Wie baut man ein ganz neues Interface?

8. Juli 2009, 19:06
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Intel gibt Einblick in Design-Prozess für die Oberfläche des eigenen Netbook-Linux - Vorschusslorbeeren für GNOME 3.0 und Google Chrome OS

Im Rahmen eines Vortrags am Gran Canaria Desktop Summit hat Intel-Entwickler Nick Richards einen  Blick hinter die Kulissen des Design-Prozess hinter dem neuen Interface für das Netbook-Linux Moblin gewährt. Der beim Hardwarehersteller als "Interaction Designer" beschäftigte Richards strich dabei die Relevanz einer guten Planung mehrfach heraus.

Grundsätze

Entsprechend habe man sich zunächst einmal überlegt, was man mit dem Moblin 2.0 UI erreichen wolle. Grundvorgabe war, etwas zu schaffen, das besser als aktuelle Windows- oder Mac-Oberflächen für die gestellten Aufgaben geeignet sei, immerhin habe sich seit deren Schaffung einiges in der Computerwelt getan. Dazu gehören nicht nur neue Devices - wie eben Netbooks - sondern auch der Umstand, dass das Internet mittlerweile die zentrale Rolle im Desktop-Alltag einnehme.

"It's not for you"

Ein wichtige Frage sei auch die Klärung der Zielgruppe gewesen, unter der Überschrift "It's not for you" strich Richards heraus, dass man hier nicht auf fortgeschrittene EntwicklerInnen sondern auf den Massenmarkt abziele. Die typische Nutzungsumgebung sieht er dabei als die Couch im heimischen Wohnzimmer, also ohne Maus und mit einer Reihe von umgebenden Ablenkungen.

Umgebung

Eine Einschätzung, die trivial klingen mag, aber für die UI-Entwicklung durchaus relevant ist, schließlich müsse man die Steuerung optimal an eine solche Nutzung anpassen. Dabei sei die Tastatur eigentlich das wichtigste Element, einbezogen werden muss auch der Umstand, dass die Touchpads im Netbook-Bereich meist von geringer Qualität sind, fragile Elemente alleine schon deswegen nicht in Frage kommen.

Look

Viel Wert hat man außerdem auf ein gutes Aussehen der Oberfläche gelegt, immerhin sollen Geräte mit Moblin auch über den Einzelhandel verkauft werden. Hier müsse man die KundInnen innerhalb von wenigen Minuten für sich gewinnen, ein Vorgang, bei dem optische Fragen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.

Zugang

Besonderen Wert habe man außerdem darauf gelegt, dass das Interface einfach zugänglich ist, ohne dass man dabei die fortgeschrittene Funktionalität beschneide. Das Moblin-System soll sich außerdem mit der Zeit automatisch an die Vorlieben der NutzerInnen anpassen, die Notwendigkeit von manuellen Konfigurationen will man weitgehend verhindern.

Startschuss

Erst nach der Klärung all dieser Grundannahmen sei man den eigentlichen Design-Prozess angegangen, zunächst mit handgezeichneten Entwürfen und Wireframe-Grafiken, die man mit den EntwicklerInnen auf ihre Umsetzbarkeit besprochen haben. Erst später seien dann animierte Mockups und die konkrete Implementation gefolgt. Oft würden gerade große Unternehmen den ProgrammiererInnen einfach ein paar tausend Seiten an Spezifikationen in die Hand drücken, anhand der sie etwas implementieren sollen. Ein Ansatz aus dem kein vernünftiges Ergebnis resultieren kann, wie sich Richards überzeugt zeigt.

Usability

Nach einem Überblick über die konkreten Funktionen von Moblin 2.0 (die aber schon an anderer Stelle ausführlich besprochen wurden), ging Richards noch auf einige Fragen aus dem Publikum ein. Dabei gestand er etwa ein, dass es bisher kein formales Usability-Testing gegeben habe, allerdings sei dieses bei vollständig neuen Interface-Ansätzen seiner Meinung nach nur begrenzt aussagekräftig. Statt dessen plant man derzeit eine ausführliche Studie über den Alltags-Einsatz von Moblin..

Gerätefragen

Berichte, dass Intel mit Moblin auch auf den Mobilfunktmarkt abziele, bestätigte Richards indirekt, man habe noch kleinere Devices als Netbooks im Blick gab sich der Interaction Designer diplomatisch. Wenig überraschend auch, dass es OEM-Verträge mit diversen Netbook-Herstellern geben soll, damit diese Moblin vorinstalliert ausliefern. In diesem Bereich arbeitet man aber auch mit anderen Partnern wie etwa Novell zusammen.

GNOME 3

Erfreut zeigte sich der Entwickler über die Pläne für GNOME 3.0, aus seiner Perspektive sei die GNOME Shell sehr vielversprechend, auch wenn das Ganze wohl vor allem für Screens mit höherer Auflösung geeignet ist. Allerdings ergeben sich hier auch Chancen verstärkt Code auszutauschen, etwa beim OpenGL-basierten Window Manager Mutter, der sowohl bei GNOME 3 als auch bei Moblin zum Einsatz kommen soll. Richards betonte dabei, wie wichtig die Zusammenarbeit für das Unternehmen ist, schließlich verstehe man sich selbst als Teil der GNOME-Community.

Chrome OS

Zum Abschluss ließ sich Richards dann auch noch einen Kommentar zum wenige Stunden zuvor angekündigten Google Chrome OS entlocken: Das Ganze klinge durchaus interessant, allein schon weil bei Google schlaue Leute arbeiten. Allerdings hoffe er, dass man sich hier etwas offener gebe als bei Android, konnte sich Richards dann doch einen kleinen Seitenhieb nicht ersparen. Eine Bemerkung, die die Stimmung der Anwesenden wohl durchaus korrekt wiedergibt, viele Open-Source-EntwicklerInnen kritisieren mehr oder weniger offen, dass Google nur äußerst schlecht mit der Community zusammenarbeite. (Andreas Proschofsky [@suka_hiroaki auf Twitter] aus Las Palmas / Gran Canaria, derStandard.at, 08.07.2009)

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