Momente, nah am Traum

3. Juli 2009, 19:14
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Thomas Stangl über das "Bildnis eines jungen Mädchens"

Seit Jahrhunderten steckt sie in dieser Haltung, diesem Blick fest, immer wieder bleibt jemand stehen, schaut sie an, und sie ist da.

"Der Ausdruck der Leute, die sich in Gemäldegalerien bewegen" , schreibt Walter Benjamin "zeigt eine schlecht verhehlte Enttäuschung darüber, dass dort nur Bilder hängen." Du hast dich beinah an die Langeweile gewöhnt, die Säle voller bemalter Leinwände folgen endlos aufeinander, du erkennst an den Namen auf den Schildern neben den Gemälden, was dich interessieren sollte. Du spürst deinen Rücken und deine Beine. Deine Schuhe und deine Kleider werden dir lästig. Manchmal fällt dir wirklich noch ein Detail auf, oder es entstehen geheime kleine Bezüge: die Spiegelung eines Fensterkreuzes in der Pupille eines vor Jahrhunderten von sich selbst porträtierten Malers (was ist hinter diesem Fenster), eine Hafenstadt, die in einem Bildhintergrund ins Unendliche wuchert, das eisig blaue Meer hinter den Farbschlieren eines wilden Schlachtgetümmels. Die längliche Gestalt einer Heiligen, die kurz vor ihrer Kreuzigung gelangweilt an dir vorbeischaut, und eine schlanke Schöne, die ein Körbchen mit Tauben trägt und aus dem Bild herauslächelt, haben das gleiche grüne Kleid an, zwei Säle voneinander entfernt. Aber was nützt es, solange diese Figuren, diese Welten auf ihrer Seite bleiben und du auf deiner.

Je müder du wirst, desto leichter bist du vielleicht zu packen. Das Gemälde, in einem alten schwarzen Rahmen, ist ganz klein und leicht zu übersehen, du hast den Namen des Malers noch nie gehört, trotzdem bleibst du gleich stehen. Was ist das für ein Blick; in welcher Zeit befindest du dich. Bildnis eines jungen Mädchens steht auf dem Schildchen; vor einem schwarzen Hintergrund, an einem hohen Tisch oder Pult sitzend, beugt sich das Mädchen ein wenig nach vor; sie trägt eine weiße Haube, unter der ihr scharf gezogener Mittelscheitel hervorscheint, ein weißes Hemd, darüber eine Schicht Schwarz, eine Schicht Braun, mit einem Ausschnitt, der wie ein Trichter aus dem Bild hinausweist (als gäbe es dort einen besonderen Punkt, eine geheime Schwere). Sie ist seltsam konzentriert, fest in sich verschlossen; eine intensive Spannung hat sie erfasst, ihr Gesicht, ihren ganzen Körper. Du siehst ihre großen dunklen Augen, aber sie schaut dich nicht an (schaut nicht aus dem Bild heraus, das ein verschlossenes Kästchen ist, ihr Blick gehorcht der Schwere). Du kannst nicht sagen, ob sie traurig ist. Mit ihren unter der Bank verborgenen Händen sieht sie ein wenig aus wie eine bestrafte Schülerin, aber sie ist doch ganz souverän in ihrer Abwesenheit, ihrem Ernst, in dem sich vielleicht eine freundliche, eine freundlich abweisende Ironie verbirgt. Wenn du näherkommst, scheint sie zu lächeln, trittst du wieder ein paar Schritte zurück, wird ihr Blick immer düsterer.

Du weißt, vielleicht nur für einen Moment (ganz plötzlich ist es dir aufgefallen, deshalb bist du stehengeblieben), dass dieses junge Mädchen, diese Frau wirklich einmal gelebt hat. Du weißt es, weil sie da ist. Sie repräsentiert nichts, deshalb ist sie da. Meistens fügt sich bei Porträtierten der Ausdruck gleich in irgendeine Konvention, und man sieht eine Fürstin oder einen Geschäftsmann, die sich in Pose setzen, ein Modell, das für sein Schöndreinschauen bezahlt wird, einen alten Bauern, den man zum Fotografen geschleppt hat, jemanden, der für ein Passfoto in einen Fotoautomaten gestiegen ist und zu lange auf das Blitzlicht gewartet hat. Hier hast du nichts davon, siehst nichts als diese leicht vorgebeugte Haltung, diesen Blick, der dich nicht anschaut, für den es keinen einfachen Schlüssel gibt. Seit Jahrhunderten steckt dieses Mädchen in dieser Haltung, diesem Blick fest, immer wieder bleibt jemand stehen, schaut sie an, und sie ist da.

Du kannst versuchen, sie anzusprechen und aufzuwecken (du kannst dir einbilden, du hättest die Macht dazu).

Kein großer Künstler

Du informierst dich über den Maler, Cornelis van Poelenburgh, ein Mann, der im siebzehnten Jahrhundert berühmt und populär war, vor allem für sogenannte italianisierende Landschaften, Bilder, die dir nicht das Geringste sagen. Du siehst ein paar Reproduktionen: Landschaften ohne Weite und ohne Geheimnis, die mit mythologischen Figuren vollgeräumt sind, Wolken, auf denen fette nackte Götter herumsitzen. Immerhin macht das sehr kleine Format die Gemälde angenehm beiläufig. Ungefähr hundert Jahre nach seinem Tod verlor sich das Interesse an ihm, und van Poelenburgh verschwand in einer der vielen Nebenkammern der Kunstgeschichte. Porträts, steht in der einzigen Monografie, die über diesen Maler noch zu finden ist, waren nicht seine Stärke. Ein paar Mal hat er anscheinend adelige Auftraggeber abgemalt, über diese Gemälde ist wenig Freundliches zu sagen. Er ist ein geschickter und erfolgreicher Handwerker, kein großer Künstler, wohl auch aus seiner eigenen Sicht. Nur zwei kleine Bilder scheinen nicht so recht zu seinem Werk (oder Handwerk) zu passen, darunter das "Bildnis des jungen Mädchens", das heute in der Alten Pinakothek in München hängt. Man weiß nicht mehr, wen es zeigt, sicher keine reiche Adelige oder Kaufmannstochter, aber auch keine pittoreske Bauernmagd: Nein, sie repräsentiert nichts. Du stellst dir vor, dass dieses Bild fast versehentlich gemalt sein könnte; dass dieser Maler einen Moment lang etwas gesehen hat, das nicht zu seiner Ideologie passt (in keiner Ideologie Platz hat).

Vielleicht könnte das Mädchen seine Tochter sein, Cornelis van Poelenburgh hatte drei Töchter, Adriana, Maria, Christina, und einen Sohn, Jacobus: Vielleicht hat eine Art von Nähe (von Liebe) seinen Blick gelenkt. Aber die Kleidung des Mädchens, liest du, weist auf das sechzehnte Jahrhundert hin, also hat das Mädchen schon nicht in die Zeit des Gemäldes gepasst, eine Zeit, die allerdings ohnehin schon ganz vage geworden ist, hundert Jahre früher oder später, die Zeit ihrer Urgroßmütter oder ihrer Urenkel, was macht das für dich noch einen Unterschied. Möglich ist, dass Poelenburgh einer unbekannten Vorlage gefolgt ist: Irgendein Maler, von dem man nichts mehr weiß, so wenig wie von dem gemalten Mädchen, hätte dann irgendwann Ende des sechzehnten Jahrhunderts vielleicht eine ganze Reihe von seltsamen, nicht in die Kunstgeschichte einzuordnenden (und damit zu neutralisierenden) Porträts hergestellt, von denen nur zufällig, durch eine Laune des faden Landschaftsmalers Poelenburgh, ein oder zwei noch zu erahnen sind. Einer Theorie, wonach das Mädchen die Jungfrau Maria darstellt, willst du nicht glauben.

Sie heißt Adriana

Das kleine Bild will nichts von dir, biedert sich nicht an, steht für sich; und doch – oder gerade deshalb – ist da ein Sog: als hätte der Maler unwillkürlich auf seine Gewalt (die Routine seiner Gewalt) verzichtet, so wie du, überwach in deiner Müdigkeit, auf die selbstsichere Langeweile verzichten sollst. Das Mädchen im Bild ist nicht vom Blick des Malers gefangen, entzieht sich; und gerade das Nichtherausschauen aus dem Bild, die Nichtbeziehung erzeugt eine tiefere Art von Zwang, als müsstest du der Blickrichtung des Mädchens folgen können, auf die andere Seite, ins Schwarz, es ist ein zarter Sog von drüben. Die Leinwand kann zum Spiegel werden, durch den du im Traum hindurchsteigst, sie kann erscheinen wie die Haut eines anderen Menschen: eine Grenze und zugleich ein Raum der Berührung, Empfindung. Beinahe.

Du kommst ein paar Schritte näher, trittst ein paar Schritte zurück, siehst das Lächeln, siehst es verschwinden. Jemand, von dem nichts da ist außer einem einzigen Bild: Was ist über diesen Menschen noch zu wissen? Du siehst sie kurz auftauchen aus dem Schwarz, für einen einzigen merkwürdigen Blick, und weißt, dass sie wieder im Schwarz verschwinden wird, verschwunden ist, siehst sie verschwinden (du siehst sie).

Sie heißt Adriana, sie ist gerade aufgewacht, zeitig früh, erkennt ihre Schlafkammer (braucht sie nicht zu erkennen, weil sie weiß, dass sie nirgendwo anders sein kann: ein Bett, ein Schrank, ein Stuhl, kahle weiße Wände, ein Fenster, Tag für Tag, als würde es immer so bleiben).

Sie steht auf, in ihrem groben weißen Hemd, streckt sich, spürt ihren Rücken und ihre Beine, geht mit nackten Füßen, schlurfend, durchs Zimmer, ihre Füße sind ein wenig klobig, mit breiten flachen Zehennägeln, nicht besonders gepflegt. Sie weiß, dass niemand sie sehen kann, höchstens ihre kleinen Schwestern. Sie hat geträumt, ihren Traum wieder vergessen, ihr Leben besteht aus tausenden vergessenen Träumen, diese Nacht bestand aus Millionen vergessener Träume von Millionen von vergessenen Menschen. Hinter dem Fenster ist eben die Sonne aufgegangen, würde sie sich umdrehen, könnte das Fensterkreuz sich in ihrer Pupille spiegeln, das Morgenlicht, die Welt draußen erscheinen zart und endlos, der Boden knarrt unter ihren Füßen, sie spürt das Holz an ihren Sohlen. Eine seltsame, etwas lächerliche Aufgabe steht ihr an diesem Tag bevor. Sie hat einen kleinen Spiegel im Zimmer, stellt sich, nachdem sie sich angekleidet hat, davor, senkt ganz leicht den Kopf, denkt an nichts, wartet kurz, mit einer Art von Anspannung.

Aber den Blick, den sie finden wird, kann sie nicht proben (sie würde sich nicht sehen). Jemand ist notwendig, auf der anderenSeite, um den Blick, der ihm nicht gilt, zu registrieren, sie schaut auf den Spiegel, das Glas, auf das sie mit ihren Fingern tappen kann, ihre eigenen großen dunklen Pupillen in dem Glas, ein Schwin-del erfasst sie. Es gibt Momente nah am Traum und am Erwachen, wo man vergessen hat, wer man ist, wo man sich befindet, in welcher Zeit man lebt. Ihre Kammer löst sich hinter ihr auf, sie verspürt eine Freiheit, als könnte sie fliegen: Sie ist nichts als dieser Körper, in diesem Moment, sie hat noch nichtgeheiratet, sie hat keinen Stand, keine Eltern oder Kinder, sie weiß nicht, wann sie sterben wird, sie weiß von diesem Moment, jetzt, und braucht nicht auszustellen, was sie weiß.

Nichts wird von diesem Tag bleiben als ein Blick von ihr, nichts wird von ihr bleiben als dieser Blick.

Du suchst ihren Blick

Du denkst, vielleicht zeigt ein solcher Blick, irgendeine kleine abwesende Geste mehr von einem Menschen als alles, was er gesagt, alles, was er bewusst gedacht hat; mehr als seine ganze offizielle Existenz. Ich erinnere mich an den Blick und das Lächeln meines Vaters in seinen letzten Wochen, diesen Winter, in einem Wiener Krankenhaus (aber das werde ich nicht beschreiben).

Adriana sieht das gemalte Bild, ihr Gesicht in einem kleinen Viereck, und erkennt sich wieder, mit Schrecken: ein winziger Raum, aus dem sie, wie ihr für einen Augenblick scheint, plötzlich nicht mehr herauskann. Nichts wird von ihr bleiben als dieses kleine Viereck, ein Gemälde, dessen Anlass und Zweck keiner mehr kennt. Aber dann ist es doch nichts als ein Gemälde, sie schaut es an, und es hat nichts Endgültiges, sie denkt nicht, das bin jetzt ich, sie ist jemand anders, vergisst diesen Moment, geht einfach weiter.

Du suchst ihren Blick vergeblich, da ist keine Haut, die du berühren kannst. (Thomas Stangl, ALBUM – DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.07.2009)

Zur Person
Thomas Stangl, geboren 1966 in Wien, studierte Spanisch und Philosophie. Für Der einzige Ort erhielt er 2004 den Aspekte-Preis. Beim Bachmann-Wettbewerb erhielt er 2007 den Telekom-Preis für seinen dritten Roman Was kommt (Droschl, 2009).

Hinweis:
Er liest am 30. Juli bei den O-Tönen im Wiener MQ.

Link:
www.o-toene.at

  • "Nichts wird von ihr bleiben als dieses kleine Viereck, ein Gemälde,
dessen Anlass und Zweck keiner mehr kennt. Aber dann ist es doch nichts
als ein Gemälde, sie schaut es an, und es hat nichts Endgültiges, sie
denkt nicht, das bin jetzt ich, sie ist jemand anders, vergisst diesen
Moment, geht einfach weiter."
    bild: alte pinakothek münchen

    "Nichts wird von ihr bleiben als dieses kleine Viereck, ein Gemälde, dessen Anlass und Zweck keiner mehr kennt. Aber dann ist es doch nichts als ein Gemälde, sie schaut es an, und es hat nichts Endgültiges, sie denkt nicht, das bin jetzt ich, sie ist jemand anders, vergisst diesen Moment, geht einfach weiter."

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