"Wir sind dazu verdammt, relevant zu sein"

8. Juli 2009, 09:55
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Die neue Wertestudie zeigt: Die Österreicher wollen Kirchen weiter als moralische Instanzen - Religionen werden aber immer mehr wie im Supermarkt ausgesucht

"Nun sag, wie hast du's mit der Religion?" Die Faust'sche Gretchenfrage wird in der eben erschienen "Europäischen Wertestudie" auch den Österreichern gestellt. Ein Ergebnis der Studie: Die Wiederkehr der Religiosität, die bei der vergangenen Umfrage im Jahr 2000 prognostiziert wurde, hat sich nicht fortgesetzt. Die populäre These von der Säkularisierung - also dem Bedeutungsverlust des Glaubens - ist aber auch nicht so einfach haltbar. Vielmehr greife in Österreich die Pluralisierung um sich, ein buntes, fragiles Nebeneinander von Gläubigen, Nicht-Gläubigen und wenig Gläubigen.

In einer Wiener Buchhandlung diskutierte Studienautor Paul Zulehner diese Ergebnisse mit einem hochkarätigen Podium aus Theologen. "In Tirol sagen ein Viertel der Leute, sie seien Atheisten", will Zulehner, selbst katholischer Theologe, eine Abkehr von der Kirche gar nicht bestreiten. Zugleich glaube er fest an eine Re-Spiritualisierung der Gesellschaft. Auch Raoul Kneucker, juristischer Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche, gab sich realistisch: "Wir haben natürlich ein Verlassen der Amtskirchen." Heute ziehe es die Menschen zur "privaten, selbst gebastelten Religiosität" mit durchaus "starkem Supermarktgeist", den Kneucker aber nicht unbedingt kritisieren will.

Junge meiden Kirchen

Österreichs Kirchen, allen voran die katholische, leiden dabei auf hohem Niveau. Österreich ist im internationalen Vergleich immer noch ein Land mit starker Religiosität. Laut Wertestudie bezeichnen sich zwei Drittel der Österreicher als religiöse Menschen, nur 30 Prozent geben an, nicht religiös zu sein. Lediglich vier Prozent deklarieren sich als überzeugte Atheisten. Die Beziehung zwischen den Religionen, also positive Pluralität, sei in Europa generell nicht einfach, sagt Ulrike Greiner von der Kirchlich Pädagogischen Hochschule Wien/Krems. Die europäische Aufklärung und etliche Religionskriege brächten mit sich, dass "wir kein fröhliches, naives Verhältnis zum religiösen Pluralismus haben".

Co-Autorin Regina Polak fasst die Ergebnisse so zusammen: "Erneuerung und Transformation von Religion sind vor allem ein städtisches Phänomen, auf dem Land gibt es einen starken Abfall." Während in Wien der Anteil mit 54 Prozent religiösen Menschen seit dem Jahr 2000 etwa gleich blieb, hat sich der Anteil der säkular geprägten Menschen in den kleinsten Orten des Landes - jenen unter 2000 Einwohnern - von 16 auf 34 Prozent mehr als verdoppelt. Gleichzeitig erreichen die Kirchen immer weniger jüngere Menschen. Gerade 43 Prozent der Menschen unter 30 Jahren stufen sich selbst als religiös ein - vor neun Jahren waren es 66 Prozent.

Manche Krise hausgemacht

"Im Jahr 2000 hat man bei manchen schon das Leuchten in den Augen gesehen", gibt sich der katholische Jugendseelsorger Gregor Jansen selbstkritisch. Damals hatten die Kirchen in Österreich in allen Fragen der Wertestudie an Bedeutung zugelegt. "Da hat es geheißen: Wir kommen wieder, die große Renaissance", sagt Jansen.

Er meint sogar, während die früheren Krisen - etwa rund um den verstorbenen Erzbischof Hans Hermann Groër - eher die Peripherie, also die weniger engagierten Kirchgänger, zum Austritt veranlasste, hätten jüngere Image-Krisen - rund um die Pius-Bruderschaft oder die Nominierung von Gerhard Maria Wagner als Linzer Weihbischof - auch "die Kernschichten" aus der Kirche getrieben.

"Wie in den Türkenkriegen"

Besorgte Einigkeit herrschte am Podium auch über die neue Politisierung der Religion in Österreich, "was man im EU-Wahlkampf mit 'Abendland in Christenhand' (FPÖ-Slogan, Anm.) beobachten konnte", so Studienautorin Polak. "Die Kirche wird wieder interessant als identitätsstiftende Institution gegen 'die Anderen' oder 'die Fremden'." Diese Politisierung des Christentums sei zwar logische Folge der Politisierung des Islam.

Der evangelische Theologe Karl Schwarz: "Wir sind Europameister in Islamophobie." Instrumentalisiert werde die Kirche laut Wertestudie vor allem von selbsternannten "Kulturchristen, die keine christliche Bildung haben". Zum Wahlkampfauftritt von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache mit Kruzifix meint Zulehner lapidar: "Man könnte sich zurückgesetzt fühlen in die Türkenkriege."

Insgesamt bestätigt die Studie, dass Menschen, die sich als wenig religiös empfinden, vor allem die Grünen, das Liberale Forum oder die KPÖ wählten. ÖVP-Wähler haben nach wie vor den höchsten Anteil an religiösen Wählern, wobei - wie im Schnitt der Bevölkerung - auch hier der Anteil sank. Die SPÖ liegt im Mittelfeld. Während Säkularität als Attribut der Linken gilt, entwickelte sich seit 2000 aber auch so etwas wie eine säkulare Rechte.

"Atheisten gar nicht so schlecht"

Insgesamt sah das durchwegs selbstkritische Podium aber für Kirchen und Religionsgemeinschaften auch neue Chancen. Der evangelische Oberkirchenrat Kneucker lobte die Ökumene: "In dem Augenblick, in dem eine Kirche, auch die große katholische, allein auftritt, hat sie keinen politischen Impakt. Wir haben gelernt zu kooperieren, nicht theologisch, sondern sozialpolitisch."

Der junge Priester Jansen plädierte dafür, die Kirche "wieder als Lebensraum zu etablieren." Schließlich seien die Kirchen regelrecht dazu "verdammt, relevant zu sein". Theologe Zulehner regte an, dass die Kirche einen Dialog mit den Atheisten, den "unbekümmerten Alltagspragmatikern", führen müsse. Und selbstironisch fügte er an: "Das sind Leute, die gar nicht so schlecht sind, wie wir Katholiken es gerne hätten." (Lukas Kapeller, derStandard.at, 8.7.2009)

  • Auf der Suche nach der Antwort, was Religion in unsicheren Zeiten leisten muss: Pastoraltheologe Zulehner, Oberkirchenrat Kneucker, Moderatorin und Studienautorin Polak, Jugendseelsorger Jansen, Gründungsrektorin Greiner und Universitätsprofessor Schwarz (v.l.n.r.).
    foto: franz-karl nebuda
    Foto: Franz-Karl Nebuda

    Auf der Suche nach der Antwort, was Religion in unsicheren Zeiten leisten muss: Pastoraltheologe Zulehner, Oberkirchenrat Kneucker, Moderatorin und Studienautorin Polak, Jugendseelsorger Jansen, Gründungsrektorin Greiner und Universitätsprofessor Schwarz (v.l.n.r.).

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