"Wenn der Sex ausbricht"

8. Juli 2009, 19:46
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Im Zuge des Stonewall-Jubiläums richten gleich mehrere Dokumentationen den Blick auf die schwul-lesbische Geschichte in Österreich und anderswo. Im Zentrum stehen dabei jeweils die ZeitzeugInnen von einst und jetzt

Schwul-lesbische Geschichte schreibt sich 2009 in das kulturelle Gedächtnis ein: Quer über den Globus feiern AktivistInnen das 40-jährige Jubiläum der Stonewall-Riots in New York - nahmen hier doch die sichtbaren Widerstände gegen die homophoben Gesellschaftsordnungen der Nachkriegszeit ihren Anfang. Das runde Jubiläum bringt zwar kein längst ausstehendes Lebenspartnerschaftsgesetz für gleichgeschlechtliche Paare in Österreich mit sich, jedoch mehrere Filmprojekte zur schwul-lesbischen Geschichte.

Decknamen unter Totalverbot

So beschäftigen sich gleich zwei neue Dokus mit der Wiener Szene: Bei dem Projekt "Stonewall in Wien - Chronologie der lesbisch-schwulen transgender Emanzipation" kommen ZeitzeugInnen der Wiener Szene zu Wort, angefangen von Günter Tolar, über Friedemann Hoflehner, Peter Holub, Waltraud Riegler, Sabrina Andersrum und viele mehr. In Zusammenarbeit mit QWien und der Okto-Sendung "queer Lounge" setzen die Grünen Andersrum die Erinnerungen dieser frühen AktivstInnen als Work in Progress in Szene. Ende der 1960er, als in Österreich noch das Totalverbot von Homosexualität bestand, tauschten Schwule in Szenelokalen eigene Decknamen aus, um bei einer Razzia eben "nichts voneinander zu wissen", wie der langjährige SoHo-Vorsitzende Günter Tolar in der Doku meint.

"Wenn der Sex ausbricht"

Mit der Ausbreitung studentischer Revolten in Wien bekamen auch die Schwulen-Lokale immer mehr Probleme mit der Polizei. Tolar erinnert sich, dass 1968 nach der Kunstaktion "Kunst und Revolution", die später als "Uniferkelei" (Mitglieder des Wiener Aktionismus urinierten und onanierten im Hörsaal 1 des NIGs und beschmierten sich mit Exkrementen) in die österreichische Geschichtsschreibung einging, die Zahl der Polizei-Razzien stieg, obwohl die beiden Szenen kaum etwas miteinander zu tun hatten. Die Exekutive glaubte offenbar, auf diese Weise etwas unternehmen zu können, "wenn der Sex ausbricht", so der Moderator.

Tolar selbst verbrachte nur eine Nacht im Gefängnis, doch andere junge Schwule traf es härter. Der Teppich-Künstler Friedemann Hoflehner beschreibt z.B., wie er als knapp 20-Jähriger 1967 von der Linzer Polizei festgenommen und drei Tage lang physisch und psychisch misshandelt wurde. Zu Wort kommt auch Peter Holub, Gründer des Szene-Magazins "Bussi" und Betreiber des ersten Sexshops für Schwule. Er erinnert sich an enervierende Stunden auf dem Zoll, wo er Verantwortlichen das Für und Wider seiner Lieferungen erläuterte. Die spätere Obfrau der Hosi Wien, Waltraud Riegler, berichtet über ihr Coming Out in Wien Ende der 1970er: Ihre Vorstellung von lesbisch-sein war damals noch mit kriminellen Figuren wie der "Wilden Wanda" verbunden.

"verliebt, verzopft, verwegen"

Zeitlich noch einen größeren Sprung zurück macht die beim diesjährigen Identities-Festival erstmals gezeigte Dokumentation "verliebt, verzopft, verwegen" von Katharina Lampert und Cordula Thym. Auch dieser Film arbeitet mit dem Interview-Format und zeichnet die Geschichte mithilfe mehrerer subjektiver Blickwinkel nach. Die Filmemacherinnen starteten ihre Recherchen mit der Einsicht, dass die 1970er bereits relativ gut dokumentiert sind, doch blieben die Jahrzehnte davor bisher eine große Leerstelle. Auf der Suche nach Protagonistinnen lesbischen Lebens in den 1950ern und 1960er mussten sie allerdings bald feststellen, dass es zwar einige Frauen gab, die damals lesbisch gelebt hatten, aber die wenigsten Interesse hatten, auch öffentlich darüber zu sprechen. Porträtiert wurden schließlich drei Frauen, die neben ihrem Mut zu ihren Gefühlen zu stehen auch dadurch beeindrucken, dass sie alternative Formen des Älter-Werdens verkörpern: aktiv, selbstbestimmt und in der Jetzt-Zeit verankert, schildern Rosmarin Frauendorfer, Ursula Hacker und Birgit Meinhard-Schiebel die Umstände ihres Coming-Outs, die frühen Erfahrungen mit Männern oder auch die beschränkten Wege des Austauschs im verzopften Wien der 1960er.

"Sex Positive" trotz Aids?

An einer anderen Stelle der Homosexuellen-Geschichte setzt die Dokumentation "Sex Positive" von 2008 an. Vor dem Hintergrund der aufziehenden Aids-Pandemie legt der Film den Fokus auf die Lebensgeschichte des New Yorker Schwulen-Aktivisten Richard Berkowitz, der in den frühen 1980ern in der Schwulen-Community in Ungnade fiel, weil er der angeblichen Promiskuität von Homosexuellen eine Mitschuld an der Ausbreitung von Aids gab. Berkowitz, der über viele Jahre sein Geld als S/M-Hustler verdiente und später crack-abhängig war, sah sich selbst als Pionier von "Safe-Sex" unter Homosexuellen, zu Beginn der 1980er noch ein relatives Tabu unter sexuell befreiten Schwulen.

In Szene gesetzt wird die Geschichte von dem erst 24-jährigen Filmemacher Daryl Wein, der sich der widersprüchlichen und dramatischen Vita Berkowitz' reichlich schmalzig nähert. Für Wein ist Berkowitz ein unentdeckter Held, den er ehrfürchtig auspackt wie ein unter dem Weihnachtsbaum vergessenes Geschenk. Gleichzeitig gibt "Sex Positive" einen sehr nahen Einblick in die Diskussionen zu Beginn von Aids, als noch niemand wusste, woran die vielen Männer plötzlich starben, wie die Krankheit übertragen wurde oder woher sie überhaupt kam. Im geistigen Klima Reagons mussten Homosexuelle in den USA zudem nicht nur den Tod vieler Freunde verkraften, sondern auch die gesellschaftliche und zum Teil politische Zuschreibung, dass es sich bei Aids um eine gerechte Strafe Gottes handelte.

Sehmöglichkeiten

Den Film der Wiener Grünen gibt es am 16. Juli um 20.00 Uhr auf Okto TV zu sehen. Enthalten darin sind sieben Interviews, geführt wurden aber schon viele mehr. Die Gespräche sind einzeln bereits auf dem Videoportal Youtube zu sehen, weitere Ausschnitte von anderen GesprächsteilnehmerInnen sollen folgen.
Die österreichische Produktion "verliebt, verzopft, verwegen" wird nach dem Gewinn des Publikumspreises bei Identities ab Herbst in österreichischen Kinos zu sehen sein. Für "Sex Positive", der auf mehreren europäischen Festivals lief, gibt es bisher keinen Starttermin in Europa. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 8.7.2009)

Link

Stonewall in Wien auf Youtube

Weiterlesen:

In einem Online-Beitrag widmet sich die Zeitschrift Malmoe den Mythen von Stonewall: Der Historiker David Carter räumt etwa mit dem hartnäckigen Gerücht auf, dass der Tod von Judy Garland etwas mit den Riots zu tun gehabt hätte: Was war wirklich los in der Christopher Street 1969?



  • "Stonewall in Wien" - zu sehen auch auf Youtube.
    foto: grüne andersrum

    "Stonewall in Wien" - zu sehen auch auf Youtube.

  • Das Filmplakat zur Dokumentation "Sex Positive".
    foto: sex positive

    Das Filmplakat zur Dokumentation "Sex Positive".

  • Ausschnitt aus der Dokumentation "verliebt, verzopft, verwegen - Geschichten lesbischer (Un)Sichtbarkeit im Wien der 50er und 60er Jahre".
    foto: verliebt, verzopft, verwegen

    Ausschnitt aus der Dokumentation "verliebt, verzopft, verwegen - Geschichten lesbischer (Un)Sichtbarkeit im Wien der 50er und 60er Jahre".

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