Vassilakou im Interview

"Sonst wären wir ja nicht die Grünen"

03. Juli 2009 17:58
  • Artikelbild
    Foto: cremer

    "Lügen wir uns nicht in den Sack" , sagt Maria Vassilakou, "in einer Regierung kann man mehr erreichen."

Maria Vassilakou, die Eva Glawischnig derzeit als Parteichefin vertritt, will aus dem Parteiprogramm ausbrechen und die Kommunikation auf den Kopf stellen

STANDARD:Eva Glawischnig ist auf Babypause, Sie haben die Parteiführung übernommen. Was würden Sie ändern, wenn Sie völlig freie Hand hätten?

Vassilakou: Ich würde den Schwerpunkt inhaltlich auf die Schaffung von Arbeitsplätzen und auf die ökologische und soziale Modernisierung Österreichs legen. Zweitens würde ich ein ambitioniertes Projekt zur Nachwuchsförderung starten, sowohl auf Bundesebene als auch in den Landesorganisationen und bis in die kleinste Gemeinde hinein. Drittens: Ich würde unsere gesamte Kommunikation auf den Kopf stellen, auch mit dem Ziel, vor allem über das Internet tausenden Österreichern die Möglichkeit zu geben, bei uns mitzureden und mitzugestalten. Wir Grüne werden uns umstellen müssen.

STANDARD: Haben Sie das Eva Glawischnig auch schon mitgeteilt?

Vassilakou:Ich habe von ihr ein Arbeitsprogramm über den Sommer mit auf den Weg bekommen, das genau in diese Richtung zielt. Mir ist klar, dass ich im Herbst etwas Konkretes auf den Tisch legen muss. Da geht es um eine programmatische Neuorientierung und das unter Einbindung von möglichst mehreren tausend Menschen.

STANDARD: Die sollen das Parteiprogramm mitgestalten dürfen?

Vassilakou:Wir müssen aus unserem bisherigen Parteiprogramm ausbrechen. Wir müssen querdenken und das nächste Jahrzehnt erfassen. Das fängt bei der Ökologisierung der Wirtschaft an, geht über eine radikale Modernisierung des sozialen Absicherungsnetzes, hin zu den Eckpunkten für eine Steuerreform, die unsere Lebensqualität sichert und andererseits eine Antwort auf das Verschuldungsausmaß bietet. Wir brauchen kombinierte Antworten: Die Wirtschaftskrise wird uns bleiben, dazu erwartet uns eine Rekordarbeitslosigkeit. Wir stecken nach wie vor in einer Klimakrise, die um nichts besser geworden ist, nur weil sie thematisch in den Hintergrund gerückt ist. Außerdem explodiert die Armut. Da müssen wir Antworten finden. Und dabei wollen wir möglichst viele Menschen einbinden - indem wir zunächst die wesentlichen Fragen aufwerfen, eine Vision entwerfen und diese dann sehr offen zur Diskussion stellen.

STANDARD:Wie soll das gehen? In Wien haben sich 500 Unterstützer gefunden, die mitentscheiden wollen, Stichwort Vorwähler, und intern ist schon Feuer am Dach.

Vassilakou:Da muss ich entschieden widersprechen. Wir stehen vor einer Landesversammlung im November, bei der das erste Mal in der Geschichte der Grünen die Tausender-Marke bei den Stimmberechtigten überboten wird. Darauf bin ich sehr stolz. Wir haben von den hunderten Anträgen, die großteils über das Internet eingetrudelt sind, drei Viertel positiv bearbeitet.

STANDARD: Aber reibungslos ist das nicht über die Bühne gegangen.

Vassilakou:Zeigen Sie mir eine Partei, einen Verein, bei dem sich hunderte Menschen binnen Wochen melden und mitmachen wollen und wo das ganz ohne Diskussionen geht. Sonst wären wir ja auch nicht die Grünen.

STANDARD: Das geht schwer zusammen: Sie wollen die Basisdemokratie pflegen und möglichst viele Menschen einbinden, andererseits beklagt die Parteispitze seit Jahr und Tag, dass sie keine Entscheidungen treffen kann, weil zu viele Leute eingebunden sind.

Vassilakou:Beides muss gehen. Wir müssen nachdenken, wie Entscheidungsfindungen beschleunigt werden und gleichzeitig viele Menschen mitreden können - und zwar in einem Tempo, das der Alltagspolitik gewachsen ist.

STANDARD: Tempo ist ja nicht gerade eine grüne Stärke. Bei Ihnen dauert doch alles ewig.

Vassilakou:Hängen die Geschicke der Republik davon ab, wie schnell die Grünen ihre Struktur weiterentwickeln? Oder hängen sie etwa davon ab, wie rasch wir ein Öko-Subventionspaket schnüren? Oder wie rasch wir es schaffen, unser Sozialsystem zu modernisieren?

STANDARD: Aber man hat ja gerade bei der EU-Wahl gesehen, dass es die Grünen nicht schaffen, mit ihren Themen durchzukommen.

Vassilakou:Es liegt auf der Hand, dass wir mit einer konfliktbeladenen Diskussion die Inhalte, wofür wir stehen, überlagert haben. Interne Konflikte zum Wahlkampfstart sind schlecht, das Wahlergebnis war der Beweis dafür, so ihn einer gebraucht hat.

STANDARD: Die Grünen werden hauptsächlich in Menschenrechtsfragen wahrgenommen. Sonst werden sie kaum gehört.

Vassilakou: Menschenrechtsfragen bewegen sehr viele Menschen auf einer emotionalen Ebene. Denken Sie an die Lichterkette, die es kürzlich vor dem Parlament gegeben hat. Das haben zwei Studentinnen via Internet organisiert und Tausende kamen. Wenn die beiden Studentinnen zu einer Demo aufrufen würden, um zwei Millionen Dächer in Österreich für Fotovoltaik zu erschließen, werden keine Massen kommen. Da muss man andere Ausdrucksformen finden, und da bin ich wieder beim Internet. Wir müssen die Möglichkeit nützen, Diskussionen auch über soziale Netzwerke zu führen. Und wenn ich eine Prognose wagen darf: Erneuerbare Energie und die Eigenständigkeit in der Energiefrage werden in den nächsten Jahren zum Topthema avancieren.

STANDARD: Um etwas umsetzen zu können, brauchen Sie die Möglichkeiten dazu. In Wien könnte das ein Thema werden. Streben Sie das Amt der Vizebürgermeisterin an?

Vassilakou:Lügen wir uns nicht in den Sack. Aus der Opposition kann man einiges bewegen, aber selbstverständlich kann man als Regierender mehr erreichen. Ich finde jede Form von Anbiederung vor einer Wahl peinlich. Aber klar ist: Ich will die Grünen in eine Regierungsfunktion bringen.

STANDARD:Soll Van der Bellen als grüner Präsidentschaftskandidat nominiert werden?

Vassilakou:Das wollen wir im Herbst entscheiden.

STANDARD: Wenn es keinen grünen Kandidaten gibt: Gibt's eine Wahlempfehlung? Eher für Erwin Pröll oder für Heinz Fischer?

Vassilakou:Spätestens seit dem Skylink-Debakel bin ich vom niederösterreichischen Landeshauptmann schwer enttäuscht. Er singt hier in einem Duett mit dem Wiener Bürgermeister das Ich-weiß-von-nichts-und-es-geht-mich-nichts-an-Lied. 400 Millionen Euro sind im Nichts verschwunden. Dafür sind die zwei Landeshauptleute, die den Vorstand der Flughafen-Gesellschaft nach alter Parteibuchwirtschaft bestellen, politisch verantwortlich. Für mich steht Erwin Pröll genauso wie Michael Häupl für diese Kultur der Wurschtigkeit und der Parteibuchwirtschaft. Folglich werde ich dieser Tage alles andere als geneigt sein, hier eine Wahlempfehlung abzugeben. (Peter Mayr und Michael Völker/DER STANDARD-Printausgabe, 4./5. Juni 2009)

ZUR PERSON:

Die gebürtige Griechin Maria Vassilakou (40) kam als Studentin nach Wien. Über die ÖH kam sie zu den Grünen, wurde erst Gemeinderätin, dann Stadträtin. 2004 übernahm sie in Wien die Parteiführung. Vassilakou ist auch stellvertretende Bundesprecherin.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 183
1 2 3 4 5
Amokk
30.09.2009 21:14

Wer hat denn das Interview wieder hochgekramt?!

mikromalist
 
06.07.2009 13:57
In letzter Zeit habe ich die Grünen

heftig kritisiert. Dieses Interview lässt mich hoffen.
Eine wählbare Vorsitzende einer wieder wählbaren Partei?

Nissia
07.08.2009 10:31

welches parteiprogramm?

"Was wir still und heimlich machen, steht auf einem anderen Blatt Papier." (ORF-Pressestunde 18.06.06)

purzl
 
10.07.2009 14:17
Grün war immer wählbar,wird es auch immer sein,schon wegen der Umwelt.

Nissia
07.08.2009 10:31

auch das ist ein schwindel:
"Was wir still und heimlich machen, steht auf einem anderen Blatt Papier." (ORF-Pressestunde 18.06.06)

Frank'n'furter ät www.agenda2020.at
08.08.2009 01:31

in gummistiefel als ehrengäste beim erntedankfest im lagerhaus...

mikromalist
 
10.07.2009 15:48
Seit Glawi krampfhaft versucht,

Kader in Form einer Rockerbande (dominant, einigelnd und unerbittlich) zu organisieren, für mich nicht mehr.

Nissia
07.08.2009 19:16

für mich nicht mehr seit sie zwar immer noch die legaliserung von cannabis im programm haben aber stalisnistisch für tabakprohibition eintreten.

tschüß!

Der Mann im Fass
 
06.08.2009 12:35
Ich verstehe Sie.

Aber bitte versuchen Sie, eine Partei nicht nur über, in diesem Fall, die Vorsitzende zu definieren. Einige Andere haben auch bei Fr. Glawischnig gute Arbeit geleistet. Auch wenn es nicht immer leicht war ...

Ihr Mann im Fass

Nissia
07.08.2009 19:17

alle weg... ausser vielleicht steinhauser und jerusalem.

aber es ist dann das maximum.

Ernesto Chavez
06.07.2009 13:37
Blablablablabla

Oida i pocks nimma - kann man noch mehr abgehobenes Politgequatsche von sich geben?

"Wir müssen querdenken" - Oida, weiss die Tante eigentlich, was "querdenken" heisst??? Wie mit "Querdenkern" bei den Grünen umgegangen wird, zeigen eh die Beispiele Voggenhuber und Vorwähler.

Liebe Frau Vassilakou, Querdenken kann man nicht in einem Coaching-seminar lernen !

Nissia
07.08.2009 19:18

und mit den antiprohibitionnisten erst!

purzl
 
10.07.2009 14:31
Troll....

...das Klimaproblem~ Emissions_Alternativen usw. gehen ihnen wohl am A*sch vorbei? o.wie?.

Hamit_Hatemi
05.08.2009 19:17

Sie haben aber jetzt nur Themenfelder aufgelistet, bei denen die Österreicher die Grünen als kompetent erachten.

Wie sieht es bei Migration (ist wohl klar, wie die Mehrheit denkt), Bildung (die Mehrheit ist gegen Gesamt- und Ganztagsschule) oder Sozialem (die Mehrheit findet Sozialschmarotzer nicht so toll) aus?

Nur weil eine Thematik den Grünen liegt, muss ich nicht gleich Grün wählen.

wirklich unglaublich
06.07.2009 12:14
aber dieses interview lässt hoffen,

wenn, ja wenn da nicht der beigeschmack wäre, dass diese aussagen von einer politikerin getätigt wurden. gelernteR österreicherIn weiß, viele aussagen sind schall und rauch, mensch wird sie also an taten messen und kann nur hoffen, glawischnigs arbeitspaket eher mit eigenen kreationen auszutauschen.

Luky Pozzo
06.07.2009 11:10
Backe backe Kuchen

"Ich habe von ihr ein Arbeitsprogramm über den Sommer mit auf den Weg bekommen":
Was von Basisdemokratie und Rotationsprinzip übrig blieb: Die Königin zieht sich zurück, der Hofstaat rätselt über die Bedeutungen ihres letzten Ukas, um ihn getreu zu vollziehen.

"Wir müssen aus unserem bisherigen Parteiprogramm ausbrechen. Wir müssen querdenken und das nächste Jahrzehnt erfassen."
Das Parteiprogramm also nur ein wertloses Korsett ohne längerfristige Bedeutung? Der spontane Wille der Führungsspitze das Entscheidende??

Seit Van der Bellen hat sich eine flapsige Geschmacklosigkeit gerade in wichtigen, für die Grünen charakteristischen Fragen eingeschlichen.
Vielleicht ist das nur Hausbackenheit, aber die wirkt auf mich sehr unangenehm.

Mike Freeman
06.07.2009 10:07
Vielleicht wäre es besser …

… die Kommunikation an das Parteiprogramm anzupassen damit man SAGT was man MEINT. Die Grünen sollten nicht den Fehler der SPÖ machen die eigenen Grundsätze so lange mit "gefälliger Kommunikation" verwässern bis man keine Grundsätze mehr hat über die es sich zu reden lohnt.

Miriam Kofler1
05.07.2009 12:12
Die Grünen lernen vom LIF

bei den Liberalen wurde gerade eben das Grundsatzprogramm unter Einbeziehung aller im Internet weiterentwickelt.

monoton
05.07.2009 12:57

solange sie nicht die selbstauflösung dieser blassen gestalten nicht übernehmen

Ich bin der Dolch in der Nacht
05.07.2009 11:20
leider sind die grünen nichts anderes als...

...ein erzroter haufen, garniert mit tofu und körndelfutter.

die grünen vorstellungen einer "besseren" welt lassen das sozialistische utopia klein erscheinen.......

coldturkey
05.07.2009 21:33

Haben Sie je das grüne Parteiprogramm gelesen? Kann ich mir nicht vorstellen. Von abgehobenen Utopien ist da nämlich kaum etwas zu lesen, dafür so ziemlich die vernünftigsten und auch realistischsten - weil der tatsächlichen Situation unserer (Um-)Welt entsprechenden - Vorschläge für unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Die anderen Parteien wähnen sich hingegen immer noch auf der berühmten Insel der Seligen aus den schlimmsten Proporz-Zeiten oder wollen es zumindest uns glauben machen bzw. wollen uns im Falle FPÖ glauben machen dass wir uns gleich einer Insel von allem abschotten können was uns nicht schmeckt. Die grünen Inhalte passen schon, nur die Performance des Personals ist stark verbesserungswürdig.

pirat2
 
06.07.2009 00:43

Genau. Unrealistisch ist es, wenn man vor der Klimaproblematik die Augen verschließt. Unverantwortlich ist es, wenn man sich mit Ausländerfeinden anbiedert anstatt die Bevölkerung aufzuklären. Unverantwortlich ist es, wenn man die Bildungspolitik aus Standesdünkel boykottiert und vieles mehr.
Da kann ich nur sagen: Die Grünen sind die Einzige "Realopartei" in Österreich.

dasandere
05.07.2009 16:46
und

was bist du, außer schale Oberflächlichkeit?

Ich weiß es auch
05.07.2009 08:52
der erste ABSAtz im Konjunktiv !!!!

was wird dabei rauskommen - wenn trotz vorgegebenem Arbeitsauftrag durch Glawischnig - der ganze erste Absatz über Änderungen nur im Konjunktiv formuliert ist ?

gefühlte Inflation
05.07.2009 10:14
Bei aller Konjunktiverei ...

... sind die Aussagen V's ein Füllhorn an Konkretem im Vergleich zu dem, was Glawischnig normalerweise sagt.

V. wird wohl Eva, die Empörte ablösen. Dieses Interview ist der öffentliche Auftakt des intern schon gestarteten Absägens, gesteuert vom Grünen Knollenpeterpilz.

Gut für die Grünen, weil Glawischnig schlecht ist für die Grünen. Unheblich für Österreich, denn erstens bleibt dieses dieses und zweitens schrumpfen die Grünen trotzdem weiter.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 183
1 2 3 4 5

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.