"Eigennutzen-Optimierer scheiden aus"

3. Juli 2009, 16:48
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Sie spüren die Krise in ihren Unternehmen schmerzhaft - Ihre Aufgabe: Kapazitätsreduktion ohne Substanzvernichtung - Topmanager diskutieren

"Wir haben alle die Blase mit bedient, Geld war ein Commodity - dieses wird jetzt zum Edelstein", redet Stefan Pierer nicht herum. Und: "Es wird nie wieder so werden, wie es war. Mit weniger Liquidität wird das Geschäft zu bedienen sein, das ist die Herausforderung, das ist eine ganz andere Welt." Das sieht nicht nur Pierer in seiner arg gebeutelten Branche und für sein Unternehmen so - da ist sich die Runde einig. Der "Volumen-Hype ist vorbei - in manchen Bereichen für immer, zumindest in Europa."

Geld für Innovationen?

Und: Innovation sehen alle als Weg in die Zukunft - diese sei durch den Nachfrageboom auch ins Hintertreffen geraten. Nachfrage innerhalb der Runde: "Und - haben Sie derzeit wirklich Geld, in Innovation zu investieren?" Martin Sailer, Finanzchef der Frauenthal-Gruppe schließt ad Landeshaftungen für KTM an: Es sei gut, nun mittels Garantien Druck rauszunehmen, es sei notwendig, unter Abbau des Working Capital zu finanzieren, aber: "Ich sehe die Gefahr, dass der Aufschwung im Keim erstickt wird." Diese Sorge teilt die Runde: Steigende Zinsen, Unterlegungsbedarf der Banken, Vorlage von Finanzierungskonzepten über Jahre - da befürchten die Diskutanten die "nächste Vollbremsung" vulgo Kreditklemme. Sailer: "Wir werden zwei bis drei Jahre eine massive Krise haben - die ist in Österreich ja noch gar nicht richtig angekommen."
Franz Hiesinger, als Finanzchef in der Papierindustrie krisenerfahren, stimmt zu: "Chancen zu nützen ist sehr schwer derzeit, wir haben ein massives Finanzierungsproblem unter dem Druck, die Nettoverschuldung zu reduzieren.

Expansion mit hohem Leverage ist definitiv vorbei." Den Balanceact formuliert Berndorf-Finanzchef Dietmar Müller so: "Kapazitäten rausnehmen, den Break-even nach unten drücken, ohne die Substanz zu gefährden." Es gehe darum, die Zukunft zu erreichen, aber nicht so abgemagert, dass der Zusammenbruch programmiert sei. Wie sich das anfühle? Pierer antwortet: "Nach drei bis vier Monaten hat man sich an das Leben am Abgrund gewöhnt, dann geht es besser. Aber Mitarbeiter-Abbau ist immer schwerst." Wiederholt lobt er seine Belegschaftsvertretung. Lob am Rande auch für das deutsche Kurzarbeitmodell, für Aussetzverträge als Überbrückung. 25 Prozent Arbeitslose wie in Spanien scheinen der Runde auch in Österreich "leider möglich".

Verstecken: unmöglich

Gnadenlos, sagt er, komme jetzt alles auf den Tisch. Verstecken gehe nicht. "Die Eigennutzen-Optimierer scheiden aus", sagen die Diskutanten. was im Boom Platz hatte, falle nun heraus. "Manager mit Erfahrung", sagt Oliver Suchocki (Personalberater Eblinger & Partner), würden derzeit stark nachgefragt. Für „reine Kinder der Hochkonjunktur" sei der Markt sehr schwierig, das „Mindset zu drehen" sei sehr schwierig. Aber, so Pierer: "Extreme Einschränkung macht kreativ. Menschen verändern sich nur unter Druck - aus Schmerzen kommt Veränderung." Hiesinger: „Ja, aber wenn die Leute sehen, dass die Maschinen stillstehen ..." Müller: "Dann muss man über das größere Ganze, über die Pläne reden." „Und das auch kundenseitig kommunizieren", ergänzt Suchocki. Es habe sich auch die Arbeit der Personalberater geändert: „Gesuchte überlegen den Wechsel viel länger. Das Thema ist Sicherheit. Wir müssen intensiver ansprechen, früher offene Karten auf den Tisch legen."

Sailer: "Wir müssen alle anerkennen, dass wir in einer Welt leben, in der sich die Anforderungen ständig ändern. Seinen Platz und seinen Frieden zu haben, das wird es nicht mehr - oder kaum mehr - geben." Pierer fragt den Berater Suchocki: „Sind die Jungen leistungsbereit?" „Es gibt einen Teil, der andere Ziele verfolgt. Aber: Wer nicht leistungsbereit ist, wird keinen Erfolg haben. Und: Wir haben einen globalen Arbeitsmarkt, das ist vielen in Osteuropa nur recht - in zwei Jahren bricht das auf uns herein." 

Müller sieht das positiv: "Das bringt und erzwingt Diversity - darauf muss man setzen."
Sailer, der derzeit mit Anpassung in elf Werken beschäftigt ist und vor allem als Zulieferer unter Druck steht, schwenkt in die Zukunftszone und ist positiv, "weil Indien und China Entwicklungspotenzial bieten und Osteuropa nicht zu stoppen ist". Hiesinger sieht die Lage in fünf Jahren auch „besser". Pierer: "Und was können wir denen geben?" "Intellektuelles Kapital", so die konzertierte Antwort - viele Produktionsstandorte seien in Europa nun einmal nicht zu halten, da müsse man nicht herumreden. (Auch wenn unser Wohlfahrtsmodell die Leute derzeit in ganz weiche Watte packe, so die Ergänzung.)

Nachwuchs für die Babyboomer

Suchocki: "Die Babyboomer gehen bald in Pension. Wer jetzt nicht ganz gezielt Junge reinholt und aufbaut, damit auch Know-how erhalten bleibt, der wird in drei, vier Jahren ein massives _Problem von dieser Seite her haben." Da lasse sich ein Turbo einbauen, mit gezielten, spezifischen Trainee-Programmen. Sailer: "Ja, und die dann zu binden wird eine sehr große Herausforderung. Bindung ist bei den Multis praktisch tot - das greift auch auf den Mittelstand über. 

Klar ist für alle: die "Renaissance" der „alten Werte" - von der Finanzierung bis zum Mitarbeiterthema. Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein nennen die Diskutanten als Anker in Werte-Form. Regionalisierung, alte Single-Source-Beziehungen werden voranliegend gesehen. Gleichzeitig räumen sie aber mit Naivität auf. Müller: "Die nächste Blase kommt oder ist schon da. Der Treiber Gier wird sich nicht ändern". 

Derzeit werde "das Pulver trocken gehalten", aber in rund einem halben Jahr erwartet die Runde "das große Akquisitionsthema". "Schnäppchen en masse", wie Pierer sagt, große Umschichtungen, Besitzerwechsel. Noch sei es aber zu früh, Währungsabwertungen solcherart zu nützen. Denn, so Müller: „Wertberichtigungen werden noch viele kommen."

Vernünftige Beteiligungsmodelle der Länder für jene, die gut aus der Krise gekommen sind, wünschen sich die Diskutanten und begründen gedämpften Optimismus für Österreichs Wirtschaft auch mit: "Bei allen Defiziten sind wir in puncto Einstellung und Ausbildung im europäischen Umfeld wirklich Spitze."(Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.7.2009)

  • Die Top-Manager nahmen sich lange Zeit, redeten Klartext zu Status quo in Unternehmen und Zukunft
    photo: photodisc

    Die Top-Manager nahmen sich lange Zeit, redeten Klartext zu Status quo in Unternehmen und Zukunft

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