Berliner bauen Berg

7. Juli 2009, 15:20
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Wie aus Sehenswürdigkeiten "Sehnsuchtsorte" werden und warum Berlin auch weiterhin auf ein Zentralmassiv verzichten muss

Genau da, wo alle anderen die Mauern niederreißen wollen, will der Architekt Jakob Tigges einen Berg bauen: in den Köpfen. Und zwar in den Köpfen der Bürger und Bürgerinnen einer Stadt, die mit Mauern sehr viel Erfahrung hat: in Berlin.

Mit alpinem Flair hat Berlin bekanntlich eher weniger zu tun, auch wenn so mancher Name eines Ortsteils auf anderes schließen lässt. Als im Herbst 2008 der Flughafen Berlin Tempelhof seinen letzten Flieger auf der Rollbahn in die Luft steigen gesehen hat, bescherte die Schließung des "Luftbrücken"-Flughafens aus den Zeiten der zwei deutschen Staaten der Stadt Berlin ein 365 Hektar großes Areal, das seiner neuen Bestimmung harrte. Ein Ideenwettbewerb wurde ausgeschrieben.

Jakob Tigges hatte eine Idee, auch wenn sie von Anfang an nicht ganz ernst gemeint war: Was Berlin fehlt, ist ein Berg. Ein richtiger, echter, hoher. Und warum sollte man das gerade freigewordene Territorium nicht nutzen, den "Sehnsuchtsort" Berg dahin zu bauen? Unter dem Titel "The Berg" reichte Tigges mit seinem Büro Mila den Vorschlag ein. Über 1.000 Meter hoch soll der Fels in der Stadt sein, mit Wiesen, Wäldern, Almhütten. Ein Platz zum Verweilen, zum Ausblicken. Auch über die Flora und Fauna hat sich das Architektenteam Gedanken gemacht.

Es ist aber nie darum gegangen, das Projekt tatsächlich zu realisieren. "Der Plan war, dass die Leute nur so tun, als gäbe es den Berg. Sie sollten sich überlegen, was sie auf dem Berg tun würden, wie er das Leben verändern würde, wo der Schatten hinfallen würde", malt Tigges seine Idee aus. Es hat funktioniert und das genau so, wie es sich der Architekt und sein Team vorgestellt haben. Der Ideenwettbewerb ist abgelaufen, "The Berg" hat nicht gewonnen - der Ex-Flughafen wird zu Neo-Wohnraum, mit fünf Subarealen für den Wohnbau und einem Park in der Mitte. Das Berg-Projekt lebt aber weiter. Auf Facebook, in Internet-Foren und damit in den Köpfen der Berliner und all jener, die es zumindest im Geiste sein wollen.

Imaginäre Sehenswürdigkeit

"Wir haben die erste imaginäre Sehenswürdigkeit der Welt geschaffen. Wir wollen, dass die Leute in Scharen nach Berlin kommen, um 'The Berg' nicht zu sehen", erklärt Jakob Tigges im Wagen 18 des real existierenden Wiener Riesenrades bei der Präsentation der wahrscheinlich ersten Kooperation des Berliner Alpin-Massivs mit Almdudler. "Das ist ein emotionales Projekt. Und es ist ungewöhnlich, das passt zu uns", meint Almdudler-Geschäftsführer Gerhard Schilling.

Die geplante Almhütte wird nämlich auch die österreichische Kräuterlimonade ausschenken, außerdem verspricht Schilling dem Berliner "das alpine Know-how zur Verfügung zu stellen". Tigges freut sich über die Entwicklungshilfe aus Österreich und erzählt von österreichischen Tal-Bewohnern, die sehr gerne ihre Berge zum Versetzen nach Berlin angeboten hätten. Das fiktive Wahrzeichen ist mittlerweile nicht nur im virtuellen, sondern auch im realen Leben angekommen. Wandervereine werden gegründet; in Zukunft auch Postkarten mit alpinem Berlin-Motiv verkauft, in manchen Lokalen der deutschen Bundeshauptstadt hängen Bilder von "The Berg". Stolz erzählt Tigges auch von Schulklassen, die Berg-Bilder malen. Ein Berliner Journalist habe zudem sehr genau recherchiert, die Kosten für den Bau, das nötige Material berechnet und auch prüfen lassen, ob der Boden "The Berg" überhaupt aushalten würde. Würde er, übrigens. (Daniela Rom, derStandard.at, 7.7.2009)

  • "The Berg" - so wurde er geplant.
    foto: the berg

    "The Berg" - so wurde er geplant.

  • Almdudler-Geschäftsführer Gerhard Schilling (links) überreicht dem "Berg-Vater" Jakob Tigges ein Email-Schild für die Almhütte.
    foto: derstandard.at/rom

    Almdudler-Geschäftsführer Gerhard Schilling (links) überreicht dem "Berg-Vater" Jakob Tigges ein Email-Schild für die Almhütte.

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