Google-Angriff auf Microsoft wird kein Spaziergang

8. Juli 2009, 15:21
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Der Softwarekonzern ist kein unflexibler und innovationsfeindlicher Widersacher

Das Versprechen von Google klingt verlockend: Internet-Anwender sollen künftig nach dem Einschalten des Computers sofort auf ihre E-Mails zugreifen oder im Web surfen können, ohne erst minutenlang darauf zu warten, dass der Rechner vollständig hochgefahren ist. Um die Abwehr von Angriffen durch Computerviren oder anderen Attacken sollen sich die PC-Nutzer künftig auch nicht mehr kümmern müssen, wenn sie das Betriebssystem "Google Chrome OS" statt Windows verwenden. Mit der Ankündigung der neuen Systemsoftware greift der Suchmaschinengigant erstmals das Kerngeschäft seines Erz-Konkurrenten Microsoft direkt an.

Ab 2010

Das neue Google-Betriebssystem soll von der zweiten Jahreshälfte 2010 an zunächst auf Netbooks zum Einsatz kommen. Technisch baut Google Chrome OS auf Linux auf, ein offenes Betriebssystem, dessen Programmcode wegen einer Open-Source-Lizenz von Entwicklern für eigene Anwendungen kostenlos zur Verfügung steht. Chrome soll auf Prozessoren der x86-Familien laufen, wie sie von Intel oder AMD hergestellt werden. Im Gegensatz zu den konventionellen Windows-Versionen werden aber auch ARM-Prozessoren unterstützt, die besonders wenig Energie verbrauchen und deswegen gerne bei Netbooks eingesetzt werden. In dieses Segment könnte Google nun vorstoßen. Zum Preis wurden keine Angaben gemacht. Experten gingen jedoch davon aus, dass Google Chrome entweder sehr günstig oder ganz kostenlos anbieten wird.

Möglichkeiten

Gleichwohl glauben manche Beobachter, dass Google die Strukturen der PC-Industrie durcheinanderbringen kann. "Es besteht die Möglichkeit, dass das neue Betriebssystem das Paradigma brechen kann, das Microsoft und Intel in den vergangenen 20 Jahren geschaffen haben", sagte Yukihiko Shimada, Analyst von Mitsubishi UFJ Securities in Tokio. Der Experte spielt darauf an, dass sich die Windows- Software von Microsoft und die Mikroprozessoren von Intel seit den 80er Jahren als Quasistandard in der Computerbranche durchgesetzt haben. "Es gibt viele Geschäftsmöglichkeiten für Google in diesem Markt."

Google habe schon immer das Ziel gehabt, Microsoft die Vorherrschaft über gewisse Technologien zu entreißen, sagte Rob Enderle von der Enderle Group. Das neue Betriebssystem sei ein Teil dieser Strategie. "Wenn sie das durchziehen können, ist Microsoft gegenüber so einem Angriff verwundbar", sagte Enderle. Das wisse auch Microsoft.

Kein unflexibler und innovationsfeindlicher Widersacher

Google wird bei seiner Attacke auf Microsoft aber nicht auf einen unflexiblen und innovationsfeindlichen Widersacher stoßen, wie der Softwaregigant von manchen Akteuren im kalifornischen Silicon Valley eingeschätzt wird. Seit dem Amtsantritt von Ray Ozzie als Nachfolger von "Chief Software Architect" Bill Gates hat sich bei Microsoft einiges verändert. Das kann man auch am neuen Microsoft- Betriebssystem Windows 7 sehen. Es hat schon in der Vorabversion ­ im Gegensatz zum aufgeblasenen Vorgänger Windows Vista ­ gute Noten in den Testberichten erhalten.

Punkten konnte dagegen Google in den vergangenen Monaten im Mobilfunkbereich mit seinem Spezialsystem "Android", das inzwischen von mehreren Smartphone-Herstellern erfolgreich eingesetzt wird. Die Microsoft-Partner im Mobilfunkmarkt plagen sich dagegen noch immer mit einem inzwischen technisch überholten Windows-System herum. Und der von Microsoft-Chef Steve Ballmer mehrfach versprochene Neuanfang mit Windows Mobile 7 lässt noch immer auf sich warten.

Erfolgsrezept von "Android"

Google greift beim "Chrome OS" ein Erfolgsrezept von "Android" auf und veröffentlicht die Software ebenfalls als Open Source. Damit entfallen die Lizenzgebühren für die PC-Hersteller und Microsoft wird in seinen Preisverhandlungen mit den Hardware-Partnern weiter unter Druck gesetzt, denn Windows ist nicht kostenlos zu haben. Außerdem haben die PC-Produzenten die Möglichkeit, das Google-System frei nach ihren Vorstellungen anzupassen und zu erweitern, was bei Windows nur bedingt möglich ist.

Microsoft hat Zeit

Da der Marktstart von "Google Chrome OS" erst in einem Jahr ansteht, hat Microsoft nun noch viele Zeit, sich auf den neuen Konkurrenten einzustellen. Mit dem Marktstart von Windows 7 am 22. Oktober und anderen Produkteinführungen gibt es für Microsoft in den kommenden Monaten etliche Anlässe, die Aufmerksamkeit der Kunden auf eigene Produkte zu lenken. Und es wird auch kein Zufall gewesen sein, dass Microsoft einen Tag vor der Ankündigung von "Google Chrome OS" in den USA die Gerüchte streuen ließ, dass Softwareentwickler in der Microsoft-Zentrale in Redmond an einem ganz neuartigen Browser mit dem Codenamen "Gazelle" arbeiten, der etliche Funktionen eines Betriebssystems übernehmen könne. (APA/dpa/Reuters/red)

  • Microsoft-Chef Steve Ballmer

    Microsoft-Chef Steve Ballmer

  • Seit dem Amtsantritt von Ray Ozzie (Bild) als Nachfolger von "Chief Software
Architect" Bill Gates hat sich bei Microsoft einiges verändert

    Seit dem Amtsantritt von Ray Ozzie (Bild) als Nachfolger von "Chief Software Architect" Bill Gates hat sich bei Microsoft einiges verändert

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