"Wir brauchen einfach viel Geduld"

5. Juli 2009, 18:48
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Andrej Kortunow, Chef der New Eurasia Foundation in Moskau, sieht für russische NGOs auch Themen jenseits der Menschenrechte

Zum Beispiel die "sozialen Bedürfnisse der einfachen Leute", wie er im Gespräch mit Verena Diethelm sagt.

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STANDARD: Es heißt, dass US-Präsident Barack Obama in Moskau auch den gleichzeitig stattfindenden Gipfel der Zivilgesellschaft besuchen wird. Was erwarten sich denn die russischen NGOs von seinem Besuch?

Kortunow: Wir wären natürlich froh, wenn der US-Präsident unseren Gipfel besuchen würde, aber das ist nicht der Hauptgrund, warum wir diesen Kongress veranstalten. Wir wollen während unseres Gipfels nach Möglichkeiten suchen, wie wir die amerikanisch-russischen Beziehungen auf eine breitere Basis stellen können.

Wir sind gespannt, was uns Obama über seine Erfahrungen in der Arbeit im Gemeinwesen berichten kann und hoffen, dass er bei seinem Besuch klar macht, dass Menschenrechte und Zivilgesellschaft in den US-russischen Beziehungen nicht etwas Nebensächliches sind. Kein Gadget. Sondern, dass er signalisiert, dass die Zusammenarbeit in diesem Bereich organisch für die Beziehungen unserer beider Länder ist.

STANDARD: In welchen Bereichen sehen Sie Möglichkeiten für die Kooperation mit amerikanischen NGOs?

Kortunow: Wir können uns vorstellen, dass sich die Bereiche Entwicklung des Gemeinwesens, Umweltschutz, öffentliche Gesundheit, Menschenrechte und Korruption dafür besonders eignen. Lange Zeit war die Zusammenarbeit einseitig.

Es gibt eine Menge amerikanischer NGOs in Russland, die die amerikanische Zivilgesellschaft repräsentieren. Aber deren Schwerpunkt lag vor allem auf politischen Themen, Menschenrechten und Demokratie, was den Kontakt oft erschwerte. Wir wollen den Dialog verbreitern und mehr auf die sozialen Bedürfnisse der einfachen Leute eingehen.

STANDARD: Ein Fall in Russland, der derzeit die Menschenrechtler aufbringt, ist der zweite Prozess gegen den früheren Yukos-Chef Michail Chodorkowski. Glauben Sie, dass dieser Fall ein Thema sein wird?

Kortunow: Natürlich stehen einige Teilnehmer diesem Fall kritisch gegenüber. So wie sie auch Guantánamo kritisch gegenüber stehen. Dieses Treffen sollte nicht dazu dienen, uns gegenseitig zu kritisieren, sondern Wege zur Zusammenarbeit zu finden.

STANDARD: Der russische Präsident Dmitri Medwedew hat ein Gesetz initiiert, das die Arbeit von NGOs in Russland erleichtern soll. Wie zufrieden sind Sie damit?

Kortunow: Es ist gut, dass es Verbesserungen gibt, aber es ist nicht ausreichend. Von den neun Vorschlägen, die wir gemacht haben, wurden nur zwei berücksichtigt. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung, und wir erwarten, dass weitere Schritte folgen.

STANDARD: Die Erwartungen an das Gipfeltreffen sind hoch. Was passiert, wenn der Neustart scheitert?

Kortunow: Das hängt davon ab, wie man das Scheitern definiert. Dass wir einen Prozess angefangen haben, der uns näher zueinander bringen soll, ist bereits ein Erfolg. Aber natürlich wird es nach dem Gipfel auch wieder Kritik geben, und es wird heißen, wir hätten diese oder jene Resultate nicht erzielt. Wir brauchen einfach viel Geduld. Es ist naiv, zu denken, dass wir alle Probleme bei einem Gipfel aus dem Weg räumen werden.

STANDARD: Man hat den Eindruck, dass sich im gleichen Ausmaß wie sich das Verhältnis Russlands zu den USA verbessert, das Verhältnis zur EU schlechter wird.

Kortunow: Wir arbeiten an unserer Position gegenüber der Europäischen Union. Wenn die Beziehungen zu den USA besser werden, wird es auch leichter, die Beziehungen zur EU zu managen. Generell sind die Beziehungen zur EU komplizierter, weil die EU nicht mit einer Stimme spricht, sondern es viele Spieler gibt, die es selbst schwierig finden, sich untereinander auf eine Position zu einigen. Trotzdem ist unsere Partnerschaft mit Europa wichtiger als jene mit den USA. Die EU ist unser wichtigster Partner, nicht nur was den Handel angeht, sondern auch die Menschenrechte. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2009)

Zur Person
Der Historiker und Politologe Andrej Kortunow leitet die New Eurasia Foundation in Moskau. F.: USRBC

  • Andrej Kortunow
    foto: standard

    Andrej Kortunow

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