"Sprache ist Folge von Integration, nicht Voraussetzung"

11. August 2009, 11:22
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Das Kursangebot für Zugewanderte sei mangelhaft, kritisiert Sprachwissenschafter Klaus-Börge Boeckmann

Innenministerin Maria Fekter plant, die Regeln für Sprachkenntnisse von MigrantInnen zu verschärfen (siehe Wissen). Klaus-Börge Boeckmann, Professor für Germanistik an der Uni Wien und Integrationsexperte, glaubt nicht, dass solche Maßnahmen der Integration dienen. Im Gespräch mit Christiane Dajeng erklärt er warum, und welche Maßnahmen er für besser hält.

Ist Sprache tatsächlich ein so wichtiger Faktor, wie in der Integrationsdebatte angenommen wird?

Natürlich spielt Sprache eine zentrale Rolle bei der Integration. Allerdings ist sie mit anderen Faktoren sehr eng verknüpft, zum Beispiel mit dem Arbeitsmarkt. Der Spracherwerb wird oftmals mit Integration gleichgesetzt, ist jedoch zu einem guten Teil Folge von Integration – und nicht Voraussetzung.

Wird das vorgeschlagene Sprachpaket der Integration nützen?

Es ist festzuhalten, dass sich all diese Maßnahmen nur auf Drittstaatsangehörige beziehen. EU-BürgerInnen, die rund ein Drittel der MigrantInnen in Österreich darstellen, sind gar nicht eingeschlossen. Es betrifft also nur einen bestimmten Kreis von ZuwandererInnen. Die Maßnahmen scheinen hauptsächlich als Ziel zu haben, Leute durch mehr Bürokratie von der Zuwanderung abzuschrecken. Ob das Ganze eine positive Wirkung auf Integration haben wird, wage ich zu bezweifeln.

Warum?

Weil keine Begleitmaßnahmen passieren. Integration wird als Bringschuld derjenigen gesehen, die zu uns kommen, und nicht als Gesamtaufgabe der Gesellschaft.

Was würde die Sprach-Integration fördern?

Die Konstruktion der Integrationsvereinbarung als Zwang ist nicht optimal. Wir alle wissen, dass man die Dinge, zu denen man gezwungen wird, nicht besonders gut lernt. Förderlich ist eine Motivation von innen. Und die lässt sich am besten mit Anreizen erreichen.

Welche Anreize wären möglich?

Dass man, wenn man bestimmte sprachliche Qualifikationen erreicht, seinen Aufenthaltsstatus verbessern kann, zum Beispiel. Außerdem müsste das Kursangebot viel differenzierter sein: Es müsste Kurse für Leute mit umfassender Vorbildung geben, und andere für Leute mit wenig formeller Lernerfahrung. Es sollte zudem Kurse geben, in denen man gleichzeitig berufliche Qualifikationen erwirbt. Sprachenlernen ist viel effizienter, wenn man einen bestimmten Inhalt damit verbindet. Vor allem aber bräuchten wir Kurse, an denen ZuwanderInnen und Einheimische gemeinsam teilnehmen, beispielsweise Computerkurse.

Warum ignoriert die Politik solche wissenschaftlichen Erkenntnisse?

Ein Aspekt ist, dass man natürlich gewisse Dinge nicht hören will, die wir sagen. Diese Politik ist oft symbolische Politik, die vor allem für den rechten Rand gedacht ist. Ob es wirklich der Integration hilft, ist dann nicht mehr so wichtig, solange man es als Maßnahme verkaufen kann, die Österreich unattraktiv macht als Land für Zuwanderung. Aber eigentlich sollte die Frage sein: Was dient der Integration? Integrationspolitik wäre auch, der Bevölkerung viel mehr Informationen zu geben. Das ist natürlich eine Mordsaufgabe, wo sich keiner wirklich drüber traut – aber das wäre wichtig.

Wissen

Der von Innenministerin Maria Fekter vorgeschlagene Nationale Aktionsplan für Integration sorgte bereits für Kritik sowohl von Seiten der Opposition als auch verschiedener NGOs. Er soll bis Herbst 2009 ausgearbeitet werden. Was den Spracherwerb von MigrantInnen anbelangt, soll es zwei wesentliche Änderungen geben. Zum einen sollen MigrantInnen schon bevor sie nach Österreich kommen, Grundkenntnisse der deutschen Sprache vorweisen, zum anderen sollen die MigrantInnen, die schon in Österreich sind, in den Sprachkursen der sogenannten Integrationsvereinbarung ein höheres Sprachniveau als bisher erreichen.

  • "Wir bräuchten Kurse, wo ZuwanderInnen und Einheimische gemeinsam teilnehmen":  Boeckmann

    "Wir bräuchten Kurse, wo ZuwanderInnen und Einheimische gemeinsam teilnehmen":  Boeckmann

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