Noten stellt sich allerdings sowieso die Frage, ob wirklich der richtigen Schultyp ausgewählt wurde. Oft wollen Eltern ihre Kinder unter allen Umständen an ein Gymnasium schicken, und sei es nur aus "Prestigegründen". Auf die Bedürfnisse der Kinder wird selten geschaut, trotzdem müssen diese die Fehler der Eltern am Ende ausbaden. Eine Vielzahl an schlechten Noten können also oft auch als notwendiges Signal gewertet werden, dass ein Schulwechsel gut wäre. Denn drei "Nicht Genügend" werden nicht grundlos vergeben. Lehrer müssen schließlich auch ihren Kollegen, den Eltern und Schülern auch entsprechend erklären können, warum es zu einer negativen Note gekommen ist.

Es wird vergessen, dass das "Sitzenbleiben" der Schülerlaufbahn auch eine positive Wendung geben kann. Wer auf Anraten von Lehrern dann die Schule verlässt, kommt oft zu unverhofften Erfolgserlebnissen. Ehemalige "Fünfer"-Schüler werden dann an anderen Schulen plötzlich zu "Vorzugsschülern". Versagensängste, die vorher an der alten Schule noch bestimmend waren, sind vergessen, weil die LehrerInnen an anderen Schulen andere Bewertungssystem haben. 

Die Frage nach dem Für und Wider des Sitzenbleibens wirft deshalb auch wieder jene nach der Vergleichbarkeit von verschiedenen Schulsystemen auf. Solange Hauptschule und Gymnasium ein anderes Bildungsniveau verfolgen, ist das Wiederholen einer Schulstufe und/oder der Schulwechsel eine adäquate Maßnahme, um Schwächen auszubessern. Was aber wenn es flächendeckend "Neue Mittelschulen" gibt mit annähernd denselben verbalen Bewertungssystemen? Wie funktioniert ein Schulsystem, das jeden Schüler aufsteigen lässt? Wo sind dann die Anreize, ein gewisses Ziel erreichen zu wollen? Solange es im Kontext der Neue Mittelschule keine Antworten auf diese Fragen gibt, wäre es auch vorschnell das "Sitzenbleiben" an den derzeitigen Schulen abzuschaffen.
(Teresa Eder/derStandard.at, 09.07.2009)

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