60 Millionen Euro Schaden durch Tropenwetter

7. Juli 2009, 20:28
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Nach dem Rekordregen gibt es in Niederösterreich eine erste Schadensbilanz von 60 Millionen Euro

Die Katastrophenmittel des Landes wurden auf zehn Millionen Euro aufgestockt. Ein Zehntel davon ist schon ausbezahlt.

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St.Pölten / Wien - "Ein Regenguss wie in den Tropen." Meteorologe Gerhard Hohenwarter von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien traute seinen Augen nicht. 72 Liter Regen sind am Montag in der niederösterreichischen Gemeinde Seibersdorf gefallen - in nur 30 Minuten. "Das war in einer halben Stunde mehr, als es hier normalerweise im ganzen Juli regnet." Nach dem regenreichsten Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Norden und Osten Österreichs wurden seit 1. Juli vor allem im Osten des Landes enorme Niederschläge registriert: Spitzenreiter ist St. Pölten mit 127 Liter pro Quadratmeter.

Seit Dienstag liegen auch erste Schadensbilanzen vor: In Niederösterreich haben die jüngsten Unwetter laut Landeshauptmann Erwin Pröll (VP) Schäden im geschätzten Ausmaß von 60 Millionen Euro angerichtet. Zum Vergleich: Das "Jahrhunderthochwasser" im August 2002 verursachte in Niederösterreich einen Gesamtschaden von 1,3 Milliarden Euro.

Die Landesregierung reagierte mit einem aktuellen Beschluss: Die Katastrophenmittel werden von 2,5 auf zehn Millionen Euro aufgestockt. Bisher wurden 200 Schadensfälle unmittelbar abgewickelt und bereits rund eine Million Euro an Katastrophenmitteln ausbezahlt. Die insgesamt erwarteten Schadensfälle dürften sich zwischen 2500 und 3000 bewegen.

Auslöser der blitzartigen Unwetter der letzten Zeit sei der fehlende Luftmassenausgleich gewesen, erklärt Roland Reiter, Meteorologe bei Ubimet. "Das Balkantief ist zwar Ende Juni abgezogen, aber es hat feuchte Luft hinterlassen."

Psychische Belastung

Neben den materiellen Schäden haben viele Betroffene auch mit psychische Belastungen zu kämpfen. "Die Angst davor, dass der nächste Regenguss den Keller wieder überflutet, kann das Leben stark beeinträchtigen. Manche Menschen getrauen sich nicht mehr, für längere Zeit das Haus zu verlassen" , erklärt Norman Schmid vom Berufsverband der Psychologen. Folgen reichten von Schlafstörungen bis hin zu Traumatisierungen. Andererseits bemerke man in Krisenzeiten ein Zusammenrücken der Bevölkerung. "Die Leute schauen dann nicht nur auf sich selbst" , so der klinische Psychologe aus St.Pölten.

Der heimische Hochwasserschutz gerät derzeit immer wieder in die Kritik. Nichts gelernt aus vergangenen Naturkatastrophen, heißt es vor allem in Ortschaften entlang der Donau. Grundsätzlich sei der Hochwasserschutz in Österreich "vom Gesetzgeber auf ein100-jähriges Hochwasser ausgerichtet" , erklärt Stefan Kreuzer von der Landeswarnzentrale Niederösterreich.

Simulierte Dammbrüche

Die Katastrophenschutzabteilungen der Länder beschäftigen sich jedoch damit, was passiert, wenn ein Hochwasser über dieser Marke liegt und Dämmer brechen. Am Computer werden Situationen simuliert. Ein entsprechendes Pilotprojekt gab es in Niederösterreich entlang der March. Dabei zeigte sich, welche Regionen beispielsweise bei einem 300-jährlichen Hochwasser bedroht sind. Auf dieser Basis erstellt der Katastrophenschutz Notfallpläne: In Zone A müssen Häuser evakuiert werden, Zone B muss trotz Überschwemmung nicht evakuiert werden und in Zone C könnten Häuser noch mit Sandsäcken geschützt werden.

Die gute Nachricht zuletzt: "Das Gröbste ist ab Mittwoch vorbei, die Schwüle hat ein Ende" , prognostiziert ZAMG-Meteorologin Liliane Hofer. Eine Kaltfront könnte zwar noch Gewitter bringen, danach soll es bis zum Wochenende nur noch vereinzelt regnen. (ker, nf, simo, DER STANDARD - Printausgabe, 8. Juli 2009)

  • Viele Keller wurden heuer bereits zwei- oder dreimal überflutet. Zu den
materiellen Schäden kommt die ständige Angst, noch einmal überschwemmt
zu werden.
    foto: standard/heribert corn

    Viele Keller wurden heuer bereits zwei- oder dreimal überflutet. Zu den materiellen Schäden kommt die ständige Angst, noch einmal überschwemmt zu werden.

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