Differenzialgleichung des Multilingualen

3. Juli 2009, 18:26
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Rede zum Hohenemser Literaturpreis für deutschsprachige Autorinnen und Autoren nichtdeutscher Muttersprache 2009

Die Autoren und Autorinnen, die im Deutschen schreiben, obgleich es nicht ihre Muttersprache ist, erregen Aufmerksamkeit, denn sie künden vom Leben der Moderne zwischen den verschiedenen Klangwelten und Ländern. Sie sind längst keine kleine Minderheit mehr. Sie prägen die deutschsprachige Literatur, und können nicht in eine Schublade abgelegt werden. Sie erzählen uns von unser aller Dasein, von der Gegenwart und ihren alltäglichen Widerwärtigkeiten. Ihre Lyrik und ihre Prosa erhellen, dass niemand mehr in der ursprünglichen Heimat lebt.

Fühlt nicht jeder heutzutage, dass er auch ein anderer ist? Selbst jene, die noch an ihrem Geburtsort wohnen, finden sich in einer Diaspora wieder. Das exotische Restaurant liegt um die Ecke, das Billiglohnland im Souterrain. Wer in den Urlaub fährt, trinkt seinen Espresso in derselben Kaffeekette wie zu Hause. Im günstigen Fall liest er dabei ein Buch, in dem darauf hingewiesen wird, dass, wer einmal gegen den eigenen Willen gezwungen war, sein Land zu verlassen, mehr Heimat vermisst, als, um mit Jean Améry zu reden, sich ein Sesshafter in seinem kosmopolitischen Ferienspaß träumen lassen mag.

Die Sprache meiner Mutter

Schon wird zwischen zugewanderten Schriftstellern der ersten und jenen der zweiten Generation unterschieden, und manche, die landläufig so genannt werden, wurden in Berlin, Wien oder auch Hohenems geboren, werden aber dennoch unter Migration verbucht, weil ihr Namen, ihre Religion oder ihr Aussehen weiterhin als fremd gelten. Und nicht bei allen ist so eindeutig klar, was die Muttersprache eigentlich sein soll. Die erste Sprache meiner Mutter, die in Paris geboren, im polnischlitauischen Vilnius aufgezogen, in deutschen Konzentrationslagern mehrmals beinah umgebracht und im jungen Israel aufgenommen wurde, war das feine Jiddisch aus dem Jerusalem des Nordens, aber bereits als Kleinkind beherrschte sie auch Polnisch. Das Buch über ihr Überleben schrieb sie indes in Iwrith, um es nun in österreichischen Schulen auf Deutsch vorzulesen. Nein, es ist nicht notwendig, mit einer solchen Fallgeschichte aufzuwarten, um zu beweisen, auf welche Wirrnisse einer stoßen kann, der nach der Muttersprache fragt. Was ist etwa mit jenen, die von Anfang an zweisprachig aufwachsen?

Während die Gesellschaft bunter scheint denn je und die ganze Welt von ihrer Globalisierung spricht, wird von Boulevard und Rechtsextremen gegen Zuwanderung gewettert und kulturelle Differenz zum Unheil abgestempelt. Unterhalten sich Jugendliche in der Wiener Straßenbahn auf Türkisch, wird ihnen geheißen, gefälligst Deutsch zu lernen. Allein der Umstand, dass sie nicht Deutsch reden, führt zum Verdacht, sie beherrschten es nicht. Bilingualität stand von Anfang an im Geruch nichts anderes als - im wahrsten Sinne des Wortes - Doppelzüngigkeit zu sein. Im Namen der Integration wird Assimilation gefordert.

Seit Pisa ein Test ist, führen hierzulande die schlechten Ergebnisse im internationalen Vergleich nicht zur Reform der überkommenen Bildungssysteme, sondern heizen vor allem die allseitige Hetze gegen jene Schüler an, deren Eltern oder Großeltern aus dem Ausland stammen. Als wären andere Länder frei von Zuzug. Als gingen dort nicht Kinder aus fernen Erdteilen in die Schule. Man könnte glauben, die einheimische Mehrheit sei ein Geschlecht aus lauter Dichterfürsten, Österreich die Nation der geschliffenen Rhetorik, die Bastion des Feuilletons, ein Elysium der Eloquenz. Wer allerdings etwa den Reden im Wiener Parlament zuhorcht, bemerkt, viele alpenländische Abgeordnete klingen, als wäre ihnen Deutsch ein ferner Jargon, und plötzlich kommt einem der Gedanke, Grillparzer könnte es ganz so freundlich doch nicht gemeint haben mit seinem berühmten Satz vom Österreicher, der lieber schweige, um die anderen reden zu lassen.

Fluchtpunkte des Seins

Von den Vorzügen der Mehrsprachigkeit weiß bereits die Pädagogik. Erst die zweite Sprache mache, heißt es, die Struktur der ersten begreifbar, und gleichzeitig hilft die Grammatik des Geburtslandes einem, diejenige der neuen Heimat zu erlernen.

Diese Differenzialgleichung des Multilingualen schlägt sich auch im Literarischen zu Buche. Der Schriftsteller fremder Muttersprache verschreibt sich dem Deutschen. Es wird zu seinem Refugium und zu seinem Fluchtpunkt des Seins. Es erscheint ihm nicht selbstverständlich, sondern birgt Eigenheiten, Rätsel und Geheimnisse. Die Distanz zur Sprache kann den Blick schärfen und die Kontraste im Vokabular deutlicher hervortreten lassen.

Unverwandt schauen solche Autoren und Autorinnen auf das Deutsch, das bekanntlich längst nicht mehr unschuldig ist, und so können sie ihm zuweilen leidenschaftlich näherkommen, weil es ihnen fremder ist. Sie sind frei von manchem Inzesttabu und offen für ungewöhnliche Wortspiele und Assoziationen. In ihrer Prosa schillert Verblasstes wieder neu, und Altvertrautes scheint uns plötzlich exotisch. Sie entlarven uns das Phrasenhafte, das Eingemachte und Abgemachte. Geht es nicht letztlich bei guter Literatur immer darum, das noch Unerhörte zur Sprache zu bringen? Machen uns nicht jene Erzählungen hörig, die uns einen anderen Blick auf die Wirklichkeit werfen lassen? Setzen wir uns ihnen nicht aus, bis die Geschichte des anderen zu der unseren wird und bis die unsrige auf einmal ganz anders wirkt? Schlage ich einen Roman auf, will ich mich doch befremden lassen.

Der Hohenemser Preis soll unsere Aufmerksamkeit auf die Artikulationskraft und den Erfahrungsschatz jener Stimmen lenken, denen das Deutsche zur Adoptivsprache wurde. In der Jury wussten wir nicht, von wem die eingereichten Stücke stammten, und diese Anonymität erleichterte die Auseinandersetzung mit der Prosa ungemein, da wir unabhängig von Namen, von Freundschaften, von Fehden oder vom jeweiligen Bekanntheitsgrad die Arbeiten diskutieren und beurteilen konnten.

Wir hatten, so viel sei verraten, sehr viele Texte zu lesen und zu bewerten, und die Aufgabe, die Besten auszuwählen, fiel uns keineswegs leicht, aber dieser Umstand unterstreicht wiederum nur die Vielzahl und die Vielfalt der deutschsprachigen Autoren und Autorinnen nichtdeutscher Muttersprache, erhellt zudem ihre Bedeutung innerhalb der gesamten Literaturszene und beweist letztlich, wie wir hier und heute bald hören werden, dass ihre Stimmen noch mehr an Beachtung verdienen. (Doron Rabinovici, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.07.2009)

Der Hohenemser Literaturpreis

Zum ersten Mal wurde am 20. Juni im Salomon-Sulzer-Saal, der einstigen Synagoge von Hohenems, der ausschließlich für deutschsprachige AutorInnen nichtdeutscher Muttersprache ausgeschriebene Hohenemser Literaturpreis vergeben. Eingereicht werden können "bis dahin nichtpublizierte, deutschsprachige Prosatexte im Umfang von maximal zehn Seiten. Diese sollen in literarisch überzeugender Weise nicht nur migrantische Erfahrungen, sondern in freier Themenwahl das Ineinandergreifen verschiedener kultureller Traditionen und biografischer Prägungen vor dem Hintergrund einer sich beständig wandelnden Gegenwart thematisieren - einer Gegenwart, in der Sprache und Literatur wie auch Identität keinesfalls als Konstanten anzusehen sind."

Die ersten Preisträger des künftig im Zweijahrestakt ausgeschriebenen, von Land, Bund und Wirtschaft gesponserten Preises, der auf eine Anregung Michael Köhlmeiers zurückgeht, sind Agnieszka Piwowarska (1978 in Gdañsk, Polen, geboren, lebt seit 1987 in Deutschland) und Michael Stavariè (geb. 1982 in Brno, lebt in Wien). Sie teilen sich den Hauptpreis von 10.000 Euro. Der mit 3000 Euro datierte Anerkennungspreis ging an die 1981 geborene in Österreich lebende Slowakin Susanne Gregor. Verliehen wurden die Preise im Beisein der prominent besetzten Jury (Michael Köhlmeier, Zsuzsanna Gahse, Anna Mitgutsch, Zafer ªenocak und Doron Rabinovici), welche die Preisträger aus den 200 eingelangten Texten auswählte.

Link:
www.hohenems.at/literaturpreis

  • Artikelbild
    foto: hohenems
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