Meister im Tapezieren

    8. Juli 2009, 10:32
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    Für SV-Ried-Manager Stefan Rei­­ter funktioniert Profi­fußball in Öster­reich nur innerhalb realistischer Grenzen. Ein Gespräch über unterschiedliche Erfolgsparameter und ein Land voller Flutlichtmasten.

    ballesterer: Sie waren schon in der ersten Hochphase bei der SV Ried tätig, haben dann am Aufstieg von Pasching mitgewirkt und sind 2004 wieder ins Innviertel zurückgekehrt. Welche Erfahrungen haben Sie hinsichtlich der Zielsetzung der beiden Vereine gemacht?

    Stefan Reiter: Ried ist 1995 von der Landesliga in die zweite Spielklasse aufgestiegen, über eine Relegation im dritten Anlauf, als reiner Amateurverein. Aber wir haben Geld am Sparbuch gehabt. So etwas gibt es heute nicht mehr: Da versuchen Vereine, die verschuldet sind, sich in die Bundesliga zu reklamieren. Pasching wiederum ist in der Regionalliga Meister geworden und auch über die Relegation in die zweite Liga gekommen - mit einer anderen, ebenfalls wirtschaftlich fundierten Basis. Der Klub hat es geschafft, die Infrastruktur schnell anzupassen. Es gab ein neues Stadion und die wirtschaftliche Absicherung vom Präsidenten und den Sponsoren. In meinem dritten Jahr in Pasching habe ich dann aber gesehen, dass die Zielsetzungen nicht mehr vertretbar waren. Das ist eines der Hauptübel im österreichischen Fußball: Man setzt sich zu hohe Ziele, anstatt zu akzeptieren, dass um den Meistertitel nur die großen Wiener Vereine und der eine oder andere Traditionsklub aus den Bundesländern mitspielen können.

    ballesterer: Haben Sie deshalb Pasching wieder den Rücken gekehrt?

    Stefan Reiter: Das war der eine Grund. Der andere war, dass Peter Vogl, der damalige Ried-Präsident, eine schwierige Zeit hatte: Der Verein ist abgestiegen und hat sich in der zweiten Liga schwergetan. Sie haben mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, ein Konzept zu erstellen, um den Verein wieder in die höchste Spielklasse zu führen. Das hat mich natürlich gereizt, auch weil Ried mein Heimatort ist.

    ballesterer: Auf welchen Säulen hat dieses Konzept beruht?

    Stefan Reiter: Priorität hatte der sofortige Wiederaufstieg, was wirtschaftliche Problematiken hervorgerufen hat, die gelöst werden mussten. Wir haben die Möglichkeit über Vorinvestitionen gefunden und von zwei Spielern die Transferrechte verkauft. Mit diesen Einnahmen haben wir einen Kader geformt, unseren Wunschtrainer Heinz Hochhauser verpflichtet und den Aufstieg geschafft. Die zweite Schiene war, der damals vernachlässigten Rieder Akademie neues Leben einzuhauchen. Es war mir klar, dass das nicht von heute auf morgen geht, aber ich glaube, dass wir jetzt für das kleine Einzugsgebiet relativ erfolgreich sind. Das kann man mit der Anzahl der Abgänger, die in der Bundesliga und in den Nationalmannschaften spielen, belegen: Schiemer, Hackmair, Sulimani - und das sind nur die prominentesten Beispiele.

    ballesterer: Sie haben nach dem Wiederaufstieg 2005 die Plätze vier, zwei, sieben und fünf erreicht. Was macht Sie zuversichtlich, dieses Level auch in Zukunft halten zu können?

    Stefan Reiter: In einer Liga, wie wir sie haben, musst du dein Feld zunächst einmal wirtschaftlich abstecken. Wir haben trotz der Erfolge nicht die Möglichkeit, unser Budget zu erhöhen. Mehr als vier bis viereinhalb Millionen gibt die Region nicht her. Auf dieser wirtschaftlichen Basis kannst du deine sportlichen Zielsetzungen aufbauen. Wir haben ein Konzept, das sehr stark mit der Nachwuchsakademie verbunden ist. Das Ziel muss sein, 70 oder 80 Prozent unseres Kaders mit dem Nachwuchs decken zu können. Das ist ein Traum, ein Leitbild. Ob wir das erreichen, werden wir sehen, aber wir sind schon sehr weit. Grundsätzlich ist die Gefahr, in dieser kleinen Liga abzusteigen, sehr hoch, da können kleine Dinge entscheidend sein. Also müssen wir in erster Linie schauen, dass wir drin bleiben. Die Zielsetzung, eine bestimmte Platzierung zu erreichen, ist fast nicht möglich. Toppen kann man seine Ziele aber trotzdem. Wir haben heuer zum Beispiel wieder einmal den größten Erfolg der Vereinsgeschichte eingefahren, weil wir so viele Punkte wie nie zuvor gemacht haben. Genauso war es der größte Erfolg der Vereinsgeschichte, als wir in die zweite Bundesliga aufgestiegen sind, und dann in die erste. Danach waren wir Cupsieger, sind wieder aufgestiegen, waren Zweiter, haben UI-Cup und UEFA-Cup gespielt. Unterm Strich haben
    wir bestimmt zehnmal den größten Erfolg der Vereinsgeschichte gefeiert. Und ich bin mir sicher, dass wir wieder etwas finden werden. Vielleicht spielen bald fünf Akademiker von Anfang an. Wir haben verschiedene Parameter für den Erfolg. Fest steht, dass man ihn nicht allein an der Platzierung messen kann.

    ballesterer: Ist es deshalb leichter für Ried, den eigenen Nachwuchs einzusetzen?

    Stefan Reiter: Jein. Wir haben das ja nicht erfunden. Einen sehr guten jungen Spieler wird jeder Trainer spielen lassen - egal ob bei Rapid, der Austria oder in Salzburg. Der Unterschied ist, dass es bei uns mit Nachhaltigkeit passiert. Wir versuchen, diese Spieler reinzudrücken, und wir helfen ihnen auch entsprechend. In Ried hat es der Trainer ein bisschen schwerer, er muss sich in einem gewissen Kasten bewegen, aus dem er nicht hinauskann. Bei anderen Vereinen sagt er am Tag vor dem Transferschluss zum Präsidenten: »Auf der linken Seite, da fehlt mir noch einer.« Und er kriegt ihn. Bei uns geht das nicht. Ein Ried-Trainer kann sich nur innerhalb dieses Kastls bewegen, dafür kann er darin tun, was er will.

    ballesterer: Wie fügt sich Paul Gludovatz in dieses System?

    Stefan Reiter: Perfekt. Weil er ein Entwickler ist und weil er gewusst hat, wo er hinkommt. Er und sein Team erfüllen das Konzept zu 100 Prozent. Die Zielsetzung des Vereins muss aber sein, dass es nicht davon abhängt, ob der Paul Gludovatz in dem Kastl arbeitet oder der Peter Kraus. Das Konzept muss funktionieren, dann wird sich jeder einfügen und darin arbeiten können. Das ist die Conclusio der letzten fünfzehn Jahre, so hat sich das Gebilde Ried entwickelt. Es sind sicher sehr viele Fehler gemacht worden, auch von meiner Person. Aber wir haben daraus gelernt und Grenzen gezogen: oben, unten, links, rechts - überall gibt es Grenzen, die du nicht verändern kannst. Das haben wir akzeptiert, und jetzt müssen wir schauen, dass wir das Kastl so schön tapezieren, dass es uns gefällt.

    ballesterer: Die Gefahr, dass Ihnen die Tapete irgendwann nicht mehr taugt, besteht nicht?

    Stefan Reiter: Ich bin 48 Jahre alt, was soll ich noch für andere große Ziele haben? Der Posten von Uli Hoeneß ist ja auch schon wieder besetzt ...

    ballesterer: Wenn Sie über den Horizont des eigenen Vereins auf die Gesamtsituation im österreichischen Fußball blicken: Wo sehen Sie den größten Reformbedarf?

    Stefan Reiter:  Am meisten hapert es am Trennstrich zwischen Profi- und Amateurfußball. Der ist in Österreich nicht erkennbar, und das ist ein Geschwür. Wir können über Ligareformen und alles Mögliche diskutieren. Es hat aber keinen Sinn, weil sich dadurch nicht wirklich etwas verändern wird, solange wir nicht wissen, was wir eigentlich wollen. Es muss uns klar werden, dass es in Österreich, wie in jedem anderen Land auch, Profi- und Amateurfußball gibt, mit jeweils eigenen Rahmenbedingungen. Und zwischendrin hat meiner Meinung nach nichts Platz. In Österreich ist aber genau diese Mitte so stark (rudert mit den Armen). Das ist ein Wahnsinn. Es ist müßig, darüber zu reden: ›Aber wie kann man in der siebten Spielklasse mit Fußball Geld verdienen?‹ Ich kann einfach nicht verstehen, wieso Spieler für tausend Euro von einem Dorf ins nächste wechseln. Da geht es nicht um eine Reform im Fußball, sondern um eine Bewusstseinsveränderung, die gefördert werden muss - von der öffentlichen Seite, der Politik, den Medien. Ich will nicht pathetisch klingen oder mich als oberster Wissender des österreichischen Fußballs darstellen, aber ich denke, dass man darüber wirklich nachdenken muss. Weil niemand etwas davon hat und dem Fußball wahnsinnig viel Geld entzogen wird durch solche Aktionen. Was ändert sich, wenn ich mir
    in der fünften Spielklasse zwei Tschechen und zwei Regionalligaspieler hole, ihnen ein paar Tausender in die Hand drücke und dann in der vierten Liga spiele? Ich weiß es nicht, und es kann mir auch niemand beantworten. Wenn man dieses Geld in einen ausgebildeten Nachwuchstrainer investiert, der 500 Euro im Monat kostet und das auch regelkonform bezahlt bekommt, wäre das viel gescheiter. Derjenige, der gern Fußball spielt, spielt genauso gut, wenn er kein Geld dafür bekommt.

    ballesterer: Können Formatänderungen Besserungen bewirken?

    Stefan Reiter:  Ich bin gegen den Direktaufstieg, weil er den Leuten in die Hände spielt, die sich in der Regionalliga eine Mannschaft zusammenkaufen, Meister werden und dann sagen: »Ich steig in die Bundesliga auf, und dann geht es mir gut.« Diese Erfahrungen haben wir ja gemacht: 60 Prozent unserer Aufsteiger sind in Konkurs gegangen oder wieder abgestiegen. Das sollte man verhindern können. In Österreich ist es viel leichter, in den Profifußball zu kommen, als anderswo. Wenn wir diese Durchlässigkeit tolerieren, dann wird die Konkurshäufigkeit wieder drastisch steigen. Man muss im Profifußball einfach über andere Strukturen verfügen, aber die haben die wenigsten Vereine. Also fangen sie mitten im Jahr an, die Strukturen zu ändern. Die Spieler, die Trainer, alle müssen bezahlt werden, aber das Geld ist nicht mehr da. Und dann? Ach und Weh. Wir werden ein Land voller Flutlichtmasten. Wenn ich durch Österreich fahre, sehe ich lauter solche Dinger. Die vier Masten kosten 65.000 Euro, werden ein Jahr lang eingeschaltet und dann nicht mehr, weil die Vereine nicht einmal mehr eine Nachwuchsmannschaft haben, die um 18 Uhr trainiert. Die lösen sie ja meistens auf, weil sie sich so 10.000 Euro sparen, mit denen sie noch einen Spieler verpflichten können. Das ist leider die Praxis. Die vernünftigen, gut strukturierten Vereine werden den Aufstieg auch mit der Relegation schaffen. Dann treten sie halt zwei- oder dreimal an. Die brechen nicht, wenn sie nicht sofort hinaufkommen.

    ballesterer: Im Zuge der aktuellen Debatte über die Formatänderung der Ersten Liga wurde
    auch eine Aufstockung der Bundesliga diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

    Stefan Reiter: Ich diskutiere nicht über Formate, solange keine unabhängige Analyse gemacht wird, wie viele Profivereine Österreich wirtschaftlich, sportlich und infrastrukturell verträgt. Wenn dabei festgestellt wird, wir vertragen 26 Profiklubs, ist das relativ einfach zu beantworten: Dann gibt's eine Zehner- und eine Sechzehnerliga. Ich persönlich glaube, wir haben nicht einmal das Potenzial für 16 Profivereine. Von daher wäre eine Profiliga für Österreich ausreichend. Das ist meine momentane Analyse, die in fünf Jahren aber wieder anders ausschauen kann. Die Zeiten ändern sich, das müssen wir akzeptieren. Was 1974 für den österreichischen Fußball gut war, hat heute an Relevanz verloren. Seit damals hat sich die Welt schon einige Male gedreht.

    ballesterer: Können Sie sich vorstellen, dass die SV Ried auf Fernsehgelder verzichtet, weil die Liga aufgestockt wird?

    Stefan Reiter: Sicher. Ein Budget kann ich immer gestalten. Wenn ich weniger Einnahmen habe, muss ich weniger ausgeben. Außerdem wissen wir in der aktuellen Situation nie, was nächstes Jahr sein wird. Wenn ich eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit habe, tu ich mir mit der Budgetgestaltung auch viel leichter. Wobei wirtschaftliche Sicherheit in diesem Zusammenhang heißt, dass ich damit rechnen kann, in der Liga zu bleiben.

    ballesterer: Angenommen, die Vereine verständigen sich auf nur eine Profiliga: Würden Sie diese nach unten dicht machen?

    Stefan Reiter: Eigentlich nicht, weil ein Verein immer die Chance haben sollte aufzusteigen, wenn er sportlich, wirtschaftlich und infrastrukturell die Kraft dazu hat. Sportlich muss er Erster sein, wirtschaftlich muss er ein klar gesichertes Budget für zumindest ein Jahr in der höchsten Spielklasse vorweisen können, und infrastrukturell muss er natürlich nicht nur Trainingsplätze und ein Stadion mit Rasenheizung und einer bestimmten Anzahl von Sitzplätzen haben, sondern auch eine breit gefächerte Nachwuchsabteilung. Wenn so etwas entsteht, muss die Tür aufgemacht werden. (Interview: Reinhard Krennhuber & Julia Zeeh)

    • "Wir werden ein Land voller Flutlichtmasten. Die vier Masten kosten
65.000 Euro, sie werden ein Jahr lang eingeschaltet und dann nicht
mehr, weil sie nicht einmal mehr eine Nachwuchsmannschaft haben, die um
18 Uhr trainiert."
      foto: dieter brasch

      "Wir werden ein Land voller Flutlichtmasten. Die vier Masten kosten 65.000 Euro, sie werden ein Jahr lang eingeschaltet und dann nicht mehr, weil sie nicht einmal mehr eine Nachwuchsmannschaft haben, die um 18 Uhr trainiert."

    • Inhalte des ballesterer
Nr. 43 (Juli 2009) – Ab sofort österreichweit im
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