Südbahnhotel Semmering

Strudlhof'sche Hühnerleiter

6. Juli 2009, 16:41
  • Artikelbild
    foto: apa

    Joseph Lorenz als Major Melzer.

Maria Happel versuchte sich an ausgewählten Szenen von Doderers "Strudlhofstiege" im würdevoll gealterten Südbahnhotel am Semmering

Es entstand ein leicht gehetztes Stationendrama - ohne "die Tiefe der Jahre".

***

Semmering - Farbe blättert vom Plafond, wo offensichtlich Wasser eingetreten war. Die dunklen, morbiden Räume öffnen sich einer nach dem anderen und zwingen ihre Besucher, sich in die Zeit hineinzudenken, als hier das Wort Sommerfrische noch durch ein schickes Grand Hotel hallte. Das alte Südbahnhotel, das 1881 erbaut wurde, als die Semmeringbahn einen Luftkurort der guten Gesellschaft in die Gegend gezaubert hatte, steht schon lange leer. Umso gespenstiger wirken die Schauspieler, die hier in historischen Kostümen im Treppenhaus lauern, stumm auf der Terrasse vor einer Bergkulisse auf- und abschreiten oder im Menschengewühl des Foyers plötzlich die Stimme aus einer fernen Zeit erheben.

Die Festspiele Reichenau haben das alte Hotel auch diesen Sommer wieder belebt, ohne es unsanft aus seinem Dornröschenschlaf zu holen. Man gibt ausgewählte Romanausschnitte aus Doderers Strudlhofstiege, die Nicolaus Hagg und Bernd Jeschek eigens für die morbide Spielstätte geformt haben. Wer sich aber eine intensive Auseinandersetzung mit Doderers Hauptwerk erwartet, wird enttäuscht.

Im besten Fall wird im Waldhofsaal der Roman momenthaft heraufbeschworen. Auf der kargen Dachterrasse, die mit einer monströsen Metallkonstruktion vor Regen schützen soll, und im alten Speisesaal gelingt nicht einmal das. Die Regie fasste in zweieinhalb Stunden, zu denen auch langwierige Umzüge des Publikums durchs Haus gehören, verschiedene Szenen oder sogar Figuren mitunter zu nur einer zusammen. Das wäre nicht weiter schlimm, würde sich am Ende alles zu einem verständlichen Ganzen fügen.

Doch die Lücken, die sich in der Inszenierung in den Lebensphasen einzelner Protagonisten auftun, schließen sich nur, wenn man den Roman im Hinterkopf mit sich trägt. Weder der von Joseph Lorenz still und glaubhaft gespielte Major Melzer noch die allzu laut nach Leben gierende und sich schließlich selbst tötende Etelka (Sona Mac Donald) oder die schüchterne Thea (Stefanie Dvorak) werden in diesem Sommertheater nachvollziehbare Menschen. Auch der Einfall, die verhängnisvollen Zwillingsschwestern Editha und Mimi von Eva Herzig spielen zu lassen, erweist sich als - nicht nur - dramaturgischer Fehler.

"Die Tiefe der Jahre"

Diese Lücken überraschen nicht. Denn so wie die Strudlhofstiege selbst ihre Besucher im 9. Wiener Bezirk nicht zu einem einzigen geraden Aufstieg einlädt, so ist auch der rund 900 Seiten starke Gesellschaftsroman Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre, der Heimito von Doderer 1951 zum endgültigen Durchbruch verhalf, keine linear erzählte Geschichte. Viele Erzählstränge machen ihre Schlingen in Rückblicken, klettern neben- und ineinander dem Höhepunkt entgegen. Für die "Tiefe der Jahre" vor und nach dem Ersten Weltkrieg nahm sich Doderer Zeit zum Erzählen. Diese fehlt Maria Happel, die als leicht frivole Haushälterin oder zwitschernde Kammersängerin mehr amüsiert denn als Regisseurin. Als solche hetzt sie ihr Publikum über eine harmlose Strudlhof'sche Hühnerleiter, auf der dort und da ein Wortwitz gackert oder ein schönes Bild einen kurz innehalten lässt. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD/Printausgabe, 07.07.2009)

Zdenko von Chlamtatsch
00
13.7.2009, 11:56

Danke, die erste Kritik, die das Ganze etwas differenzierter sieht. Eine interessante Kritik auch hier: http://www.doderer-gesellschaft.org/forum/200... zeitsfall/

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.