Anbaggern

28. Juni 2009, 18:09
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Die Vizebürgermeisterin schritt am Flugfeldasphalt zur Tat. Und das, sah man ihr an, machte ihr Spaß

Es war am Freitag. Da erkannte ich, dass wir alle den gleichen Traum haben. Und dass es immer nur einen braucht, das zuzugeben: Sobald einer das Eis bricht, können auch die anderen plötzlich endlich zu ihrem Traum stehen. Und loslegen, skizzieren, schwärmen und Luftschlösser bauen. Und hoffen, dass irgendwer in der Gruppe der Stadtgestalter, die da auch gerade mitgeschwärmt haben, den Gedanken aufgreift. Oder einer ihrer Berater so schlau ist, das Ding, über das da gerade alle schwadroniert haben, weiter zu verfolgen.

Es war in der Donaustadt. Auf dem ehemaligen Flugfeld Aspern galt es, den Beginn der Vorarbeiten zum Baubeginn eines neuen Stadtteiles zu eröffnen. Kein Spatenstich, hatte es geheissen, sei das, was da auf dem ehemaligen Flugplatz der Alliierten und späteren Verkehrsübungsplatz des ARBÖ hinter der Autofabrik mit kommunalpolitischen Schwergewichtern über die Bühne gehen würde - sondern der Beginn eines Abbruches. Damit auf dem Gebiet, das so groß ist wie der 7. und der 8. Bezirk zusammen, irgendwann eine Zukunftsstadt stehen kann.

Terminus Technicus

"Anbaggern" hatte sich als Terminus Technicus angeboten. Obwohl: Die Finanzstadträtin und die Wirtschaftskammerpräsidentin baggern nicht an. Personen nicht - und alte Flugfelder/Verkehrsübungsplätze schon gar nicht. Aber das Wort fanden dann doch alle nett.

Und so standen hinter uns - so, dass es die Kameras nicht einmal absichtlich nicht als Bildhintergrund verwenden können hätten - Baumaschinen. Martialisches, großes, schweres Gerät. Ein Schaufelbagger wie aus dem Bilderbuch (oder der Sandkiste - aber eben in Groß). Eine Trümmerpüriermaschine (deren tatsächliche Namen ich sofort wieder vergessen hätte, wenn ich danach gefragt hätte). Ein Radlader. Und ein Hydromeißelbagger (dass der so heißt, weiß ich auch nur, weil ich erklären durfte, dass die Vizebürgermeisterin dieses hübsche Kettenfahrzeug zum Abschluss der Zeremonie in Betrieb zu nehmen gedenke).

Gesetzte Worte

So kam es dann auch: Nach gewichtigen wie gesetzten Lob-, Dankes- und sonstigen Worten schritt die Vizebürgermeisterin zur Tat: Sie kletterte in den Bagger (pardon: Hydromeißelbagger) und ließ sich von einem geradezu archetypischen (Hydromeißel-)Baggerfahrer erklären, was sie nun zu tun habe. Dann tat sie es - und der Hydromeißel des Kettenfahrzeuges knatterte das erste Loch in den alten Flughafenasphalt.

Die Vizebürgermeisterin grinste. Und ließ den Meißel noch einmal knattern. Und ein drittes Mal. Ihr Grinsen, oben im Kettenfahrzeugführerstand, wurde breiter - und war plötzlich gar nicht mehr bloß das Politikerkamerapflichtlächeln: Die Frau hatte eindeutig Spaß an dem, was sie da tat. Und wäre nicht das Protokoll gewesen, sah man ihr an, hätte sie den Meißel wohl noch ein paar Mal in den Boden rattern lassen. 

"Will auch!"

Plötzlich sagte eine Stimme neben mir: "Pfo, ich will auch!" Es klang sehnsüchtig. Der Mann, dem dieses Bekenntnis entwich, starrte mit offenem Mund auf die Meißelei - es war einer der ranghöchsten Funktionäre aus dem Gefolge der wichtigen Abbruchbeginneröffnungsrednerrunde.

Neben ihm standen Ranggleiche und Rangniedrigere. Und so, als hätten sie nur drauf gewartet, dass endlich einer den von der Vizebürgermeisterin vorgelebten Bubentraum vom Baggerfahren als immer noch aktuellen Wunschtraum gestehen würde, stimmten sie in den Chor ein. Ja, das wäre doch echt fein. Mit dem Bagger oder dem Hydromeißel herumzugurken. Löcher in den Boden reissen. Brocken herumzuwuchten. Die Kraft der großen Maschinen spüren. Dann wurde das Setting skizziert: „Nicht im Anzug - und nicht vor soviel Publikum. Und sicher nicht nach einem Plan. Denn das würde schief gehen. Aber unter Anleitung da herumzufuhrwerken - ein Hammer. Und meine Kinder, die da gerade in der Aspern-Riesensandkiste mit den Spielzeugbaggern üben, hätten an den großen Geräten sicher auch ihren Spaß." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 6. Juli 2009)

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