Jens Petersen ist Arzt und Gewinner des Bachmann-Preises 2009 - Mit Stefan Gmünder sprach er über Liebe, Schreiben und Überraschungseier
Standard: Sie sind 1976 in der Nähe von Hamburg geboren, studierten in München, Lima, New York und Buenos Aires Medizin, veröffentlichten früh schon in Kinder- und Jugendbuchanthologien und schrieben vor vier Jahren einen Roman, der es auf die Liste zum Deutschen Buchpreis schaffte.
Jens Petersen: Schreiben ist über weite Strecken eine unattraktive Sache. Es ist eine asoziale Tätigkeit, und würde man strategisch denken, wäre es die unattraktivste aller Optionen, die man wählen kann. Bei mir ist es wie bei vielen anderen Autoren: Wenn ich nicht schreibe, ist es, wie wenn ich nichts esse. Ich muss jeden Tag schreiben, sonst gehe ich ein, und ich tue es ungefähr seit meinem sechsten Lebensjahr, also seit ich schreiben kann. Früher verfasste ich vor allem kleine Gedichte, für die ich von der Oma ein paar Mark für Überraschungseier kriegte. Ein kleines positives Feedback gehört schließlich dazu. Ich merke, dass meine psychische Verfassung vom Schreiben abhängt. Ob das Schreiben dann gelingt oder nicht, ist eine andere Frage. Damit ich mich gut fühle, muss es nicht gelingen, ich muss es aber tun.
Standard: Literatur als eine Brücke zum Leben also ...
Petersen: Ich empfinde die Dinge, über die ich schreibe, sehr stark. Ich glaube, ich habe zum Schreiben weniger einen analytischen, intertextuellen Zugang, was ich manchmal, wenn ich mein Schreiben mit den Texten anderer Autoren vergleiche, als Manko empfinde, weil ich nicht aus einer Tradition komme. Ich gehe auch nicht von einer Verweisebene aus, bei mir ist das Schreiben ein emotionaler Akt.
Standard: Sehnsucht spielt in Ihrem Roman "Die Haushälterin" eine große Rolle, im Klagenfurter Siegertext "Bis dass der Tod" auch.
Petersen: Sehnsucht und auch Angst, glaube ich. Einerseits Sehnsucht nach Liebe, nach einer absoluten Liebe in Extremsituationen. Der Junge im Roman Die Haushälterin zum Beispiel ist in der Pubertät. Die Pubertät ist eine extreme Situation, man mag das mit einem Lächeln abtun und nicht ernst nehmen, wenn man aber drinsteckt, ist es total schrecklich. Und jetzt dieser Alex in Bis dass der Tod, der im Grunde, um den größten Liebesdienst zu tun, sich von dem trennen muss, was er am meisten liebt.
Standard: Sie werden in Ihren Texten selten explizit, viel Ungesagtes schwingt mit.
Petersen: Das sehe ich auch so. Es gibt natürlich viele Faktoren, die eine Rolle spielen, ich glaube aber schon, dass es auch mit dem Arztsein zu tun hat. Das, was ich früher geschrieben habe, würde ich hypertroph nennen. Wenn man Erfahrungen mit dem Tod macht, das war jedenfalls in meinem Fall so, stellt sich eine gewisse Demut ein. Man nimmt viele Dinge nicht mehr so ernst und kann sie nicht mehr so hochkochen. Ich tue das nicht bewusst, aber ich weiß, dass es in mein Schreiben einfließt. Und wenn es dann mal hypertroph wird, habe ich vor mir selbst ein schlechtes Gewissen - oder bin mit mir im Unreinen.
Standard: Die Auseinandersetzung mit dem Tod begann mit Ihrem Beruf?
Petersen: Wahrscheinlich ist das irgendwie in einem angelegt und zeigt sich dann auch ein bisschen in der Berufswahl. Woher es genau kommt, kann ich nicht sagen. In jungen Jahren, wie es fast bei jedem ist, starb meine Großmutter, da war aber sonst nichts besonders Dramatisches oder Tragisches in dieser Richtung. Was ein Autor dann aber hat, ist die Art der Wahrnehmung solch eines Sterbens - und die Art seiner Verarbeitung. Man verbucht es nicht einfach als Geschehen, sondern es beschäftigt und berührt einen lange, und man kommt mit sich selbst ins Gespräch.
Standard: Einer hat einmal gesagt, als Autor hätte man nicht der Arzt, sondern der Schmerz zu sein.
Petersen: Ja, das kann man so sagen. Wahrscheinlich ist der Arzt, wenn er diesen Beruf ausübt, wirklich der Arzt. Wenn er aber abends nach Hause kommt, ist er oft der Schmerz, der sich in meinem Fall den Weg aufs Papier bahnt.
(ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.07.2009)