Reportage: Zuwandererdorf Macondo

Simmeringer Integrations­­­bau wird geschlossen

8. Juli 2009, 18:07
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    foto: standard/ corn

    Das Gelände der Kaiserebersdorfer Kaserne in Wien-Simmering ist seit 40 Jahren Zufluchtsort für Flüchtlinge. Der Integrations-fonds übergibt das gelbe Haus demnächst ans Innenministerium

Ein Polizeianhaltezentrum ist angedacht - Das Vorzeigeviertel internationaler Nachbarschaft könnte zum Ghetto werden

Das Integrationswohnhaus im Wiener Flüchtlingsdorf Macondo war bisher wichtige Anlaufstelle für sämtliche Bewohner. Nun wird es geschlossen - und möglicherweise durch ein Polizeianhaltezentrum ersetzt - Von Martina Stemmer

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Wien - Den äußersten Rand von Simmering will Tavfa Ibrahim auf keinen Fall gegen eine niederösterreichische Kleinstadt eintauschen. „Meine Kinder lieben Wien", sagt sie, „und was sollen wir in Mödling anfangen?" Die aus Syrien stammende Kurdin lebt seit vier Monaten mit ihren beiden Söhnen in „Macondo", jenem Flecken Stadt, an dem sich seit mehr als 40 Jahren Flüchtlinge ansiedeln.

Familie soll nach Mödling übersiedeln

Jetzt soll die Familie vom 11. Bezirk nach Mödling übersiedeln. „Ich hoffe, wir kommen doch noch wo anders unter. Denn Arbeit finde ich dort sicher keine." So wie 140 weitere Asylberechtigte leben die Ibrahims übergangsmäßig in einem schmucklosen gelben Wohnbau, dem Kardinal-König-Haus. Vor gut 15 Jahren ließ der Integrationsfonds dieses Gebäude auf dem Gelände der Kaiserebersdorfer Kaserne zwischen den städtischen Entsorgungsbetrieben und dem Alberner Hafen errichten. 

Übergangswohnung

Nun soll die Einrichtung, in der Flüchtlinge nach positivem Asyl-Bescheid ein Jahr bleiben können, geschlossen werden. „Die Nachfrage nach den Wohnplätzen ist in den letzten Jahren gesunken", sagt Ursula Schallaböck vom Integrationsfonds. „Die meisten Asylberechtigten wollen lieber gleich etwas Dauerhaftes als eine Übergangswohnung." Man konzentriere sich künftig auf die anderen beiden Flüchtlingshäuser in Mödling und im 9. Bezirk. 

Während das zweite Wohnheim in Macondo, in dem Asylberechtigte bis zu fünf Jahre lang unterkommen, bestehen bleibt, soll das gelbe Haus im Herbst dem Innenministerium übergeben werden. Was dann aus dem Bau wird, ist noch unklar.

Polizeianhaltezentrum

Angedacht ist ein Polizeianhaltezentrum, in dem Familien, deren Asylbescheid abgelehnt wurde, bis zu ihrer Abschiebung untergebracht werden. Anerkannte Flüchtlinge, die in Österreich bleiben dürfen, und Einwanderer, die auf ihre Abschiebung warten, leben dann Tür an Tür.

Zufluchtsort für Zuwanderer

Seit den Siebzigern dient das Gelände der Kaiserebersdorfer Kaserne als Zufluchtsort für Zuwanderer mit Flüchtlingsstatus. Rund 3000 Menschen leben derzeit dort. In den Siebzigern siedelten sich neben Osteuropäern und Vietnamesen vor allem Lateinamerikaner an - woher auch der Name Macondo stammt: ein fiktiver Ort, in dem Nobelpreisträger Gabriel García Márquez seinen Roman „Hundert Jahre Einsamkeit" ansiedelte. Viele, die im wild umwucherten Flüchtlingsdorf mit der zum Wohnbau umfunktionierten Kaserne und den schmalen gelben Reihenhäusern anfangs nur eine Zwischenstation sahen, sind bis heute dort geblieben. 

Es gibt kaum Wickel

Maria Raso zum Beispiel. Mit ihren vier Kindern flüchtete sie Ende der Siebziger aus der Tschechoslowakei, seit 1982 wohnt sie in der alten Kaserne. „Ich lebe sehr gerne hier", sagt sie. „und habe auch nicht vor, wegzugehen." Wickel zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen gäbe es kaum. „Es kapieren eigentlich alle sehr schnell, dass wir hier eine Gemeinschaft sind. In einer großen Gemeindebausiedlung passiert wahrscheinlich mehr als bei uns."

Zeiten, in denen bis zu 30 Nationen gemeinsam feierten

Wobei der Zusammenhalt früher noch größer gewesen sei - auch wegen der von den aus Chile stammenden Bewohnern organisierten Feste. „Da waren wirklich alle da. Und für die Kinder gab es sogar ein Ringelspiel." An diese alten Zeiten, in denen bis zu 30 Nationen gemeinsam feierten, will die Künstlergruppe Cabula6 anknüpfen: Sie hat eine Wohnung in der Kaserne gemietet und gemeinsam mit den Bewohnern eine Reihe von Projekten - vom Freiluftkino bis zum Graffiti-Workshop - auf die Beine gestellt. „Ich glaube, wir erleben gerade einen sehr wichtigen Moment in der Geschichte von Macondo", sagt Cabula6-Mitglied Jeremy Xido. „Es kann zum Vorzeigeviertel in Sachen internationaler Nachbarschaft werden. Oder zum verlorenen Ghetto." 

Mikrokosmos wird verändert

Sollte das Polizeianhaltezentrum kommen, verändere das den Mikrokosmos grundlegend. „Das gelbe Haus war eine wichtige Anlaufstelle für alle." Gemeinsam mit Sozialarbeitern und der MA 17 (Integration) überlegt die Künstlergruppe, wie es bezüglich Stadtteilarbeit weitergehen könnte. Angedacht sind ein Gemeinschaftsgarten, ein Info-Büro sowie eine Reihe von Kulturveranstaltungen. (Martina Stemmer, DER STANDARD Printausgabe 9.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 114
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Jambala Magdalena
18
11.7.2009, 16:00

Tschechien und Slowakei sind jetzt in der EU, warum hat denn diese Frau jetzt immer noch einen Flüchtlingsstatus?

Manfred MacGyver
03
11.7.2009, 13:39
unangebrachte hysterie vol. 2...

aber wie auch immer: bei den menschen die nun künftig nicht mehr in "macondo" wohnen werden war es nie beschlossene sache dass sie dort künftig auch wohnen werden...es wird lediglich das auf ein jahr befristete wohnheim geschlossen, die menschen andernorts zu denselben bedingungen untergebracht! einzige nennenswerte änderung ist jene dass nun nicht mehr ständig sozialarbeiter und anderes personal sich um die menschen kümmern...

persönlich finde ich die schließung des iwh (schon aus solidarischen gründen) sehr schade...behauptungen von wegen "entwurzelung" etc sind aber imho grundlos und stellen das ganze dann doch schwärzer da als es tatsächlich ist! härter trifft es hier das ehemalige personal des wohnheims...

Manfred MacGyver
03
11.7.2009, 13:35
teilweise unangebrachte hysterie...

alles was geschlossen wird ist das eine wohnheim, in dem die menschen ohnehin bisher nur auf ein jahr befristet bleiben durften. der rest bleibt erhalten...somit wird also niemand entwurzelt o.ä. die derzeitigen bewohner des "gelben hauses" werden nun auf die beiden anderen wohnheime im 9. und vorderbrühl umgelegt, wo sie ebenfalls grundsätzlich nur ein jahr bleiben werden. schon bisher ist nicht jeder ehemalige bewohner des iwh kaiserebersdorf am gelände sesshaft geworden, im gegenteil, bei vielen bewohnern gilt die "zinnergasse" als absolut unerstrebenswerte "endstation" (also für eine langfristige bleibe). und bzgl. arbeit: wien ist von der vorderbrühl aus wesentlich besser zu erreichen als von kaiserebersdorf (meine meinung)...

fabrikant
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was sollen wir in Mödling anfangen

Viele wären froh, könnten sie sich die Mieten in Mödling leisten. Für den syrischen Flüchtling ist diese Kleinstadt natürlich nicht zumutbar.

Aber vielleicht findet sich ja doch nochwas in 1090 Wien - einem der nachgefragtesten (und teureren) Wohnbezirke....

Kind von Traurigkeit
147
Respekt.

Ihre Ausdauer, den ignoranten Kotzbrocken raushängen zu lassen, ist wirklich beeindruckend. Wissen Sie, ich mag Menschen auch nicht, aber derart eine Tugend draus zu machen, dazu fehlt mir dann doch die Energie. Respekt.

Der Busfahrer
19
12.7.2009, 15:20
also ich kenne die vorangegangenen postings auf die sie sich beziehen nicht,

aber nach vier monaten in wien so "verwurzelt" zu sein, dass eine umsiedlung in den speckgürtel wiens als unzumutbar empfunden wird, ist für einen flüchtling schon eine ganz besondere chuzpe. bei aller liebe, aber man kann alles ein bissl übertreiben....

fannyfein
12
24.7.2009, 11:19
sie lebt seit vier monaten im macondo,

in wien ist sie wohl schon länger. möglicherweise haben sie jahrelang auf den positiven bescheid gewartet. die söhne sind vermutlich schon lang in wien in der schule. dass sich die familie nicht freudentanzend einem zwangsweise umzug gegenübersteht muss ja wohl wirklich nicht bekritelt werden. auch der neid der vorposter bezüglich der teuren wohngegenden ist kaum angebracht, denn egal wo es steht, es handelt sich immer noch um ein WOHNHEIM! wollen sie auf dauer im wohnheim leben?

Der Busfahrer
01
31.7.2009, 08:24
und woher beziehen sie diese information?

das stand so nicht im artikel.
ich neide der familie nicht die teure wohngegend, sondern habe lediglich ausdrücken wollen, dass einem flüchtling wohl schlimmeres widerfahren kann, als nach mödling übersiedelt zu werden.
weiters bin ich der überzeugung, dass jemand der fluchtartig seine heimat verlassen musste (wovon ich bei einem flüchtling ausgehe) eine Umsiedlung von wien an den stadtrand (mödling ist ja zu fuß von wien zu erreichen) psychisch verkraften wird. das dies nicht "angenehm" ist..okay, aber als aufhänger für einen eigenen artikel...?

vom anderen Sternli
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Polizeianhaltezentrum

Mir wird allein schon bei der Begrifflichkeit schlecht. Hat sich Österreich nun wirklich aus der Welt der humanistisch denkenden Völker verabschiedet?

Mucosaprolaps
22

Wie ich nach Deutschland gezogen bin, wollt ich mich anmelden, bin also zum Polizeikommissariat und hab nach der Ausländerpolizei gefragt.
Die haben mich angestarrt wie einen Marsmenschen ... bis dann eine meinte "Ach so, dat issn Ösi ... Sie müssen nur zum Einwohnermeldeamt gehen, eine Fremdenpolizei gibts bei uns seit 60 Jahren nicht mehr"

Wappen hea
01
:) kenn ich

Hab mich mal übergangsmäßig im "!Polizeistaat!" München gemeldet. Bin Nicht-EU-Ausländer mit Niederlassungsbewilligung und eh scho mein ganzes Leben in Ösiland.

In Österreich undenkbar, in München war das Meldeprozedere eine Sache von 8min warten und 5min bei einer einzigen Mitarbeiterin vom Amt. Fini. Freundlich, einfach, und das wars. Alle Papiere auch gleich zum Mitnehmen, geöffnet natürlich von 0800-1800 durchgehend.

Wenn ich in Österreich auf ein Amt geh brauch ich als Nicht-EU-Ausländer jedenfalls viel gute Laune und ein Buch mit. Ahja und freundlich ist da auch kaum wer, obwohl ich zugeben muß, daß meine Deutschkenntnisse zumeist Stirnrunzeln glätten.

Manches scheint anderswo doch möglich (ja, drum bleib ich auch nicht hier ; )

evaah
03
10.7.2009, 10:08
da kann ich Sie trösten*

da gehts einem Inländer/in nicht viel besser.

Manche Beamte, auch wenns eh nur das letzte Würstel sind nehmen sich bei und sehr wichtig.
Sogar unser PostBEAmter raunzt ständig wenn man ihm ein Packerl zur Aufgabe bringt...

Diese Wichtigtuerei scheint noch aus der Monarchie zu stammen;-)))*

Feldschwirl
10
13.7.2009, 12:49
und wenns so ist

das packerl nimmt er und mehr wollens ja nicht von ihm...

evaah
01
14.7.2009, 11:26

< Postler > ??

Feldschwirl
00
14.7.2009, 13:55

nur jemand der seine erwartungen beim besuch eines postamts nicht zu hoch schraubt... reingehen, packet abgeben, zahlen und rausgehen ist im normalfall für mich ok

Fürchtegott Dreist
00
schon die geringste erwartung

ist bei den meisten postämtern bereits zu hoch geschraubt.

Kuldip K.
 
11
Auch Polizisten müssen angehalten werden!

Insbesondere Killer-Cops !

axeman
00

wieso denn?

Karl Buschina
01
Wer zuerst kommt mahlt zuerst?.,.

Wer eine für bis zu einem Jahr als Übergangslösung gedachte Wohmöglichkeit permanent besetzen will der nimmt später ankommenden Flüchtlingen die Übergangslösung weg. Sollen diese dann sofort nach Mödling? Also bevor es allzu schrecklich wird empfehle ich eine zweite Flucht.,.

kwado
00

In dem Artikel steht aber nicht, dass man die Übergangswohnungen (für ein Jahr) "permanent besetzen" will. Oder dass sie in "Dauerwohnungen" umgewandelt werden sollen.
Anerkannte Flüchtlinge versuchen zu Zeit eher gleich eine "richtige" Wohnung zu bekommen. Deshalb gibt es weniger Bedarf an Übergangswohnungen.

sepp schilehrer
314

Frau Ibrahim, von uns "echten" Österreichern verlangt man auch örtliche Flexibilität.

Daher wird man es Ihnen eher schon zumuten können, von Wien nach Mödling zu ziehen. Damaskus wär sonst auch noch eine Möglichkeit, wenn Mödling ganz zu schrecklich wird!

fannyfein
02
24.7.2009, 11:27
wurden sie bereits übersiedelt?

vielleicht sogar in ein anderes bundesland?

sind sie etwa im gefängnis gewesen und von einem häf'n in einen anderen verlegt worden? oder gibt es auch noch andere fälle wo "echte" österreicher zwangsweise übersiedelt werden?

Allmächtiger Fürst F.U.T.
30

Also bevor ich in Mödling wohne, ziehe ich lieber nach Damaskus.

Duskson 81
 
014

schmucklosen gelben Wohnbau

Ich weis off topic.. aber was bitte wär ein schmuckvoller Wohnbau? Bzw. wie sollt ein Wohnbau sonst ausschauen.

ontopic: Schade um die Einrichtung, aber war ja fast klar das was dass so gut läuft kaputt gemacht werden muss.

afrayspeed
29

das ist die typische ressort-tonalität hier.
seit vier monaten tiefst im schmucklosen wohnbau verwurzelte flüchtlinge werden vom fekter-büttel eiskalt in den abgelegenen weiler mödling deportiert, wo die arbeitslosigkeit beinahe 100% beträgt und die nächste stadt hunderte kilometer entfernt ist.
wer sich da nicht fremdschämt hat wirklich ein herz aus stein. ^^

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