Balkonsitz über den Porto-Terrassen

8. Juli 2009, 08:50
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Die Quinta de Nápoles in Portugals Alto Douro steht in gutem Einverständnis zu ihrer Umgebung.

Das Etikett ist vermodert, kaum lesbar, die Flasche verstaubt. Von wann ist denn das gute Stück? "Ich weiß es nicht genau", sagt Dirk Niepoort, "ich weiß nur, dass der Portwein genau zehn Jahre alt war, als mein Großvater ihn damals gekauft hat. Das war irgendwann in den Dreißigerjahren."

Minuten später ist das edle Tröpfchen durchlüftet. Vorsichtig gießt der 45-Jährige die sämige Geschichte ins Glas. Nach so viel Jahren, lehrt Niepoort, der in fünfter Generation die Reben im Douro-Tal pflegt, könne man zwischen roter und weißer Traube kaum mehr unterscheiden. Er hält das Glas gegens Licht: "Aber ja doch, das ist ein Weißer."

Alto Douro ist ein unwirtliches Land. Die Hänge sind steil und kaum zu erklimmen, in den Furchen der Berge bahnt sich der mächtige Rio Douro seinen Weg bis zum Atlantik. Ohne das jahrhundertelange Bändigen der Topografie in Form steinerner Terrassen würde hier kein noch so kleines Reblein stehen. "Das ist eine der schönsten, aber auch eine der härtesten Weinregionen der Welt", meint Niepoort.

Wer im Douro-Tal den Weinanbau wagt, der muss im Laufe seines Lebens - ganz gleich, ob er Niepoort, Taylor oder Sandeman heißt - viele Stufen steigen. Das Land ist knapp, jedes noch so kleine Fleckchen urbar gemachten Bodens muss bis auf den letzten Quadratmeter genutzt werden, und wenn es noch so hoch oben liegt. "Aber genau das macht den Portwein zum Portwein", sagt jener Herr, der Jahr für Jahr 450.000 Flaschen mit dem charakteristischen handgeschriebenen Schriftzug in die Welt verschickt. "Die Weingärten liegen zwischen 100 und 800 Meter Seehöhe, durch die 85 unterschiedlichen Rebsorten, die hier angebaut werden, und durch die Ausrichtung der Hänge nach allen vier Himmelsrichtungen ergibt sich eine Vielfalt wie nirgendwo sonst."

Das dritte Haus ist das beste

In den letzten zehn Jahren platzte das Weingut bereits aus allen Nähten. Immer wieder nahm sich Dirk Niepoort vor, den Sitz auf der Quinta de Nápoles auszubauen. Eine Skizze jagte die andere. Der dritte Anlauf, ein Entwurf des Wiener Architekten Andreas Burghardt, sollte es schließlich werden. "Mein Großvater hatte immer gesagt: Das erste Haus baut man für die Feinde, das zweite für die Freunde, das dritte dann für sich selbst. Und ja, das stimmt! Ich bin froh, dass ich so lange improvisiert habe", blickt Niepoort zurück, "so wie es jetzt ist, passt es."

Wer sich ein quirliges Gebilde aus Stanniolpapier erwartet, wie es etwa Frank Gehry im spanischen Rioja in die Landschaft schmiss, der wird die streng linierten Hänge Alto Douros lange danach durchkämmen müssen. Ganz unauffällig duckt sich das Gebäude in den Berg und gibt deutlich zu verstehen, dass ihm der Wettbewerb der letzten Jahre um das coolste Weingut auf Erden nichts, aber auch gar nichts bedeutet.

"Wenn man die alten Steinmauern, die in tausenden Kilometern Länge die Berge erklimmen, das erste Mal sieht, dann will man am liebsten den Laptop wieder einpacken und gar nichts bauen", erklärt der Architekt. Und so lieferte die Landschaft, die seit 2001 Unesco-Weltkulturerbe ist, die Inspiration fürs Haus. Die neue Produktionsstätte der Niepoorts sieht aus wie eine in den Berg gehauene Stufenpyramide. Die umlaufenden Natursteinmauern, nach alter Manier in Handarbeit aufgebaut, lassen das Gebilde mit der Landschaft fugenlos verschmelzen.

Burghardt ist nicht der einzige Österreicher, der sich von der Schönheit des Douro-Tals verzaubern ließ. Thomas Egger, der früher in Kirchberg in Tirol ein Hotel leitete, widersetzte sich einfach der vermeintlichen Kargheit dieser Gegend: Seit 2003 lebt er gemeinsam mit seiner Frau Fátima und seinen beiden Kindern in Alto Douro und betreibt im beschaulichen Tabuaço, rund 130 Kilometer landeinwärts von Porto, das Restaurant Tábua d'Aço.

Stockfisch im Dachziegel

Auf dem Teller landen üppige portugiesische Gerichte, die nach Meinung der Einheimischen zu den besten weit und breit zählen. Allein aus diesem Grund wird man die von Portugiesen überaus geschätzte "Tiroler Woche", die einmal im Jahr stattfindet, als Österreicher wohl auslassen. In den übrigen 51 Wochen gibt es zum Glück Bacalhau na Telha, in Olivenöl und Koriander gesottenen Stockfisch, der - jawohl - in einem Dachziegel serviert wird. Wer Kabeljau in seiner seit Jahrhunderten bewährten Zubereitungsart dennoch als "zu maritim für die Berge" empfindet, der sollte zu Cabrito com batatas assadas greifen: Wiewohl in jungen Jahren über Stock und Stein gehüpft, blieb das Zicklein widrigsten Umständen dieser Gegend zum Trotz zart und geschmeidig. Dass nach dem Mittagsmahl bereits Vinho do Porto getrunken wird, ist in Alto Douro bedingungslos Tischsitte, wer ihr nicht folgt, ist ganz einfach selbst schuld.

Während die Portwein-Quintas Besucher eigentlich lieber im Sommer empfangen, werden Reisende im September im Handumdrehen zu Mitarbeitern. Wenn die zornige Sonne langsam an Kraft verliert und die Trauben bereit zur Lese sind, heißt es: An die Arbeit! Von Bacalhau und Cabrito gestärkt und vom Portwein in widerstandsloses Wohlwollen gelullt, nehmen Touristen die Strapazen des Stufensteigens mittlerweile sogar freiwillig auf sich und klettern mit geflochten Körben von einer Terrasse zur nächsten, um sich an der Geburt des nächsten Jahrgangs zu beteiligen. In den meisten Quintas sind Hilfskräfte herzlich willkommen. Dirk Niepoort, der Mann der alten Reben, mahnt jedoch zur Vorsicht: "Zu steil, zu gefährlich. Das ist nur was für Profis." (Wojciech Czaja/DER STANDARD/Printausgabe/3.7.2009)

Informationen beim Portugiesischen Touristikzentrum
unter: 0810 900 650

Quinta de Nápoles

  • Die terrassierten Hänge des Douro-Tales legen einem Portweingut nahe, hier am besten "Stufenpyramide mit Balkon" zu sein.
    foto: niepoort

    Die terrassierten Hänge des Douro-Tales legen einem Portweingut nahe, hier am besten "Stufenpyramide mit Balkon" zu sein.

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    foto: niepoort
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