Fünffache Olympiasiegerin fühlt sich nach Doping-Sperre vom Internationalen Verband über den Tisch gezogen
Lausanne - Gerd Heinze, der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), hat am Samstagabend im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF dem Weltverband ISU unseriöse Praktiken im Fall Pechstein vorgeworfen. Vor der Anhörung Ende Juni in Bern habe der Tscheche Gerhardt Bubnik, Vorsitzender der Rechtskommission der ISU, den Vorschlag gemacht, das Verfahren zu beenden, wenn Pechstein umgehend ihre aktive Laufbahn beende. "Das hat mich nahezu gelähmt und sehr erschüttert. Aber das zeigt auch, dass die ISU nicht sicher ist, ob das Verfahren allen Rechtsansprüchen genügt", sagte Heinze.
Die fünffache Olympiasiegerin Claudia Pechstein ist nach ISU-Meinung des Blutdopings überführt und zwei Jahre gesperrt worden. Pechsteins Anwalt hat Einspruch gegen das Urteil gegen die 37-jährige Berlinerin angekündigt. Es läge kein einziger positiver Test vor, seine Mandantin sei ausschließlich aufgrund von Indizien verurteilt worden. Die ISU gab an, Basis ihrer Entscheidung wären auf langjährigen Bluttests beruhende Athletenprofile. Bei Pechstein seien stark abweichende Werte festgestellt worden. Pechstein war im letzten Winter mit Zeiten aufgefallen, die sie davor seit Jahren nicht mehr erreicht hatte, im Jänner gewann sie die Mehkampf-EM in Heerenveen.
"Kuhhandel" oder nicht
Pechstein sprach von einem "Kuhhandel" bei den Mehrkampf-Weltmeisterschaften. Dort habe die ISU dem deutschen Verband angeboten, dass eine Schutzsperre wegen der erhöhten Retikulozyten-Werte ausbleibe, wenn sie sich unter dem Vortäuschen einer Krankheit von den Titelkämpfen verabschiede.
"Ich habe mich darauf eingelassen, weil ich nicht mit Doping in Verbindung gebracht werden wollte, weil es ja nicht stimmte. Ich habe gelogen, das tut mir leid. Noch einmal würde ich mich aber von der ISU nicht so verarschen lassen", sagte die Berlinerin und bekräftigte, nie "Dopingmittel genommen oder angeboten" bekommen zu haben.
Retikulozyten sind eine Vorstufe der roten Blutkörperchen, die im
Knochenmark entstehen. Durch EPO-Doping können sie aber auch künstlich
produziert werden. Aus dem Knochenmark gelangen sie ins Blut und werden
dort in reife, rote Blutkörperchen umgewandelt. Die Hauptaufgabe roter
Blutkörperchen ist der Sauerstofftransport von der Lunge in die Organe
und Körperzellen.
Der niederländische Sportmediziner Harm Kuipers, Mitglied der Medizinischen Kommission der ISU wies diese Darstellung zurück. "Es ist unstrittig, dass es in Hamar ganz
auffällige Werte bei ihr gab. Aber dass die ISU ihr angeboten haben
soll, auf eine Sperre zu verzichten, kann ich nicht bestätigen."
Regel 3.2
Zum Verhängnis wurde Pechstein jedenfalls die Regel 3.2 des Codes der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), wonach seit 1. Jänner 2009 auffällige Blutprofile zum Beweis eines Verstoßes gegen die Antidoping-Regeln herangezogen werden dürfen und damit auch zu einer Sperre führen können. Die Indizienkette der ISU, die die Sperre auslöste, muss sehr aussagestark sein. Sollte die Athletin vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) die Sperre rückgängig machen können, kämen auf die ISU riesige Schadensersatzansprüche zu.
Experten: Keine Chance
Wenig Hoffnung auf einen erfolgreichen CAS-Einspruch in Lausanne machte Pechstein der Nürnberger Doping-Experte Fritz Sörgel. "Der Wert lag mit 1,1 Prozent über dem Höchstwert. Es gibt kein Argument, wie solch ein Wert zu erklären ist", sagte der Fachmann im "Aktuellen Sportstudio".
Der Heidelberger Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke kam zu einer ähnlichen Einschätzung, da keine genetische Blutkrankheit für Pechsteins Wert verantwortlich gemacht werden könne. "Das ist hanebüchener Unsinn, was die Anwälte da erzählen. Eine krankhafte Erhöhung der Retikulozyten schließe ich aus. Dann müsste sie ja an einer speziellen Art der Leukämie erkrankt sein. Und das ist bei einer Spitzensportlerin, die über so viele Jahre Top-Leistungen bringt, nicht denkbar", betonte Franke.
Für ihn liege eindeutig ein Fall von "manipulierter Erhöhung der roten Blutkörperchen" vor. "Das kann durch EPO sein, aber auch durch alles Mögliche, was die Bildung der Retikulozyten erhöht", erklärte Franke. (APA/dpa/red)