Vom toten Winkel zur hippen Wohngegend

3. Juli 2009, 21:04
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Sanierte Altbauten, witzige Geschäfte und belebte Märkte machen heruntergekommene Grätzel trendy und teuer

Wien - „Bei mir ums Eck wohnen Akademiker genauso wie die größten Proleten, die man sich vorstellen kann." Wolfgang Rauber lebt gern im Stuwerviertel. Die Gegend zwischen Ausstellungsstraße und Lasallestraße hat wegen ihrer Rotlichtlokale seit jeher einen schlechten Ruf. Rauber wohnt seit 33 Jahren dort, vor sechs Jahren hat in der Ennsgasse sein Blumengeschäft „Wildwuchs" aufgemacht.

Dass das Stuwerviertel im zweiten Bezirk eines der nächsten Trend-Grätzel werden soll, „hören wir schon seit fünf Jahren", erzählt der Florist, aber es sei nach wie vor viel schlecht beleumundet. Spannend sei die Gegend auf jeden Fall.
Mit den Dachausbauten ziehen neue Leute in die Gegend. „Die kommen alle zu mir", sagt Rauber. Seine Kunden fahren aber auch aus ganz Wien in die Ennsgasse 7 -wegen Raubers außergewöhnlichen Kreationen. Manchen sind seine Arrangements allerdings zu extravagant. Als der Florist Adventkränze mit Lack-und-Leder-Deko in der Auslage hatte, schickte ihm eine ältere Anrainerin den Pfarrer ins Geschäft. Rauber: „Den habe ich gleich wieder weitergeschickt."

Ethnische Ökonomie

Besondere Angebote, aber auch sanierte Häuser und verbesserte Verkehrsanbindungen bringen neues Publikum. Beim Brunnenmarkt in Ottakring ist es laut Ursula Reeger die „ethnische Ökonomie": „Einige schauen sich dann um und entdecken ein Grätzel auch als Wohngegend", so die Wissenschafterin vom Institut für Stadt- und Regionalforschung. Das Brunnenviertel muss seit Jahren als Mustergrätzel herhalten, das vom tristen Migrantenquartier zum schmucken In-Viertel mutiert ist. Wobei sich die Verschönerungsmaßnahmen vor allem auf den Yppenplatz konzentrieren - dort kommen ständig stylische Lokale dazu. Das Marktlokal An-Do ist heuer auf die doppelte Größe angewachsen, schräg gegenüber entsteht ein neues Fischlokal.

Junges Gemüse, junge Mode

Auch Jungdesigner trauen sich plötzlich her. Neben dem Laden „Yppig" von Cloed Priscilla Baumgartner hat nun Lisi Lang auf Nummer 5 einen kleinen Shop namens Lila aufgesperrt. Samstags verkauft die Modemacherin mit der großen schwarzen Brille ihre selbst kreierten Teile. „Hier treffen viele verschiedene Welten aufeinander", sagt sie „und das ist sehr sehr schön." Wenn die Marktstandler ihre mobilen Verkaufstische direkt vor Langs offener Ladentür aufbauen, kugelt regelmäßig Gemüse ins Geschäft. „Das finde ich eigentlich ganz lustig - so kommt man mit den Leuten immer ins Gespräch."
Bisher hat sich Lang - so wie die meisten anderen Wiener Modemacher - arbeits- und verkaufstechnisch vor allem auf den 7. Bezirk konzentriert. Nun wagt sie sich in weniger etablierte Gegenden. Demnächst wird sie ihr altes Atelier in Neubau aufgeben und ein doppelt so großes im 15. Bezirk beziehen. Das Gebiet um die Äußere Mariahilfer Straße ist - so wie das Stuwerviertel - unter jungen Kreativen schwer im Kommen. „Ich habe lange überlegt, ob ich aus dem 7. Bezirk weggehen soll. Aber im 15. kann man sich einfach etwas viel Größeres leisten."
Mit der Beliebtheit eines Grätzels steigen naturgemäß auch die Mieten. Wobei viel besser verdienendes Jungvolk, das es nun in die hippen Viertel außerhalb des Gürtels zieht, zum Teil unnötig teuer wohnt. Denn nur, weil ein Grätzel gerade sehr in ist, darf der Vermieter nicht automatisch einen Lagezuschlag verlangen. „Das wissen viele Leute nicht", sagt Georg Niedermühlbichler, Präsident der Mietervereinigung, „und glauben, nur weil's so im Mietvertrag steht und sie's unterschrieben haben, müssen sie's auch zahlen."

In welchen Stadtteilen aufgrund einer überdurchschnittlich guten Lage eine höhere Miete verlangt werden darf, richtetet sich nicht nur nach dem aktuellen Grundstückspreis. Ein Zuschlag ist nur dann zulässig, wenn der überwiegende Teil der Häuser im Grätzel in der Gründerzeit gebaut wurde. Außerdem müssen die meisten Wohnungen in der Umgebung geräumig und gut ausgestattet sein. Wodurch nicht nur Arbeiterbezirke wie Favoriten oder Simmering lagezuschlagsfrei bleiben, sondern auch der Großteil von Ottakring und Rudolfsheim-Fünfhaus.
Die Stadt Wien hat in den vergangenen Jahren viel Geld ins Brunnenviertel gesteckt - einerseits in Fördermittel für Wohnhaussanierungen, aber auch in die Gestaltung des Marktes. „Es ist immer eine Gratwanderung, dass sich auch die bisherigen Bewohner eine Gegend weiterhin leisten können", sagt Wolfgang Förster, Leiter der Wohnbauforschung der Stadt Wien.
Kein herausgeputztes ruhiges Grätzel, sondern einen schnörkellosen lebendigen Kiez hat auch Wolfgang Rauber vor seinem inneren Auge, wenn er an die Zukunft seines Viertels denkt. „Ich würde mir wünschen, dass das Stuwerviertel einmal so etwas wie das Kreuzberg von Wien wird." (Bettina Fernsebner-Kokert, Martina Stemmer, DER STANDARD Print-Ausgabe, 4./5.7.2009)

  • Die Wiener Modemacherin Lisa Lang wagte vor kurzem den Schritt über
den Gürtel. Sie verkauft ihre Kreationen nun auch am Yppenplatz in
Ottakring.

    Die Wiener Modemacherin Lisa Lang wagte vor kurzem den Schritt über den Gürtel. Sie verkauft ihre Kreationen nun auch am Yppenplatz in Ottakring.

  • Das Stuwerviertel als "Kreuzberg von Wien": Florist Wolfgang Rauber und seine Visionen für die Leopoldstadt.
    foto: corn

    Das Stuwerviertel als "Kreuzberg von Wien": Florist Wolfgang Rauber und seine Visionen für die Leopoldstadt.

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