Glückliche Freilandforscher

7. Juli 2009, 18:42
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Forscher siedeln die aus dem Mittelalter stammende "Urforelle" wieder an, entlassen junge Bartgeier in die Selbstständigkeit und verfolgen die weiten Wege von Alpensteinböcken

Wie einem Märchenbuch entsprungen liegt das Kalser Dorfertal zwischen den Gebirgshängen in der Vormittagssonne. In der Mitte schlängelt sich ein Bach, randvoll mit hellblauem Gletscherwasser, durch die vor Grün strotzenden Weiden, die gesprenkelt sind mit Almrausch, vereinzeltem Enzian und unzähligen anderen Blumen. Zwischen den lichten Lärchen dösen ein paar Kühe vor sich hin, kleine Grasfrösche springen durch das sumpfige Gras, am Bergkamm fliegt ein Steinadler entlang.

Nikolas Medgyesy unterbricht nur ungern die Idylle inmitten des Nationalparks Hohe Tauern in Osttirol, aber das Anspringen des Stromaggregats kommt letztlich der quasi unberührten Naturlandschaft zugute. Der Fischforscher vom Institut für Zoologie der Uni Innsbruck führt im Rahmen des Projekts Trout Exam Invest eine Kontrollbefischung durch, um den Bestand der "Urforelle" zu erheben, einer ursprünglich hier heimischen Art der Bachforelle, die er in dem Gewässer wieder angesiedelt hat, um sie vor dem Aussterben zu bewahren. Das auf den Rücken geschnallte Aggregat, mit dem er und sein Sohn ins fünf Grad kalte Wasser stapfen, stellt die Gleichspannung her, welche die Fische in einem Umkreis von zwei Metern anzieht und leicht betäubt.

Einmal jährlich fischt Medgyesy so einen Abschnitt von etwa einem Kilometer ab, um dann den Bestand hochzurechnen, den "Konditionsfaktor" zu ermitteln und so die Entwicklung der Population zu beobachten.

"Die Fische sind extrem vital. Wir werden im Herbst die ersten Jungfische haben, die hier gelaicht worden sind", erzählt Medgyesy, während er die betäubten "Urforellen" am Ufer abmisst und auf eine Waage legt. Bei einer findet er hinter dem Auge ein Plättchen mit einer Identifikationsnummer, die bei einer der Chargen, die in den letzten Jahren im Bach ausgesetzt worden sind, implantiert wurden. Andere wurden tätowiert oder an der Flosse markiert. So kann er die Daten einzelner Tiere vergleichen.

Fisch-Gen-Tests 

"Durch die Regulierung der Bäche, durchgehende Überfischung und Verdrängung durch nicht heimische Arten, die angesiedelt wurden, war nur mehr eine Reliktpopulation von 200 Fischen da", sagt Medgyesy. "Wir mussten weit ins Gebirge hinaus, um die letzten lokalen Vorkommen zu finden." Durch molekulargenetische Analysen von Gewebeproben bis hin zu "Vaterschaftstests" wurden sieben lokale Linien der ursprünglichen, autochthonen Bachforelle entdeckt, die im Mittelalter von Fürsten und Klöstern im Hochgebirge ausgesetzt wurde - vor allem zur Bereicherung der Fastenzeit.

Die Osttiroler Linie, die gerade im Dorfertal ansässig wird, stammt aus dem nahen Anrasersee auf 2450 Metern, wo Medgyesy Elternpaare entnahm und in Aquarien an der Uni Innsbruck begann, die "Urforelle" zu züchten. Der Bach im Dorfertal, der sich aus einem Gebirgssee speist, wurde aufgrund der optimalen Bedingungen als neuer Lebensraum ausgewählt - und weil durch die isolierte Lage oberhalb eines Wasserfalls weiter unten lebende Fische nicht eindringen können.

Vor der Wiedereinbürgerung wurde der Abschnitt noch per Elektrofische von "ortsfremden" Fischen befreit. Die "Urforellen" selbst - heute ca. 4000 allein im Dorfertal - bleiben im Gegensatz zu anderen Forellen gern ihrem Bach-Grätzel treu, haben hier größere Überlebenschancen und wandern trotz der teils reißenden Strömung nicht ab.

"Es deutet alles darauf hin, dass das Ausbringen der Jungfische an exponierten, isolierten Stellen der richtige Weg ist, um die Art am Leben zu halten", ist Nikolaus Medgyesy überzeugt. Dann entlässt er den Fang wieder ins Wasser. Eine Forelle zu essen würde dem geprüften Fischzüchter ohnehin nicht einfallen.

Im Kärntner Teil des Nationalparks Hohe Tauern kümmert sich derweil Michael Knollseisen um die Wiederansiedelung einer anderen Wildtierart, die bereits vor fast 100 Jahren im Alpenraum vollständig ausgerottet wurde: In einem Tal bei Mallnitz beobachtet er derzeit ständig zwei vier Monate alte Bartgeierweibchen. Zwei Wochen zuvor hat er sie in Kisten zu einem Spalt in einer Felswand, über die ein steil abfallender Bach donnert, getragen. Dort sitzen Maseta und Eustachius, wie die aus dem Tiergarten Schönbrunn und einem Zoo in Spanien stammenden Geier heißen, und tun - hauptsächlich gar nichts.

"Sie sind gerade dabei, fliegen zu lernen", erklärt Knollseisen. "Deshalb ist es wichtig, dass sie nicht zu Fuß wegkönnen und sich die Landschaft einprägen." Alle drei Tage klettert er hinauf und bringt ihnen diskret Schafshaxen oder ein Gamsskelett. Schließlich sollen sie sich nicht zu sehr an die Menschen gewöhnen, sondern sich zu den anderen rund 150 Bartgeiern gesellen, die mittlerweile wieder in den Alpen ihre Kreise ziehen und im Rahmen eines internationalen Artenschutzprogramms beobachtet werden. Heuer wurde in den Hohen Tauern der erste der mächtigen Knochenfresser, die eine Flügelspannweite von bis zu 2,80 Metern erreichen, mit einem GPS-Sender bestückt - auf das erste in der Wildnis geschlüpfte Junge muss man in Österreich noch warten.

SMS vom Steinbock 

Der Alpensteinbock, der ebenfalls ausgerottet war, hat sich hingegen längst wieder eingebürgert. So gut, dass sich das Rudel bei der Franz-Josefs-Höhe am Großglockner durch die neugierigen Blicke der Touristen nicht stören lässt.

Das heißt aber noch lange nicht, dass sie auch hier bleiben, wie das Projekt "Steinwildtelemetrie" gezeigt hat. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Wildtierkunde der Veterinärmedizinischen Universität Wien haben zehn von etwa 550 Steinböcken rund um den Glockner ein Halsband mit einem Sender bekommen, der sechsmal pro Tag eine SMS mit der genauen Position an die Forscher schickt.

Die Daten sollen bis 2011 Einblicke in Aktivität, Wanderverhalten, saisonale Raumnutzung und den Austausch zwischen den Rudeln geben. Dabei hat sich gezeigt, dass Bock Rupert ein Streifgebiet von 13.400 Hektar hat und in einem Jahr eine Strecke von 400 Kilometer Luftlinie durchs Gebirge zurückgelegt hat. "Das hat uns keiner geglaubt, dass ein Bock so weit geht", sagt Projektleiter Nikolaus Eisank. Jetzt will man mehr über die Geißen herausfinden. Die sind nämlich vorsichtiger und lassen sich nicht so einfach beobachten. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. Juli 2009)

Wissen

Der Nationalpark Hohe Tauern ist der größte Nationalpark im Alpenraum und erstreckt sich über Teile Salzburgs, Osttirols und Kärntens. Auf einem 1800 Quadratkilometer großen Gebiet zwischen 1000 und 3498 Meter Seehöhe (Großglockner) findet sich ein Drittel aller in Österreich vorkommenden Pflanzenarten und knapp 10.000 Tierarten - darunter eine Vielzahl von Biotopen, die nur hier existieren. Seit dem Jahr 2000 wurden 190.000 Datensätze von 8000 Arten in einer Biodiversitätsdatenbank aufgenommen. Daneben werden zahlreiche Forschungsprojekte durchgeführt, die sich mit Kartierung, Monitoring einzelner Arten, Schutzmaßnahmen und Wechselwirkungen beschäftigen. Von 17. bis 19. September richtet der Nationalpark Hohe Tauern das 4. Internationale Symposion zur Forschung in Schutzgebieten auf der Burg Kaprun aus.

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Nationalparkforschung

  • Die Gamsgrube oberhalb der Pasterze am Fuße des Großglockners steht aufgrund ihrer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt unter besonderem Schutz.
    fotos: nhtp, krichmayr

    Die Gamsgrube oberhalb der Pasterze am Fuße des Großglockners steht aufgrund ihrer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt unter besonderem Schutz.

  • Geschützt und erhalten werden in den Hohen Tauern auch die hier ansässigen Populationen von Bachforelle, Bartgeier und Steinbock.
    fotos: nhtp, krichmayr

    Geschützt und erhalten werden in den Hohen Tauern auch die hier ansässigen Populationen von Bachforelle, Bartgeier und Steinbock.

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