Machen. Tun. Schöpfen

3. Juli 2009, 18:17
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Eine Biennale der Poesie zeichnet sich ab - Von den Anfängen

Der Zug hält auf offener Strecke. Nach einer Weile die Durchsage, dass ein Baumstamm die Geleise blockiert und mit einer halben Stunde Aufenthalt zu rechnen sei. Passagiere tröpfeln durch die Gänge, streben dem Speisewagen zu, Raucher stellen sich auf den Abtritt der geöffneten Wagontüren, die Köpfe im Wind. Von vorn ist das Geräusch der Motorsägen zu hören. Aus der halben Stunde wird eine ganze, dann schließen sich die Wagontüren automatisch, lassen sich auch nicht mehr öffnen. Der Zug rollt ein paar Meter zurück, holt Anlauf und setzt seine Fahrt fort, mitten in das Unwetter hinein, das sich hier an einem Wäldchen ausgetobt hat - ein Streifen verwüstetes Land, entwurzelte Bäume, gesplitterte Schäfte, manche Stämme vollkommen entrindet, geschält, die Erde aufgewühlt. Keine Menschen. Etwas entfernt: ein Bauernhof, eine Scheune. Das Tor offen. Blauschwarz der Himmel zwischen den Bergen. Das weiß gekieste Flussbett des Tagliamento. Smaragdfarben der Fluss selbst.

"Fare mondi" , sagt Daniel Birnbaum. Und die Dichter antworten. Ungehört werden ihre Repliken in dem Spektakel der 53.Biennale von Venedig verhallen, dem Geschwätz der Presse, den Empfängen, Eröffnungen, Reden, schwerelos unter den Gewichten aus Geld und Bedeutung, Anmaßung und tonnenschwerem Firlefanz. Aber darum geht es nicht. Ein Anfang soll es sein. Das hat Daniel Birnbaum zumindest gesagt. Und danach ein Gedicht vorgelesen. Auf Schwedisch. Dabei saß er hoch oben auf dem "weißen Turm" , einer Installation von Igor Makarevich und Elena Elagina, Vertreter der "inoffiziellen Kunst" Russlands.

Der Anblick des Turms erinnert an einen freistehenden Kamin, an dessen Schornstein zwei Leitern lehnen. Unten standen die Dichter, Organisatoren, Künstler. Es ist der 3.Juni2009, 12Uhr mittags. An den Eingängen der Giardini wartet die internationale Kunstjournaille, Bedeutungsspediteure jeder Couleur im Schlepptau, darauf, eingelassen zu werden. Es ist die Eröffnung vor der Eröffnung. Darauf ist der Gastgeber stolz. Als wäre diese Versammlung von Dichtern eine geheime Zusammenkunft von Beschwörern oder Zauberkundigen, die vor dem großen Fest den Segen des Himmels erbitten. Also sprechen sie ihre Gedichte in den wolkenverhangenen Himmel über den Giardini hinein, in die Kronen der Bäume, den weißen Turm, die Erde, das Blatt Papier, das sie in Händen halten. Ihre Stimmen hallen, elektrisch verstärkt, über die menschenleeren Kieswege, die Pavillons und Gartenanlagen, die Kunstwerke. Körperlos werden die Worte, ein Murmeln in vielen Sprachen, etwas wie Wind, der über das Gelände streicht. Freilich: Vielen der Dichter wäre es lieber gewesen, wie Daniel Birnbaum im Zentrum des Interesses zu stehen, auf einer "richtigen" Bühne, im Blitzlichtgewitter der Presse, vor Kameras, Honoratioren und hunderten Menschen. Doch das wäre kein Anfang gewesen, sondern etwas anderes ...

Moscow Poetry Club

Tritt man aus dem verschatteten Bahnhofsgebäude Santa Lucia in den hellen Tag hinaus, wird man von der Stadt in Theaterkulissen empfangen: Breite Stufen führen auf einen offenen, mit Menschen und Tauben belebten Platz, daran anschließend der Orchestergraben, geflutet. Canal Grande, denke ich, beim Anblick des schieferfarbenen Wassers, der Boote und pittoresken Gondolieri. Den Horizont begrenzt ein Prospekt mit Fresken jahrhundertealter venezianischer Häuserfassaden, wie sie vielleicht Casanova noch gekannt hat.

Es ist der 2. Juni 2009, nachmittags. Ich bin auf Einladung des Moscow Poetry Clubs hier. Genauer: auf Einladung Evgeny Nikitins und Alexander Rytovs, beide Dichter. Nikitin hatte vor Jahren ein paar Gedichte von mir ins Russische übersetzt, Rytov hatte ich im Rahmen seiner Tätigkeit für die Stella Art Foundation in Wien kennengelernt. Ich setze mich unten am Kai auf die Stufen und telefoniere. Rytov freut sich, dass ich hier bin, weiß aber offensichtlich auch noch nicht, wo ich unterkommen soll. Er verspricht zurückzurufen. Trossen. Touristen. Tauben. Dann ruft Rytov an, und wir verabreden uns bei einem Hotel in der Nähe. Der Empfang ist herzlich. Ich werde einem Alexej vorgestellt, der mit mir zum Lido fährt.

Alexey sieht aus wie ein Zehnkämpfer oder Bodyguard. Er hat zwei Abschlüsse in Mathematik, arbeitet aber jetzt für die Stella Art Foundation als "Mädchen für alles" . Sein Vater, erzählt er, sei bei der Marine gewesen, und sie hätten häufig den Wohnort gewechselt. Die Sommer aber hätte er immer bei seiner Großmutter am Meer verbracht. Wir sprechen nicht viel. Schauen in die Lagune hinaus, auf die Häuser, Kirchen und Paläste, die vorbeiziehen. Meine Überraschung ist groß, als ich an der Anlegestelle den Professor winken sehe. Mit ihm, sagt Alexey, werde ich eine Wohnung teilen. Er überreicht dem Professor ein Kuvert, wechselt noch ein paar Worte und nimmt dann das nächste Vaporetto. Der Professor ist guter Dinge, sagt, dass er auch erst vor kurzem angekommen sei, aber schon alles Nötige eingekauft habe.

Ich verstaue meine Reisetasche in der Wohnung, dann fahren wir in die Giardini, wo Alexey schon auf mich wartet und mir meinen Gästepass aushändigt. Wir flanieren an den Pavillons vorbei. Überall wird noch aufgebaut, Hand angelegt. In der Buchhandlung, dem vereinbarten Treffpunkt, sind nur zwei Mädchen, die großformatige Bücher auspacken und auf den Verkaufstischen drapieren und nichts von einer Veranstaltung wissen. Der Professor telefoniert. Er führt mich am amerikanischen, am jüdischen Pavillon vorbei. Auf der Brücke eilt uns ein Mann entgegen. "Das" sagt der Professor, "ist Evgeny" und stellt uns vor. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir Evgeny ganz anders vorgestellt. Jünger. Er trägt ein cremefarbenes "Künstler" -Sakko, das mit lavendel- und fliederfarbenen Rechtecken übersät ist. Irgendetwas an ihm erinnert mich an einen Albino. Etwas Fahles, Bleiches, als hätte man ihn in ein Mehlfass getaucht. Selbst die Haut schimmert bläulich-weiß. Wir tauschen ein paar Floskeln aus, dann ist er weg. Ich bin konsterniert. "Na, den Empfang hatte ich mir anders vorgestellt." - "Warum?" - "Schließlich hat er meine Gedichte übersetzt ..." Der Professor bleibt stehen: "Aber das war doch nicht Evgeny Nikitin - das war Evgeny Bunimovich".

Bunimovich! Ich erinnerte mich. Der einzige parteifreie Volksvertreter in der Stadtduma Moskaus. Dichter, Journalist, Präsident der Internationalen Poesie Biennale Moskau. Freund und Kollege der ermordeten Journalistin Anna Politkowaskaja, ein "Eingeweihter", wie der Professor sagt, der ihn in tagelangen Gesprächen über die politischen Hintergründe in Russland aufgeklärt habe. "Aber", schließt er, "er hat keine Angst." Ich sage nichts. Es gibt ein plötzliches Begreifen, dass man in andere Zusammenhänge getreten ist, das sich nicht gleich in Worte fassen lässt. Ich bin noch nie einem Menschen begegnet, der wegen seines geistigen Widerstandes mit dem Tod bedroht war. Und noch dazu ein Dichter. Und Dichter geblieben ist. Und dem es ganz selbstverständlich ist, hier mit anderen Dichtern aufzutreten und seine Gedichte vorzulesen.

Auf einer kleinen mit Bäumen gesäumten Freifläche zwischen dem polnischen und dem griechischen Pavillon. Der "weiße Turm" ist dort aufgebaut, dazu eine Art Laufsteg aus Sperrholz, zur Hälfte überdacht. Ich werde ein paar Leuten vorgestellt. Evgeny Nikitin ist nicht dabei. Christos Savvidis nimmt sich meiner an, der griechische Kurator und Direktor der ArtBOX, die für die technischen Aufbauten zuständig ist.

Die Dichter werden mit Funkmikrofonen lesen, gleichzeitig werden die Schallwellen mittels Lautsprechern in ein Wasserbecken geleitet und die entstehenden Wellenmuster auf einem Monitor übertragen (was aber nicht klappen wird, weil auf den Monitoren bei Tageslicht nichts zu erkennen ist). Weiters: Während der Lesungen werden Brot und Wasser gereicht, und zwei Künstler fertigen "real time graphics" an, die den Vortrag illustrieren - so weit der Plan. Ich bekomme einen Zettel mit dem geplanten Ablauf in die Hand gedrückt, finde meinen Namen an zwei Tagen. Alles Weitere soll ich mit Evgeny besprechen ... Natürlich kommt alles anders, als es geplant war. Aber das, denke ich, haben wirkliche Anfänge so an sich. (Alfred Goubran, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.07.2009)

Vom 3. bis 7. Juni präsentierte der Moscow Poetry Club (kuratiert von Daniel Birnbaum und Evgeny Bunimovich) im Rahmen der Biennale in den Giardini "poetic performances" von 26 russischen, italienischen, griechischen, zypriotischen und amerikanischen Dichtern. Alfred Goubran war der einzige deutschsprachige Vertreter.

Link:
http://en.safmuseum.org/news/id182.html

  • Venedig, Juni 2009: Natürlich kommt alles ganz anders, als es geplant war: Andrey Rodinov (vorn) und Alfred Goubran.
    foto: beatrix sunkovsky

    Venedig, Juni 2009: Natürlich kommt alles ganz anders, als es geplant war: Andrey Rodinov (vorn) und Alfred Goubran.

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