Sicherheitsaufgebot nach Ausgangssperre massiv verstärkt - Laut Uiguren-Kongress bereits bis zu 800 Tote
Rom/Urumqi/Peking - Angesichts der blutigen Unruhen in der von Uiguren bewohnten Region Xinjiang hat der chinesische Präsident Hu Jintao seine Teilnahme am G-8-Gipfel in Italien abgesagt. Wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA am Mittwoch berichtete, brach Hu noch am Dienstagabend seine Reise ab und flog wieder nach China zurück. Die chinesischen Behörden haben das Sicherheitsaufgebot im Uiguren-Gebiet Xinjiang indes massiv verstärkt. Laut Uiguren-Weltkongress sind bisher 800 Uiguren ums Leben gekommen.
"Aufgrund der Verschlimmerung der Unruhen hat sich Präsident Hu Jintao entschieden, seine Rückkehr nach China vorzuziehen und nicht am G-8-Gipfel teilzunehmen", sagte der leitende politische Berater der chinesischen Botschaft in Rom, Tang Heng, zur ANSA. Hu, der sich in Pisa in der Toskana aufhalte, werde unverzüglich nach Peking zurückreisen. Der dreitägige Gipfel der sieben führenden Industrienationen und Russlands (G-8) beginnt am heutigen Mittwoch in der italienischen Stadt L'Aquila. Hu wollte eigentlich zu den Gesprächen am Donnerstag dazustoßen. China gehört nicht zu den G-8. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zudem angekündigt, mit Hu am Rande des Gipfels über die Unruhen zu sprechen.
Wie ANSA aus Diplomatenkreisen erfuhr, wird die chinesische Delegation ungeachtet Hus Abreise am Gipfel teilnehmen. Hu war am Sonntag in Italien eingetroffen und kam unter anderem mit Ministerpräsident Silvio Berlusconi zusammen. Dabei unterzeichneten beide Seiten Wirtschaftsverträge im Umfang von mehr als einer Milliarde Euro. Eine im Anschluss an den G-8-Gipfel geplante Reise Hus nach Portugal solle zu einem anderen Zeitpunkt nachgeholt werden, berichtete die amtliche chinesische Agentur Xinhua.
Sicherheitsaufgebot massiv verstärkt
Die chinesischen Behörden haben das Sicherheitsaufgebot im Uiguren-Gebiet Xinjiang massiv verstärkt. Tausende Soldaten und Polizisten marschierten am Mittwoch in der Provinzhauptstadt Urumqi auf. Die mit automatischen Schusswaffen ausgerüsteten Sicherheitskräfte riegelten die von Uiguren bewohnten Viertel ab. Über der Stadt kreisten Hubschrauber der Armee.
Ungeachtet der Militärpräsenz gingen hunderte Uiguren mit Stöcken und Steinen bewaffnet auf die Straße. Sie versammelten sich unmittelbar vor einer Polizeikette, die zwischen ihrem Viertel und einem von Han-Chinesen bewohnten Stadtteil aufgebaut wurde.
Laut Uiguren-Kongress bis zu 800 Tote
Gestern waren Han-Chinesen mit Knüppeln, Schaufeln und Messern bewaffnet durch Urumqi gezogen, um sich für die Übergriffe muslimischer Uiguren am Wochenende zu rächen. Nach Behördenangaben kamen bei den Auseinandersetzungen am Wochenende mehr als 150 Menschen ums Leben. Uiguren und Chinesen machen einander gegenseitig für die Eskalation der Gewalt verantwortlich. Übergriffe von Han-Chinesen auf Uiguren haben nach Angaben des Generalsekretärs des Weltkongresses der Uiguren, Dolkun Isa, allein am Dienstag 150 Menschenleben gekostet. Die im US-Exil lebende Uiguren-Führerin Rebiya Kadeer verurteilt im gegenwärtigen Konflikt zwischen Chinesen und Uiguren die Gewaltanwendung auf beiden Seiten. Kadeer schrieb am Mittwoch in einem Beitrag für die asiatische Ausgabe der Zeitung "Wall Street Journal", bei den blutigen Unruhen in Xinjiang seien rund 400 Uiguren durch "Schüsse und Schläge" der Polizei ums Leben gekommen. Bei ihren Angaben berief sich die 62-Jährige auf eigene Quellen in der Provinz Xinjiang, die von den Uiguren als Ostturkestan bezeichnet wird.
Dienstagfrüh seien in einer Traktorenfabrik in Urumqi, in der vor allem Han-Chinesen arbeiten, 150 Uiguren getötet worden. An die 1.000 Han-Chinesen sollen in die Universität von Urumqi eingedrungen sein und dort uigurische Studenten geschlagen haben. In der Stadt seien abgeschlagene Köpfe von Uiguren zu sehen, behauptet Isa. "Wenn die Chinesen demonstrieren, bekommen sie Unterstützung von der Polizei. Bei uns ist das ganz anders." Polizei und Paramilitärs richteten laut Isa unter ihnen
ein Blutbad an, bei dem bis zu 800 Uiguren getötet worden seien. "Ich
kann die Zahl nicht bestätigen, aber meine Informationen sagen, dass
es zwischen 600 und 800 getötete Uiguren sind. In jedem Fall sind es
mehrere hundert." (APA/AFP/Reuters/red)