Vom Wert der Moral in Zeiten der Krise

7. Juli 2009, 17:51
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In der krisengeschüttelten Ukraine machen sogenannte Sittenwächter auf sich aufmerksam: Doch hinter der Moralfassade - so deren Kritiker - geht es nur um politischen Einfluss

"Ungeachtet positiver Besprechungen ist mein Verhältnis zu diesen Büchern äußerst negativ" , erklärte kürzlich eine Bibliotheksdirektorin im ukrainischen Luhansk. Im Rahmen eines Programms zur Förderung der ukrainischen Literatur hatte das Kulturministerium Werke zeitgenössischer Autoren - darunter auch von Starautor Jurij Andruchowytsch - an öffentliche Bibliotheken verteilt. In Luhansk hatte man damit wenig Freude, die Werke enthalten Schimpfwörter. Man habe die Neuzugänge zwar pflichtgemäß in den Katalog aufgenommen, so die Direktorin, aber: "Wir werden sie in keinem Fall unseren Besuchern als Lektüre empfehlen."

Die moralische Erregung einer Provinzbibliothek steht nicht alleine da, und anderen Autoren ergeht es bisweilen schlimmer. Denn parallel zur Wirtschafts- und Politkrise haben zuletzt Sittenwächter ihre Tätigkeit intensiviert. Insbesondere betrifft das die "Staatliche Expertenkommission zu Fragen des Schutzes gesellschaftlicher Moral" , die in vergangenen Monaten einiges erreicht hat - trotz formal eher beschränkter Möglichkeiten. So hatte die Moralkommission im Februar Die Frau seiner Träume, den neuesten Roman von Oles Uljanenko, pauschal zur Pornografie erklärt. Das Buch des unter anderem mit dem Schevtschenko-Preis ausgezeichneten Autors verschwand aus den Verkaufsregalen.

Uljanenko klagt nun gegen Beschluss und Kommission, ein Gericht in Kiew verhandelt den Fall. Aber auch vor der Kommissionsentscheidung hatte es für und mit Uljanenko Ungemach gegeben: Als das Kiewer Kulturmagazin Scho im Dezember einen Auszug des Textes publizieren wollte, verweigerte dies die Druckerei.

Pointierte Auftritte

Bei Scho sitzt auch einer der Hauptkritiker der Moralkommission. Anatolij Uljanow, der stellvertretende Chefredakteur des Magazins, ist so etwas wie der schillernde Jungstar der ukrainischen Kunstkritik. Der 25-Jährige bespricht seit 2003 in einem eigenen Internetmedium bevorzugt provokante Werke zeitgenössischer Kunst, durch pointierte Fernsehauftritte ist er auch einem breiteren Publikum bekannt geworden.

Zudem initiierte Uljanow den Weblog Moral Monitor, der sich mit der Moralkommission beschäftigt: "Mit ihrer Aktivierung wurde praktisch ein legales Zensurorgan eingeführt. Fast alle Fernsehsender und Internetprovider unterschrieben eine Charta über Zusammenarbeit mit der Kommission. Es bedarf dazu keines großen Machtinstruments, die Furcht reicht."

Aber weshalb diese Renaissance der "Moral"? Uljanow konstatiert einen Wahlkampfhintergrund: Die Kommission beschäftige sich nicht nur mit Massenkultur wie etwa der Comic-Serie Simpsons. Der Vorwurf gegen ein Internetmedium, ein Artikel habe im Tonfall den Präsidenten beleidigt, offenbarte Politisches: "Hinter dieser Maske des moralischen Kampfs steht ein gewöhnliches Wahlkampfinstrument, dass gegen Andersdenkende eingesetzt werden soll."

Neben der Kommission hat sich Uljanow zuletzt auch polemisch mit dem ähnlich "moralisch" agierenden Kiewer Bürgermeister Leonid Tschernowezkyj, seinerzeit Ko-Autor des "Gesetzes über den Schutz der gesellschaftlichen Moral" , beschäftigt. Gerade deshalb, so meint Uljanow, befindet er sich in einer ungewöhnlichen Lage: Nachdem er von einem Mitglied einer radikalen Organisation, deren Anführer für eine städtischen TV-Sender arbeitet, demonstrativ verprügelt wurde, wird Uljanow von zwei Bodyguards bewacht.

Mittlerweile hält er sich bevorzugt im Ausland auf. Vermittlungsversuche, die der ukrainische Geheimdienst angeboten habe, seien gescheitert: "Im Moment kann ich meiner journalistischen Arbeit nicht wie gewohnt nachgehen."

Anders die Moralisten: Die Moralkommission wird demnächst ihre Bewertung der Damien-Hirst-Retrospektive im Pinchuk Art Center abgeben. Und seit kurzem ist ein Gesetz in Kraft, das selbst den Besitz von "normaler" Pornografie strafrechtlich relevant macht. (Herwig G. Höller aus Kiew/DER STANDARD, Printausgabe, 8. 7. 2009) 

  • Der Journalist Anatolij Uljanow ist einer der lautesten Kritiker der selbsternannten Sittenwächter der Ukraine, der Mann im Hintergrund ist sein Leibwächter.
    foto: herwig g. höller

    Der Journalist Anatolij Uljanow ist einer der lautesten Kritiker der selbsternannten Sittenwächter der Ukraine, der Mann im Hintergrund ist sein Leibwächter.

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