Salzburg: Tänze und Zersplitterungen des Ichs

8. Juli 2009, 22:15
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Tim Etchells, Astrid Endruweit und eine Installation im Rahmen des Themas "Autobiografie"

Salzburg - Längst vorbei scheint die Zeit zu sein, in der das autobiografische Tanzsolo sich noch als narzisstisches Befindlichkeits- oder Muskelspektakel genügt hat. Das Salzburger Sommerszene-Festival zeigt nun, dass die Beschäftigung mit dem Ich auf der Bühne eine Gratwanderung bleibt.

Unter der Regie von Tim Etchells, dem nicht nur in progressiven Theaterkreisen als hervorragende Künstlergröße geltenden Leiter der britischen Gruppe Forced Entertainment, hat die Rosas-Tänzerin Fumiyo Ikeda eine Reflexion ihrer Künstlerinnenexistenz In Pieces entwickelt.

Geschickt lenkt Etchells den Selbstdarstellungsdrang der Darstellerin durch charmante Aufzählspiele ab und verführt Ikeda zu zauberhaften Momenten der Selbstdistanzierung. So bewahrt er sie vor allzu grüblerischer Innigkeit. Anne Teresa De Keersmaekers langjährige Tänzerin hat nun bereits zum zweiten Mal mit einem prominenten Künstler ein Solo erarbeitet. Vor zwei Jahren ist sie (mit Alain Platel und Chris Verdonck) an dem Vorgängerstück Nine Finger gescheitert.

Auch In Pieces - das im August noch einmal bei Impulstanz zu sehen sein wird - gerät merkwürdig dünn im Vergleich mit Etchells' sonstigem OEuvre, etwa dem brillanten Monolog Sight is the sense that dying people tend to lose first für den Performer Tim Fletcher oder die phänomenale Graphic Novel für die Bühne, Void Story, die schon bald beim Steirischen Herbst zu sehen sein wird.

Eine Frau mit Kuchen

Leider nur an einem Abend zeigte die Sommerszene in den Mönchsberg-Kavernen die von der Tanzwissenschafterin Nicole Haitzinger und der Choreografin Lisa Hinterreithner konzipierte Installation Autobiografie. Zur Performance des Ichs. Als Musterbeispiele im Video wurden Arbeiten vorgeführt, die mit dem Autobiografischen in die Gesellschaft verweisen: allen voran Xavier Le Roys bahnbrechende Lectureperformance Product of Circumstances, die den Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Körperlichkeit in einem neuen Zugang zum Tanz ausleuchtet, und Jérôme Bels Véronique Doisneau, in der eine Ballerina die beengende, demütigende Hierarchie im Ballett darstellt.

Rabih Mroué, Eszter Salamon und Oleg Soulimenko mit Andrei Andrianov beschäftigen sich mit ihren Heimaten: Libanon, Ungarn und Russland. Sie nutzen das Solo, um Fragen der Repräsentation, der Produktion von Stereotypen und, wie bei Mroué, der Inszenierung von Krieg abzuhandeln.

Mit diesen zeitgenössischen Statements wurden schriftliche Selbstdarstellungen von Tanzklassikern wie Vaclav Nijinsky, Isadora Duncan, Valeska Gert und Grete Wiesenthal konfrontiert. Live-Performances von Soulimenko und Hinterreithner ergänzten das Programm.

Ebenfalls in den Kavernen ist - noch bis zum 18. Juli - die Videoinstallation Frau mit Kuchen der jungen deutschen Choreografin Astrid Endruweit zu sehen. Auf sechs synchron bespielten Leinwänden inszeniert sie die Abgründe eines zersplitterten Selbst.

Sie stilisiert sich zur Marlene-Dietrich-haften Diva, zu einer den Haarföhn anweinenden Verzweifelten, lässt im Hotelbett ihre Brüste hüpfen, aalt sich als verrottetes Bunny in einer Dusche, schaut als kaltes Kameraauge einer Fliege beim Sterben zu oder einfach auf die nächtliche Straße.

Auf alt geschminkt, macht die Tänzerin obszöne Zungenspiele, und als Vereinsamte knallt sie ihr verhärmtes Gesicht in einen eklig aussehenden Apfelstrudel. Eine verlorene urbane Existenz, die immer wieder von allein in ihren Wohnungen tanzenden Männern träumt. Frau mit Kuchen ist Endruweit als perfekt montiertes Meisterwerk gelungen. Am Donnerstag ist sie bei der Sommerszene in einem Porträt zu sehen, das der große Regisseur und Choreograf Michel Laub für sie erarbeitet hat. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.7.2009)

 

  • Tim Etchells
    foto: standard / corn

    Tim Etchells

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