Wettlauf um das Erdgas aus Aserbaidschan: Gasprom-Chef Mille setzte seine Unterschrift unter eine Absichtserklärung mit der aserbaidschanischen Regierung
Wien - Der 29. Juni war wohl eher ein schlechter Tag für die Anhänger der "Nabucco" -Idee und überhaupt für die Energiepolitiker in der EU, die auf neue Pipelines durch den Balkan und das Schwarze Meer setzen, um das Monopol der russischen Gasprom loszuwerden. Alexej Miller, der Chef des russischen Energiekonzerns, setzte zu Wochenbeginn in Baku seine Unterschrift unter eine Absichtserklärung mit der aserbaidschanischen Regierung: Gasprom versprach als erster Abnehmer Erdgas aus dem Feld Shah Deniz im Kaspischen Meer zu kaufen - eben jener Quelle, die in erster Linie die geplante "Nabucco" -Pipeline nach Österreich speisen sollte.
Miller unterschrieb auch noch ein zweites Abkommen. Gasprom wird von nächstem Jahr an 500 Millionen - und später 1,5 Millionen - Kubikmeter Gas aus anderen Feldern der Kaukasusrepublik kaufen. Moskau ist offenbar bereit, mit 300 bis 350 Dollar pro 1000 Kubikmeter einen so hohen Preis zu zahlen, dass Gasprom dabei Verluste erleiden wird. Doch das ist es den Russen wert. Sie schießen damit weitere Löcher in das "Nabucco" -Projekt und werten ihre eigenen Pipelines nach Europa auf.
Werben um die Türkei
Auch Igor Setschin, einer der russischen Vizepremiers und ein langjähriger Vertrauter Wladimir Putins, ist diese Woche aktiv geworden. Setschin traf am Mittwoch den türkischen Energieminister und versuchte ihm den Einstieg in das "South Stream" -Projekt gefällig zu machen. "Genaue wirtschaftliche Kalkulationen, die Koordinierung aller Faktoren und die Effizienz sollten zeigen, welches Projekt das beste ist" , sagte Setschin im besten Kreml-Speak mit Blick auf "Nabucco" .
Die geplante "South Stream"-Pipeline läuft von der russischen Schwarzmeerküste zur bulgarischen Hafenstadt Burgas und teilt sich dann in einen Strang, der nach Norden bis nach Österreich und Deutschland führen soll und einen in Südwestrichtung nach Griechenland und Italien. "South Stream" soll 2013 fertig gestellt sein, bei "Nabucco" werden seit Jahren nur Absichtserklärungen abgegeben. Mitte Juli soll es wieder so weit sein. Diesmal wird in Istanbul unterschrieben - und endgültig, so versichern "Nabucco" -Kenner.
Überdruss an Beitrittsgegnern
Zuletzt hatte die türkische Regierung noch ihre Zusage an das große Gegenprojekt zu Gasprom hinausgezögert, aus Überdruss an der Fraktion der EU-Beitrittsgegner in Deutschland, Frankreich und Österreich. Die Türkei selbst erhält bereits russisches Erdgas über die "Blue Stream" -Pipeline. Die ukrainische Premierministerin Julia Timoschenko brachte noch eine weitere Farbe ins Spiel: "White Stream" soll ihrem Land Erdgas aus Aserbaidschan und Zentralasien quer über das Schwarze Meer bringen. Rumänien schließlich klärte Anfang des Jahres durch einen internationalen Schiedsspruch die Seegrenze zur Ukraine und erhielt damit Zugriff auf potenzielle Ölfelder. (mab, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.7.2009)