Zwischen Bedeutung und Fehlinterpretation

8. Juli 2009, 22:23
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Mit Marcin Maciejowski gastiert ein gefeierter polnischer Malerstar in der Galerie Meyer Kainer in Wien

Er missinterpretiert, definiert, hat keine Gnade, missinterpretiert und fährt nach Italien. So die Kurzfassung von Marcin Maciejowskis Definition eines Kunstkritikers. Diese hat er ebenso wie die Definition eines Künstlers, die sogar eine Spur selbstkritisch ist, auf Leinwände gepinselt.

Die beiden schlichten Leinwände sind nur zwei von insgesamt drei Dutzend neuen Arbeiten (2008, 2009), die in der Galerie Meyer Kainer bis in den Boltenstern Raum hinauf hängen. Lange hat hier niemand mehr das ganze Haus bespielt, aber Maciejowski ist neben seinen Studienkollegen Rafal Bujnowski und Wilhelm Sasnal einer der gefeierten polnischen Malerstars. Gemeinsam hatten sie an der Krakauer Kunstakademie die Gruppe "ladnie" ("schön") gegründet, die gegen den aus sozialistischen Zeiten übriggebliebenen realen Malstil rebellierte. Heute hängen ihre Bilder brav an Wänden statt an Bäumen.

Im Diptychon des ungleichen Künstler-Kritiker-Gespanns ergänzt Maciejowski die Zuschreibungen mit reduzierten Piktogrammen der Protagonisten. Der Künstler: durstiger Schluck aus der Bierdose, Zigarette, die jüngsten Notizen stecken im zerknitterten Anzug; sein weibliches Gegenüber trägt T-Shirt, Pony und quergeschulterte Tasche. Die beiden männlichen (!) Kritiker: einander im intensiven Diskurs zugewandt, unauffällige, vielleicht gar langweilige Kleidung, sitzend. Im Vergleich zum legeren "hanging around" der Künstler eine doch sehr gediegene Pose.

Sicher kein wahrhaftiges Bild, das der 30-jährige Maciejowski zu illustrieren sucht, sondern mehr belustigende Karikatur, gefüttert mit Klischees und dem ein oder anderen subjektiven Erfahrungswert. Zurückgenommen im malerischen Ausdruck, erscheinen die Arbeiten zunächst sehr anders als seine übrigen Leinwände. Was sie eint, ist ihre Haltung des Zur-Diskussion-Stellens, ihre Überprüfung von Wertigkeiten: Die Vorlagen für Maciejowskis Bilder sind Fotos aus Magazinen, Zeitungen, Büchern, Bilder von Promis mit und ohne Gesicht oder historische Persönlichkeiten. Dazu mengen sich Schnappschüsse vom letzten Frühstückskaffee mit der Freundin, von einer Party oder dem für die nächste Internetauktion abgelichteten Bücherregal.

Mediale Wirklichkeit und Künstleralltag werden durch seine Malerei auf dieselbe Erscheinungsebene gestellt, werfen daher Fragen zur Gleichwertigkeit auf. Theoriefloskeln geben da und dort Hinweise auf das Ringen nach Bedeutung und Verständnis. Oder sie sind Vorgriffe auf die nächste Fehlinterpretation. (kafe / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.7.2009)

 

Galerie Meyer Kainer, Eschenbachgasse 9, 1010 Wien. Bis 31. 7.

  • Weisen interpretative Fehlleistungen auf die Suche nach Bedeutung hin? "This realism as trivial" von Marcin Maciejowski
 
 
    foto: meyer kainer

    Weisen interpretative Fehlleistungen auf die Suche nach Bedeutung hin? "This realism as trivial" von Marcin Maciejowski

     

     

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