"Ich kenne diese Zustände alle"

3. Juli 2009, 18:21
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Der Büchner-Preis-Träger über fehlende Anerkennung, den idealen Leser, scharfe Kritiker und das Vertrauen ins Unbewusste

Der Standard: In Ihrem jüngsten Roman "Der Fliegenpalast" sehen wir den berühmten Hugo von Hofmannsthal in einer fatalen Lage für einen Schriftsteller. Er bringt keinen vernünftigen Satz mehr zustande.

Kappacher: Das betrifft speziell das Stück Timon, das im 2. Jahrhundert nach Christus angesiedelt ist. Es fiel ihm besonders schwer, Figuren lebendig zu machen, miteinander reden zu lassen. Um dieses Stück ging es ihm in erster Linie, als er sich nach Bad Fusch zurückgezogen hatte. Er schrieb auch am Drama Der Turm, aber das war fast fertig. Er war nicht völlig schreibunfähig. Aber etwas Seltsames ist geschehen, von dem ich vorher nichts gewusst habe. Es bestand eine Dreierfreundschaft zwischen Rudolf Borchardt, Rudolf Alexander Schröder und Hofmannsthal. Schröder soll zu der Zeit, als sich Hofmannsthal in Bad Fusch aufhielt, in unmittelbarer Nähe auf Schloss Fischhorn bei Bruck gesessen sein. Sie haben sich nicht gesehen. Der Gedanke ist merkwürdig. Wahrscheinlich hätte sich Hofmannsthal geweigert, Schröder zu sehen, weil ihn das abgelenkt hätte.

Der Standard: Woher kommt Ihre Hofmannsthal-Faszination?

Kappacher: Von der Schauspielschule. Dort gab es eine riesige Bibliothek, dort habe ich erst richtig zu lesen begonnen. Als Kind habe ich auch viel gelesen, aber in meiner Motorradmechaniker-Zeit las ich hauptsächlich Motor-Zeitschriften. Ich stieß auf ein Bändchen aus der Insel-Bücherei, Der Tod des Tizian und war davon fasziniert. Das ist ein Jugendstildrama, ist Fragment geblieben. Er hat dann für die Matura büffeln müssen und ist nie mehr in diesen Text reingekommen. Ich habe auch sehr früh den Andreas-Roman gelesen ...

Der Standard: ... auch ein Fragment.

Kappacher: Ja. Die Notizen sind fünf Mal so umfangreich wie der Roman. Hofmannsthal hat seinen Text zu Tode exzerpiert. Er hat unzählige Notizen gemacht, Varianten geschrieben. Ich hab mir das angeschaut. Wenn man das sieht, weiß man, dass daraus nichts werden kann. Er hätte alles wegschmeißen müssen. Meine Hofmannsthal-Faszination war früh vorhanden, verlor sich aber wieder. Meine literarischen Götter waren dann Kleist, Kafka, Beckett. Aber zurückgekommen bin ich auf Hofmannsthal immer wieder.

Der Standard: Der Roman geht über Hofmannsthal hinaus. Er erzählt eine Geschichte des Scheiterns. Ein Literatenschicksal?

Kappacher: Mein Scheitern stand auch jeden Tag neu vor der Tür. Ich habe selbst nicht mehr daran geglaubt, dass der Roman fertig wird. Ein Hofmannsthal-Roman - schrecklich. Wer interessiert sich für Hofmannsthal? Und irgendwann einmal merkte ich, dass ich ja diese Figur selbst genau so bin. Nicht immer, aber ich kenne diese Zustände alle: die Wetterfühligkeit und die Schreibblockade, die Scheu vor den Menschen und das Gegenteil, sich vollkommen allein zu fühlen, wenn niemand da ist. Als ich sah, dass das auch ein Roman über Kappacher ist, über das Älterwerden, ging es mir besser. Es geht auch um das Gefühl des Gescheitert-Seins. Das kann man ja sagen, wenn man 40 Jahre lang geschrieben hat und kaum eine Anerkennung gefunden hat.

Der Standard: Vor dem Büchner-Preis jedenfalls.

Kappacher: Die fehlende Anerkennung war eigentlich auch kein Problem. Mir war das Schreiben wichtig, das Sätze-Schreiben, zu sehen, was daraus wird. Das ist immer heikel, keiner weiß, worauf er sich einlässt. Die sich am sichersten fühlen, denen geht es wahrscheinlich später, wenn sie nach 20 Jahren wieder in ihre Texte hineinschauen, nicht so gut.

Der Standard: Sie denken also, wenn sie schreiben, an eine Öffentlichkeit?

Kappacher: Natürlich schreibe ich nicht nur für mich. Aber Öffentlichkeit ist zweitrangig. Wenn ich allerdings das Gefühl hätte, es sei für die Katz, dass ich mich jahrelang plage, hätte ich den Roman wohl abgebrochen.

Der Standard: Wer ist die oberste Instanz, die über das Gelingen entscheidet? Sie selbst, der Verlag?

Kappacher: In erster Linie sind es die Selbstzweifel, die mitschreiben. Der Verlag hat immer alles genommen, was ich angeboten habe, ob es gut war oder schlecht. In dieser Hinsicht hatte ich nie Angst. Ich hatte eher Angst, dass sie im Verlag nicht kompetent genug sind, um festzustellen, ob das etwas taugt oder nicht. Ist es gut für den Autor, wenn etwas erscheint? Das beschäftigte mich schon.

Der Standard: Welche Rolle spielt der Leser?

Kappacher: An die Zahl der Leser habe ich nie gedacht. Ich habe ohnehin kaum jemals mehr als tausend Leser erreicht. Von Ein Amateur sind wohl nicht mehr als 500 Stück verkauft worden. Aber wenn man sich anschaut, wie viel 500 Leute sind, ist das eine ganz schöne Menge. Die haben gelesen, woran ich gearbeitet habe. 50.000 oder 100.000 kann man sich nicht mehr vorstellen. Das hat mit der Qualität einer Arbeit auch nichts mehr zu tun. Bei Kehlmann wird kein Mensch erklären können, wie sein Buch zu dieser gewaltigen Auflage kommt. Das ist irrational.

Der Standard: Haben Sie einen idealen Leser im Kopf?

Kappacher: Ich habe einen Freund, von dem ich hoffe, dass es ihm gefällt. Wenn das zutrifft, weiß ich, dass ich weitermachen kann.

Der Standard: Er verfolgt das work in progress?

Kappacher: Wenn ich 150 Seiten habe und nicht weiß, was ich machen soll, bin ich froh, wenn er bereit ist, mein Manuskript zu lesen. Oft kommt das nicht vor. So viele Bücher habe ich ja nicht. Früher war immer Gerhard Amanshauser mein erster kritischer Leser. Er war einer der Schärfsten überhaupt. Einmal, als er schon etwas getrunken hatte, hat er mir erzählt, wie viele Autoren zu ihm hinaufdefiliert sind, von Thomas Bernhard angefangen. Sie sind alle weggeblieben, nachdem er seine Kritik abgegeben hatte.

Der Standard: Sie sind geblieben?

Kappacher: Ich bin geblieben, weil ich dachte, etwas Besseres kann mir nicht passieren.

Der Standard: Haben Sie seine Arbeiten auch im Vorfeld kritisiert?

Kappacher: Ja, zwei Sachen. Er hat ja zuletzt nur noch Essays und Aufzeichnungen gemacht.

Der Standard: Sie sagen, Sie schreiben seit 40 Jahren. Was verändert sich über einen derart langen Zeitraum beim Schreiben?

Kappacher: Die ersten 20 Jahre hatte ich noch einen Beruf. Ich konnte nur nebenbei schreiben, das war noch nicht sehr professionell. Später habe ich mir allerdings gedacht, dass ich als freier Schriftsteller auch nicht mehr schreibe als vorher. Ich habe immer mehrere Fassungen, korrigiere und streiche. Ein Viertel fällt immer weg. Jeder Satz, der mir das Gefühl gibt, dass er überflüssig ist, wird gestrichen. Dann muss der Text liegen bleiben, nach Möglichkeit zwei Monate, damit ich einen neuen Blick darauf werfen kann. Schreiben dauert unendlich lange, bis ich denke, ich könnte es herzeigen.

Der Standard: Wie fertig ist ein Buch im Kopf, bevor Sie damit anfangen?

Kappacher: Es ist völlig offen. Ich muss gehen, tagträumend entwerfe ich Konstellationen, Figuren. Am nächsten Tag ist das vergessen, die Notizen schaue ich mir nie mehr an. Aber die Gedanken sind im Kopf, und wenn sie stark genug sind, werden sie sich ihren Weg aufs Papier suchen. So stark wie bei Der Fliegenpalast war es noch nie. Ich habe mir immer gewünscht, wie Hermann Broch geschrieben hat, "die dunkle Kahnfahrt im Unbewussten" aufzunehmen. Oder wie Kafka: dieses unbedingte Vertrauen ins Unbewusste, dass etwas kommt. Ich steh um sechs auf, damit ich um neun so weit bin, dass ich schreiben kann. Aber dieses Vertrauen hab ich dann nicht. Ich mache mir Notizen oder Skizzen - man sucht sich so zu helfen. Aber diesmal war das Wunderbare, dass das Vertrauen meist da war und dass es ohne größere Widerstände abgelaufen ist. Wenn ich zurückgeblättert habe, um zu lesen, was die letzten Tage entstanden ist, konnte ich mir nicht vorstellen, wie das gegangen ist.

(Anton Thuswaldner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.07.2009)

 

 

 

 

Zur Person:
Walter Kappacher, geb. 1938, war u.a. Motorradmechaniker. Seit 1978 lebt er als freier Schriftsteller in Salzburg. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Der Fliegenpalast" . 2009 erhielt er den Georg-Büchner-Preis.

Hinweis:
Er liest am 30. Juli bei den O-Tönen im MQ.

Link:
www.o-toene.at

  • Walter Kappacher: "In erster Linie sind es die Selbstzweifel, die mitschreiben."
    foto: lukas beck

    Walter Kappacher: "In erster Linie sind es die Selbstzweifel, die mitschreiben."

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