Der flache Atem der Naivität und die Lücke im System

5. Juli 2009, 18:40

Eine Hobbyläuferin, die keinem Kader angehört wurde für die Team-EM nominiert - Ein Asthma-Spray verhinderte die Teilnahme

Wien - Eva Hieblinger-Schütz ist eine Hobbyläuferin. "Laufen ist nicht mein Ehrgeiz", sagt sie selbst, "ich bin Mitte dreißig, habe vor einem Jahr wieder mit dem Training begonnen, habe ein kleines Kind und bin Rechtsanwältin." Als der Österreichische Leichtathletik-Verband (ÖLV) vor kurzem für die Team-EM eine 5000-m-Läuferin suchte, wählte er dennoch die Freizeitsportlerin. Sie weist aufgrund des Angebotsmangels an Langstrecklerinnen die beste Zeit über diese Distanz auf (17:09, EM-Limit: 15:50!). Der ÖLV kann nichts dafür, dass Österreicherinnen nicht mehr weit laufen wollen, aber er hätte eine andere Läuferin wählen müssen.

Die Tatsache, dass Hieblinger-Schütz mit der zweifach positiv getesteten Susanne Pumper seit vielen Jahren eng befreundet ist (Hieblinger-Schütz: "Das wird sich auch nicht ändern"), spricht noch gar nicht so sehr gegen sie. Sippenhaftung gehört sich auch im Sport nicht. Auch die Angriffe und Vorbehalte gegen Eva Gradwohl wegen ihres Lebensgefährten, des ehemaligen ÖSV-Langlauftrainers Walter Mayer, waren unstatthaft.

Der ÖLV bestand auf Hieblinger-Schütz und offenbarte eine peinliche Systemlücke. Die Dame reiste nach Banska Bystrica und wandte sich flugs an den Verbandsarzt Eduard Lanz. Sie wies auf ihre Atembeschwerden hin und fügte treuherzig hinzu, einen Asthmaspray zu benützen. Hieblinger-Schütz: "Ich bin selbst erst durch die Zeitung und den Fall der Kate Allen auf das Problem aufmerksam geworden." Die Triathletin und Olympiasiegerin Allen hatte bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen zwar eine Genehmigung des Internationalen Verbandes, aber nicht des IOC für ihren Asthmaspray. In einer nächtlichen Aktion erwirkte ÖOC-Betreuer Hans Holdhaus eine Ausnahmegenehmigung und rettete die Goldene.

Ärztliche Verschreibung

Warum Hieblinger-Schütz erst am Wettkampfort und nicht vor der Abreise mit dem Problem herausrückte? ÖLV-Sportdirektor Hannes Gruber: "Extrem naiv." Wie jemand heutzutage als Wettkampfsportlerin einen Asthmaspray verwenden und nicht auf Dopingverträglichkeit testen kann, wird hoffentlich Hieblinger-Schütz' Geheimnis bleiben. Zeit genug hätte sie gehabt. "Ich habe eine ärztliche Verschreibung dafür", sagt sie, "ich verwende ihn immer wieder und hatte den Allergietest mit." Während der vielen gemeinsamen Stunden mit Pumper sei die Rede zwar des Öfteren auf diverse Dopingmittel gekommen. "Aber nie auf Asthmasprays."

Warum ein Verband, der ernstgenommen werden will, in einer Zeit fundamentalistischer Dopingdiskussion eine Athletin für einen internationalen Wettkampf nominiert, die so schwach ist, dass sie es in keinen Kader schafft, daher keinerlei Dopingwarnung kriegt und keine Doping-Abstinenz-Erklärung unterschreiben muss? Gruber will "daraus lernen. Künftig kriegt jeder, der für ein Nationalteam aufgestellt wird, eine Anti-Doping-Information."

Hieblinger-Schütz wurde in Banska Bystrica von den entsetzten Funktionären umgehend heimgeschickt. Tanja Lenhart, am Tag zuvor über 3000 m Hindernis ausgeschieden, lief über 5000 m tapfer auf den letzten Platz. Österreich (180,5 Punkte) parkte sich hinter Litauen (216), Irland (200,5) und Lettland (181) auf dem vierten Platz ein. Knapp vor der Slowakei (180). In der zweiten Liga. Die Eliteklasse gewann Deutschland vor den Russen und den Briten.

Bleibt die Frage, ob die in keinem Testpool registrierte Nicht-Kaderläuferin Hieblinger-Schütz die Silberne über 3000 m bei den Österreichischen Hallenmeisterschaften asthmafrei errang. Und wie viele asthmatische oder anderweitig beeinträchtigte Teilzeitathleten in Österreichs Meisterschaften und Nationalteams unbelästigt von Kontrollen wetteifern. (Johann Skocek, DER STANDARD Printausgabe 06.07.2009)

Kommentar posten
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Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
13.7.2009, 17:03
Erschütternd!

Spitzensport und Asthma sind offensichtlich engst minteinander verbunden. Spitzensport ist daher als höchst gesundheitsschädlich einzustufen und zu verbieten.

digibiz
01
ich frag mich langsam ob die ganzen spitzentastmathiker eigentlich wissen das sie manchmal atmprobleme (inkl. sporadischm husten, röcheln und panischem luftschnappen) haben sollten.

balco blues
01
gestanden oder widerrufen?

selbstverständlich gilt für die frau anwältin hieblinger-schütz das anti-doping-reglement. ob sie in einem testpool der nada ist oder nicht, ist egal. sie hat ja immerhin auch schon bei staatsmeisterschaften gewonnen. also ist sie eine beim ölv gemeldete athletin. also kann sie kontrolliert werden. aber: sie hat ja zugegeben, einen asthmaspray zu verwenden, für den sie keine genehmigung hat. warum hat die nada noch kein verfahren eröffnet? ein geständnis gilt genauso wie ein pos. dopingtest. oder hat sie schon wiederrufen, weil sie vom herrn redakteur so böse unter druck gesetzt worden ist???

5km in 17 minuten: wenn jemand ohne volle anstellung artikel schreibt, ist er deswegen auch kein hobby-journalist.

Juergen Hoffmann
 
00
"Freizeitsportlerin"

steht oben; das bedeutet vermutlich, dass sie keine Lizenz gelöst hatte. Damit unterlag sie auch nicht dem WADA-Reglement. Fraglich, aber ich kenne die Regeln beim Leichtathletikverband nicht, ob's dort Tageslizenzen gibt?! Das wäre ja super...

balco blues
00

"vermutlich": würde frau hieblinger-schütz sagen, ich hab den spray ja eh nicht gekommen, der war für meine katz.
sicher hingegen: unterliegt sie den dopingbestimmungen. sobald sie bei meisterschaften teilnimmt, und das hat sie öfters, kriegt sie irgendeine nummer und ist beim verband gemeldet. damit kann sie zumindest theoretisch getestet werden. tageslizenzen gibts keine, nur jahresverträge.

littleboyplopp.myblog.de
03

Ich habe nicht inhaliert!

Juergen Hoffmann
 
03

Ich verstehe das Ganze ja nicht, bin auch kein Leichtathlet, aber: warum kann eine Person, die augenfällig nicht dem Anti-Doping-Reglement der WADA unterliegt an offiziellen (internationalen!) Wettkämpfen teilnehmen? Sind nicht die Sportler die gefoppten, die regelmäßig kontrolliert werden, gegenüber denen, die im Training tun und lassen können, was sie wollen, ohne Gefahr, kontrolliert und aufgeschmissen zu werden.
Letzte Frage: Was sind das eigentlich für Amateure im öst. Leichtathletikverband?

steinibeini
 
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13.7.2009, 10:33

NAJA ein Lance Armstrong ist auch zurückgereten, 2,5 Jahre lang nd ist schwupp di wupp wieder da..

2,5 Jahre keine offiziellen Tests und Untersuchungen....

Nebukadnezzar
10

Einzige Frage: wie kommst du dazu so eine Pauschalverurteilung vom Stapel zu lassen, wo du offensichtlich keinen EInblick hinter die Kulisse nhast. Wenn du wüsstest mit welchen finanziellen, oraganisatorischen und nicht zuletzt Gesellschaftlichen Hürden die Funktioniäre fertig werden müssen, würde man vielleicht versuchen die Vorgehensweise des ÖLV zu hinterfragen, statt einfach drauf zu prügeln,...naja jeder nach seiner Coleur

Juergen Hoffmann
 
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Meinst du damit die Frage:

"Was sind das eigentlich für Amateure im öst. Leichtathletikverband?"
Meiner Meinung nach ist diese mehr als berechtigt! Aber zugegeben: die gleiche Frage wäre auch beim ÖFB angebracht. Nur dass die Funktionäre dort ganz anders entlohnt werden. Somit kann ich deine Erregung ein bisschen verstehen. Professionell ist aber trotzdem was anderes.

weissnix69
00
"Letzte Frage: Was sind das eigentlich für Amateure im öst. Leichtathletikverband?"

spitzenfrage! kann auch nicht verstehen wie man eine nichtkaderläuferin zu einer em nominieren kann. wenn es so schlecht um den österr. la-verband bestellt ist sollte man eher auf eine teilnahme verzichten.

Susi Wolf
52
Orwell schau oba!

Auf Grund der wahnwitzigen Dopingkontrollen werden bald kaum mehr österreichische Hobby-Sportler/innen Lust haben, sich für nationale Kader zu melden. Wieso sich dem Überwachungs-Terror der Dopingfahnder aussetzen?

Für mich sind die "Anti-Doping-Maßnahmen" nix anderes als ein Testlauf, wie Menschen im Orwellschen Sinne total überwacht werden können (totale Kontrolle über den Aufenthaltsort, über Ernährung, über medizinische Maßnahmen).

Heute gewöhnt man die Spitzensportler daran; morgen sind es die Kinder, die "aus elterlicher Sorge" total überwacht werden, dann sind die Alten dran - und irgend werden wir alle von Big Brother total "umsorgt" nach dem Motto: Bekämpfung von Verbrechen, Alkoholmissbrauch, Drogen; Schutz von Gesundheit...

1116er
21
ja genau!

schaffen wir doch auch die polizei ab: widerlich, dass diese banditen die einhaltung der gesetze überprüfen!

des weiteren überflüssig: gerichte und staatsanwaltschaft, das pickerl auf dem auto, schularbeiten und matura, .....

Susi Wolf
00
Sie haben völlig recht mit der Forderung nach Abschaffung der Polizei!

Wenn z.B. die Polizei, von der Sie da reden Gestapo heißt, und das Gesetz, das diese Polizei überwacht
rein zufällig "Blutschutzgesetz" heißt und am 16.9. 1935 in Nürnberg in Kraft getreten ist....

weissnix69
01

ich würde mal besuch beim psychologen empfehlen. da gibt es tabletten gegen verfolgungswahn, die stehen dann allerdings auch auf der dopingliste ;-)

Lethawae
11

"Für mich sind die "Anti-Doping-Maßnahmen" nix anderes als ein Testlauf, wie Menschen im Orwellschen Sinne total überwacht werden können"

Da könnte eine Psychotherapie helfen.

jerry springer
00
frau wolf mag ein wenig übertreiben...

...aber die demokratie wurde sicher nicht von dopingfahndern erfunden.

Juergen Hoffmann
 
00

Demokratie war und ist u.a. auch ein Reglement. Der WADA-Code auch; beide sollen eingehalten werden und die Einhaltung wird kontrolliert. Bei Verstössen dagegen gibt es Konsequenzen.

Sehen Sie, Demokratie und das Anti-Doping-Regime haben doch mehr gemeinsam, als man annehmen würde. Nur, ob man in einer Demokratie leben darf, kann man sich oft nicht aussuchen. Dem WADA-Regime unterwirft sich jeder Sportler aber freiwillig.

jerry springer
00
"Dem WADA-Regime unterwirft sich jeder Sportler aber freiwillig"...

...und wer sich dem nicht unterwirft, kann eine karriere als leistungssportler vergessen. ihre sog. "freiwillige basis" ist in wirklichkeit ein realsozialistisch geprägter würgvertrag.

Juergen Hoffmann
 
01

jeder Leistungssportler geht freiwillig trainieren, nimmt freiwillig am WK teil, plant freiwillig seine Saison, fährt freiwillig auf Trainingslager, unterwirft sich freiwillig seinem Trainer, löst freiwillig eine Lizenz und erkennt damit freiwillig an, dass er sich an die Regeln der WADA zu halten hat.
Nein, bevor man sich als Spitzensportler dem WADA-Reglement unterwirft hat man schon ganz andere Lektionen in Demut ertragen. Glauben Sie mir...

Hugh G Rection
00
wenn

Leistungssportler aber mal - Hausnummer 10 Jahre - Training hinter sich haben, um auf einem Niveau zu sein, dass ihnen eine Existenz als solche ermöglicht und sie mittlerweile mit solch rigorosen Regeln, an deren Ausgestaltung sie nicht mitbestimmen können, konfrontiert werden, dann ist das was anderes.

Man wird halt nicht von heute auf morgen ein Klasseathlet.

Juergen Hoffmann
 
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Regeln ändern sich; damit muss wohl jeder leben lernen.

marty fink
03
Jojo

Alle haben sie Asthma...
jojo!

Der Herr Franz
 
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Asthma ist sehr verbreitet

6% der Bevölkerung in Ö sind betroffen, also wohl auch 6% der Sportler...

Xquadrat
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Ohne jetzt auf die konkrete Dame einzugehen.

Ist ja ziemlich unerheblich, auf welches Ziel man hinarbeitet. So wird nachweislich selbst im Amateursport fleißig mit diversen Mittelchen gearbeitet. Und da sind viele dabei, die nie eine Chance haben zumindest auf semiprofessionellem Niveau zu laufen, radeln etc. (es kommt halt doch auch ein bisserl auf Talent und Veranlagung an). Es geht einfach nur um die persönliche Verbesserung ...

Das ist ja so schade daran, dass durch den ganzen Blödsinn selbst der Amateursport kaputt gemacht wird. Weil auch hier - wo es nichteinmal um Geld geht - oft kein faires Messen untereinander mehr möglich ist.

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