Die Finanzkrise und Berichte über mangelnde Transparenz setzen den Vatikan unter Druck. Der Chef der Bank IOR muss gehen
Die weltweite Finanzkrise und Berichte über mangelnde Transparenz setzen den Kirchenstaat unter Druck. Der Chef der Vatikan-Bank IOR wird nach 20 Jahren im Amt ausgewechselt. Der Vatikan schreibt insgesamt Verluste.
Rom/Mailand - Zwanzig Jahre lang hat Monsignore Angelo Caloia die Vatikan-Finanzen, besser gesagt: die Vatikan-Bank IOR (Istituto per le Opere di Religione), geleitet. In der vergangenen Woche hat die zuständige Kommission für die Vatikan-Finanzen das Ende der Epoche Caloia beschlossen.
Die Finanzen des Vatikans soll künftig der 64-jährige Nationalökonom Ettore Gotti Tedeschi leiten. Damit könnte erstmals mehr Transparenz in die IOR- und Vatikan-Bilanz gebracht werden, schreibt die Turiner Tageszeitung La Stampa. Für den Kirchenstaat mit seiner undurchschaubaren Kontenführung würde dies eine Art Revolution bedeuten.
Auf der italienischen Bestsellerliste steht seit längerem das Skandalbuch Vaticano Spa über die geheimen Finanzierungen des Kirchenstaates. Die IOR steht seit Jahren wegen unsauberer Finanzgeschäfte, Geldwäsche, Betrügereien und mafiösen Verstrickungen im Kreuzfeuer der Kritik. IOR verwaltet rund fünf Milliarden Euro und beschäftigt 130 Mitarbeiter.
Der mächtige Vatikan-Staatssekretär, Tarcisio Bertone, unterstützt die Ernennung Tedeschis zum IOR-Chef. Dieser lehrt an der Mailänder Cattolica-Universität Volkswirtschaftslehre und steht angeblich bei Opus Dei und dem Unternehmerverband Compagnia delle Opere hoch im Kurs. Auch wenn er das kapitalistische System in der Vatikan-Zeitung Osservatore Romano kritisierte, ist er ein klarer Anhänger der Marktwirtschaft. Er tritt vor allem für eine bessere Ressourcenverteilung und mehr Entwicklungs- und Finanzhilfe für Afrika ein. Tedeschi stehe dem spanischen Banker Don Emilio Botin (Banco Santander) sowie dem Topmanagement der Mailänder Bank Intesa-Sanpaolo nahe. Beide Banken seien laut La Stampa im Einflussbreich von Opus Dei. Seine Karriere hat Tedeschi beim US-Beratungsunternehmen McKinsey gestartet. Nach verschiedenen Tätigkeiten im Bankensektor ist er seit 2008 Berater der Regierung Berlusconi und sitzt im Aufsichtsrat der halbstaatlichen Cassa depositi e prestiti. Er ist auch Vertrauter von Wirtschaftsminister Giulio Tremonti.
In den roten Zahlen
Im Vorjahr schrieb der Vatikan zum zweiten Mal in Folge rote Zahlen. Der Heilige Stuhl machte einen Verlust von einer Million Euro, während der gesamte Vatikan-Staat mit 15 Mio. Euro in die roten Zahlen geriet. Diesmal ist der Verlust nicht einfach auf die Dollarabwertung zurückzuführen, sondern laut italienischen Zeitungen auch auf die falsche Anlagestrategie der Kirchenbank und auf Spekulationen in Wertpapieranlagen.
Verringert haben sich auch die Einnahmen aus den Spenden. Der "Peterspfennig" aus aller Welt brachte dem Vatikan zuletzt knapp 54 Mio. Euro ein, die größtenteils aus den USA, Italien und Deutschland kamen. Zusätzliche 21 Mio. Euro stammten von den Diözesen, wobei sich die deutschen Bistümer als die spendabelsten erwiesen. (Thesy Kness Bastaroli, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.7.2009)