"Brüno" ist die jüngste Kunstfigur des britischen Satirikers. Von Beginn an zielte sein anarchischer Humor darauf, Scheinmoral und gut versteckte Ressentiments zu offenbaren
Warum es gerade Österreich ist, das der britische Komiker Sacha Baron Cohen als Hintergrund für seinen flamboyanten Modeguru Brüno gewählt hat, darüber lässt sich nur spekulieren. Als professionellen Satiriker, der mit seinen Figuren immer wieder kulturelle Besonderheiten grotesk übersteigert, dürften ihn die spielerischen Qualitäten eines deutsch-englischen Kauderwelschs besonders gereizt haben. Die Möglichkeit, politische inkorrekte Späße über verheerende Seiten der österreichischen Vergangenheit zu treiben, hat Cohen, der schon als kasachischer Reporter Borat mit antisemitischen Klischees offensiv verfahren ist, sicher noch zusätzlich motiviert.
Cohen, 1971 in London geboren, entstammt einer jüdisch-orthodoxen Familie - seine Mutter kommt ursprünglich aus dem Iran - und studierte in Cambridge Geschichte (Dissertationsthema: die jüdische Mitwirkung an der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung). Wer angesichts dieses Bildungswegs meint, Cohen habe sich von seinen Anfängen entfernt, irrt: Denn von Ali G an, seiner ersten Verkörperung, mit der er 1998 im Fernsehen debütierte und die 2000 zur eigenen Show erweitert wurde (Da Ali G Show), hat seine Komik - bei aller Dreistigkeit - auch eine aufklärerische Note.
Ali G ist ein britischer Proletarier, der die Kennzeichen minoritärer Jugendbewegungen ins Extrem treibt: Eigentlich handelt es sich dabei um die Codes der Chav-Kultur sowie jener pakistanischer Immigranten und des Gangsta-Raps. Schon bei dieser ersten Rolle hagelte es Proteste, Cohen, hieß es, bemühe rassistische Klischees. Doch die Kunstfiguren des Komikers kreisen nie um sich selbst, sondern werden erst in der Konfrontation mit anderen wirksam. Die Verkleidung erlaubt es Cohen, in Interviews mit Personen des öffentlichen Lebens scheinbar unverrückbare Überzeugungen infrage zu stellen und damit Doppelmoral und Interessenspolitik zu entlarven.
2002 wagte Cohen mit dem Film Ali G Indahouse erstmals auch den Sprung ins Kino. Der große Erfolg kam allerdings erst mit der anarchischen Doku-Comedy Borat, in welcher der aufrichtig rassistische TV-Journalist in die USA reist und dort mit seinen reaktionären Ansichten auf überraschend großes Verständnis trifft. Der Film spielte 260 Millionen Dollar ein, seitdem ist Cohen auch eine starke Marke im Filmgeschäft: Brüno wurde wochenlang mit hohem Marketingaufwand promotet.
Interviews als Sacha Baron Cohen sind rar: "Ich bin ein Privatmensch", sagt der Brite, der zurückgezogen mit der australischen Schauspielerin Isla Fisher und Tochter Olive lebt. "Meine Figuren können ruhig berühmt sein, aber ich versuche, ein normales Leben zu führen." Mit Brüno scheint nun aber auch ein Weg zu enden: Die Figuren der Ali G Show sind alle erschöpft - und mit ihrem Ruhm fällt es in Zukunft wohl auch Cohen immer schwerer, Menschen hinters Licht zu führen. (kam / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.7.2009)