Das Schicksal von Arigona Zogaj hat das Land ebenso gespalten und vorhandene Gräben aufgezeigt wie vorher Jörg Haider - Von Franzobel
Ein Märchen über den Zustand Österreichs.
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- Sind wir voll?
- Ja, mit Löchern sind wir voll.
Passagier und Stewardessin einem AUA-Flugzeug
Der Wind, der Wind, das himmlische Kind. Jetzt ist es auch schon wieder eine Weile her, dass der Kärntner Landeshauptmann mit 1,8 Promille im Blut und 180 km/h auf dem Tacho verunglückt ist. Sein Phaeton drehte und überschlug sich; mir der Hoden, was sich Torsion nennt, so dass mir am Tag von Jörg Haiders Unfall mein Nebenhoden entfernt wurde und böse Zungen nun behaupten, Österreich habe an diesem 11. Oktober 2008 gleich zwei rechte Eier verloren.
Bereits vor 15 Jahren hatte Jörg Haider beinahe an derselben Stelle einen damals glimpflich verlaufenen Autounfall, und auch ich hatte vor exakt 15 Jahren eine damals folgenlose Hodenverdrehung. Ein Zufall? Oder hat Jörg Haider wirklich was mit meinem rechten Hoden zu tun? Vielleicht habe ich meinen Nebenhoden für Jörg Haider geopfert - oder für ein Haider-freies Österreich? Haider, der ein charismatischer rechter Populist gewesen ist, aber mit markigen Sprüchen immer wieder das politische Klima von Österreichs Mediensuppe versalzen, seine Neigung tabuisiert hat wie ein Fußballspieler, ist also am selben Tag gestorben wie mein rechtes Ei. Sollte ich ob dieses Zusammenhangs beantragen, dass mein herausoperierter Hoden gemeinsam mit Jörg Haider bestattet wird? In einer Kapelle im Bärental?
Der Eierunfall war dramatisch, Fehldiagnose (Nierensteine) folgte auf Fehldiagnose (Adduktorenzerrung), so dass bei der Notoperation der Hoden bereits blau, nein braun geworden war und herausgenommen werden musste. Hätte man noch ein paar Tage länger zugewartet, wäre ich an einer Blutvergiftung gestorben, könnte nun Jörg Haider Gesellschaft leisten und dieses Märchen nicht mehr schreiben, das mir doch während all der diesigen Tage im Spital durch den Kopf gegeistert ist. Ein Märchen über den Zustand Österreichs, erzählt anhand des Schicksals der Arigona Zogaj, einer 16-jährigen Asylbewerberin, deren Schicksal das Land ebenso gespalten und vorhandene Gräben aufgezeigt hat wie Jörg Haider. Ein Märchen über das Erwachsenwerden eines alleingelassenen Mädchens inmitten einer verrohten, degenerierten Gesellschaft. Ein Märchen über ein Mädchen, das klein und dünn ist, Geschwister und Eltern verloren hat, aber eine wilde kindliche Fantasie hat, von ihrem Instinkt gerettet wird und nun in einem Schloss lebt.
Das Leben hängt an einem dünnen Faden, und man muss ewig dankbar dafür sein. Wenn man in einem Spital zwischen all den Krebspatienten, Unfallopfern und ärztlichen Kunstfehlern liegt, scheint es überhaupt wie ein Wunder, dass man halbwegs unbeschwert existiert. Liegt man im Spital, dreht sich plötzlich alles nur noch um Krankheit und Sterben. Die Ärzte sind Verwaltungsbeamte des Existierens und Vollzugsbeamte des Krepierens. Es ist sehr befremdlich, wie nüchtern und pragmatisch da über Schicksale geredet wird.
Nach dem Aufwachen aus der Narkose ist mir das Leben übrigens wie ein fliegender Felsbrocken erschienen, ein großes, schwebendes Massiv, auf dem jemand ein beschauliches Kabäuschen errichtet und in dem man es sich häuslich eingerichtet hat. Eine Vision war das, die ausgesehen hat wie ein Bild von René Magritte.
Das unaufgeklärte, sich von seiner braunen Vergangenheit nie wirklich distanziert habende Österreich ist mittlerweile dabei, Jörg Haider - der noch kurz vor seinem Ableben mit einem breiten Grinsen im Maul die Wörter "Endziel" und "Sonderanstalten" in Zusammenhang mit der Asylantenfrage gebrauchte, mutmaßlich kriminelle Asylbewerber und ihre Angehörigen auf der Kärntner Saualm (Gemeinde Griffen) einsperren wollte - seligzusprechen. Kritik an ihm oder gar Satire sind striktest untersagt. So hat die Kärntner Landesregierung (sic!) am 18.November 2008 eine Resolution gegen Auftritte der Kabarettisten Dirk Stermann und Christoph Grissemann beschlossen. Warum? Weil sie landesfeindliche Parolen oder einen Aufruf zur öffentlichen Unzucht verbreiteten? Nein, die beiden hatten bloß die staatsgetragene Erstarrung der Kärntner bei Haiders Begräbnis auf ihr ironisches Schäuflein genommen.
Arigona Zogaj dagegen geht in eine weiterbildende Schule in Linz. Der Antrag auf Schülervisa für ihre beiden jüngeren Geschwister wurde im Herbst 2008 abgewiesen. Ihre Mutter ist psychisch krank, schwer depressiv, der Vater im Kosovo untergetaucht. Und doch ist dieses kleine, aber hübsche Mädchen Projektionsfläche für ein ganzes Land, für Politiker, die um nichts schlechter sind als die Menschen, die sie ermöglichen, für Leute, die Sprüche wie "Lieber Gott, schütze mich und meine Brut, zünd 's Haus vom Nachbarn an, dann geht's uns gut" leben. Was mit meinem toten Hoden passiert ist, weiß ich nicht. Eine Bestattung im Bärental ist aber unwahrscheinlich. Vielleicht wird er ja pulverisiert und irgendwo als Potenzmittel verkauft? Oder kommt er in die Kärntner Würst'? In einen heiligen Gral?
Spieglein, Spieglein an der Wand Wie ich da im Spital zwischen einem Serben und einem Österreicher, zwischen Prostatakrebs und Nierentumor gelegen bin, dachte ich, die ganze Welt ist Scheiße. Hässlich kam mir alles vor, speziell die Menschen - auch die schönen. Als stünde allen ihre zukünftige Krankheit ins Gesicht geschrieben, ihr Ringen mit dem Tod. Der Tod ist Scheiße. Alles, was ist, war irgendwann mal Scheiße - und wird irgendwann mal Scheiße werden. Täglich produzieren sieben Milliarden Menschen einen unglaublichen Haufen Scheiße, eine Million Tonnen oder mehr - und das seit tausenden von Jahren. In Österreich scheißen neben den Ratten, Vögeln, Würmern usw. auch noch hunderttausende Hunde, die die Menschen aus Mitleid von ihren Urlaubsdestinationen mitgebracht haben, hunderttausende fremdländische Köter, die mithelfen, Österreich zuzuscheißen. Österreich versinkt in einem gigantischen Milchbreiberg aus Kot. Alles, was ist, war irgendwann mal Scheiße - und wird irgendwann mal Scheiße werden. Scheiße. Sogar die Freundlichkeit ist eine Scheißfreundlichkeit.
Regiert wird Österreich von Sektionschefs, Hofräten, Primarärzten und Provinzkaisern. Von Managern, deren Gehälter tausende Flüchtlinge ernähren würden, von Zeitungsherausgebern, die mithelfen, das Land zuzuscheißen. Dabei gibt es in diesem Land gar keine Zeitungen, nur U-Bahn-Blätter. Dafür gibt es Grafen und Barone.
Der Baron, von dem hier die Rede ist und den ich lange vor meiner Operation getroffen habe, gehört zu den Geistesmenschen, zu den musisch Veranlagten. Das Wort "Scheiße" kommt ihm nicht über die Lippen, obwohl auch er spürt, dass Österreich verschissen wird, verschissen von unfähigen Politikern, machtgeilen Kretins, von Leuten, die ihr ganzes Leben lang nur Geld verdienen wollten - und die daher auch nichts anderes verdient haben. Verschissen von einem Bundeskanzler, der José Manuel Barroso, den Präsidenten der EU-Kommission, mit Barolo ansprach, verschissen von Leuten, die Lump sagten und Hump oder Dump gemeint haben wollen, verschissen von kleinen Arschlöchern.
Der Baron, dem das Wort "Scheiße" nicht über die Lippen kommt, ist anders, etwas verschroben, eine literarische Figur, hat ein Faible für Unfiguren, ist ein kundiger Musikliebhaber, liebt den Musikverein, die Oper, schwärmt von Gustav Mahler und Carlos Kleiber, mit dem es sich Österreich erst recht verschissen hat.
Während Herbert von Karajan abgefeiert wird, ist der widerspenstige, zeitweise in Argentinien beheimatete Wahlslowene Carlos Kleiber eine Unfigur. Da kann er noch so ein Genie am Dirigentenpult gewesen sein. Eine weitere Unfigur ist Arigona Zogaj, ein Spielball der Politik, eine Frankenburger Jungfrau von Orleans, doch davon später.
Noch liege ich im Spital, erfahre, dass man in Haiders Wagen das Antidepressivum Sunny Soul, das sich wie Sanostol anhört, gefunden hat, und träume, dass Grölaz (Größter Landeshauptmann aller Zeiten) Haider Schutzheiliger in Kärnten wird und Plastikschlüsselanhänger mit seinem Bild angefertigt werden, auf denen "Gute Fahrt" steht. Im Fernsehen sieht man Bilder seines zerbeulten Autos, im Hintergrund ein Haus, auf dem EROS steht - es sind die sichtbaren Buchstaben von SKISPORT GEROS. Sein Lebensmensch weint öffentlich, und sein Stellvertreter sagt: "Heute Nacht ist in Kärnten die Sonne vom Himmel gefallen."
Und ich denke in der sterilen Krankenhausatmosphäre, wo meinem serbischen Bettnachbarn Schläuche aus dem Leib gezogen und Drainagebeutel gewechselt werden, an die vergeistigte Wiener Innenstadtwohnung des Barons, die bis oben voll mit Büchern ist. An den Wänden hängen Partituren, alte Theaterzettel und Scherenschnittkarikaturen berühmter Dirigenten. Auf den antiquierten Möbeln stehen Büsten von Beethoven und Schubert. Im Vorzimmer ein Originalbrief Adalbert Stifters, worin dieser in kleiner, gedrungener Schrift - ein Kontrapunkt zu seiner ausufernden, sonst nur mit Essen und Scheißen beschäftig-ten Leibesfülle - auf seine Erzählung Nachkommenschaften Bezug nimmt. Roderer, der Protagonist dieser Geschichte, ein Maler, der seine Bilder nicht herzeigen will und letztlich vernichtet, war ein direkter Vorfahre des Barons, wie der ebenfalls Roderer heißende Brauerei- und Gutsbesitzer der Erzählung.
Der Baron, der von diesen beiden literarisierten Roderers abstammt, sitzt, wie es sich in Wien gehört, jeden Vormittag in einem Kaffeehaus, an dem die Zeit seit hundert Jahren unbemerkt vorübergegangen ist, liest die Salzburger Nachrichten und die Süddeutsche, isst ein mit Schnittlauch bestreutes Butterbrot und trinkt, obwohl er einer Bierdynastie entstammt, Mineralwasser. Damit kennt er sich aus, weiß Römerquelle von Vöslauer zu unterscheiden, Perrier von Radenska, Sylt-Quelle von Gerolsteiner, Tafelwasser von Quellwasser.
Ehre, wem Ehre gebührt
En passant mustert er die Gäste. Den musikalisch begabten ehemaligen Verteidigungsminister mit dem schönen nestroyschen Namen Friedhelm Frischenschlager, genannt Frischi, der 1985 den in Italien freigelassenen NS-Kriegsverbrecher Walter Reder am Grazer Flughafen per Handschlag begrüßte. Die zuweilen rabiate Dichterin und den Malerfürsten mit den verstümmelten Händen, der mir einmal erzählt hat, wie sehr er Peter Handke verabscheut, weil er so schreibt wie jemand, dem der Deutschlehrer gesagt hat, dass er Schriftsteller werden muss. Und kam nicht wirklich eines Tages Peter Handkes Deutschlehrer mit einem Stapel Schularbeitshefte in die Klasse und verkündete: "Ein Genie! Unter euch ist ein Genie!" Für Anton Lehmden, den Maler mit den verstümmelten Händen, war aber nicht Peter Handke das Genie, sondern Udo Proksch, dieses Unikum, das die ganze Zweite Republik aufgemischt und ad absurdum geführt hat. Um die österreichische Titelsucht lächerlich zu machen, all die Diplomingenieure, Diplomlandwirte und Diplomkaufleute zu blamieren, die das freilich nicht einmal kapiert haben, nannte sich dieser selbsternannte Brillendesigner, Erfinder der Senkrechtbestattung, Waffennarr und Cafetier "Diplom-Schweinehirt Udo Proksch" .
Eine ähnliche Aktion hat jüngst Stefan Weber, der Sänger und Kopf der Ulkrockgruppe Drahdiwaberl, geliefert. Bei der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens der Republik - oder war es das Silberne, oder nur ein Verdienstzeichen des Landes Wien, oder die Ehrennadel von Grinzing? - ja, es gibt in Österreich einen eigens für die Ordensvergabe zuständigen Sektionschef. Jedenfalls hat Stefan Weber bei dieser Ehrung all die Laudationes ertragen und sich dann durch den Prunksaal zum Rednerpult gewunden, wo aber keine Dankesworte aus ihm herauskamen, sondern ein kleiner, aber umso persönlicherer Schwall. Wörter? Nein, ein extra für diesen Anlass verfertigter und wohl stundenlang im Mund gekauter Speiberling. Er hat der Veranstaltung etwas gekotzt. Ehre, wem Ehre gebührt.
Es wird nirgendwo so viel erbrochen wie in Wien. Wenn man morgens durch die Straßen schlendert, merkt man, was da nächtens alles hochgekommen ist. Und inmitten dieser leicht blasierten, immer zum Erbrechen und Raunzen aufgelegten Wiener Gesellschaft, der nicht nur Udo Proksch, sondern auch das Korrektiv eines Thomas Bernhard fehlte, saß nun in meiner spitalstrüben Erinnerung der Baron, der Geistesmensch, Musikfanatiker, bei dem ich immer an den Satz "So bin ich unversehens ein Landschaftsmaler geworden" denken muss, womit Stifters Erzählung Nachkommenschaften anhebt, bevor sie sich zu einer famosen Prosastelle hochwuchtet: "Wenn man in eine Sammlung neuer Bilder gerät, welch eine Menge von Landschaften gibt es da; wenn man in eine Gemäldeausstellung geht, welch eine noch größere Menge von Landschaften trifft man da an, und wenn man alle Landschaften, welche von allen Landschaftsmalern unserer Zeit gemalt werden, von solchen Landschaftsmalern, die ihre Bilder verkaufen wollen, und von solchen, die ihre Bilder nicht verkaufen wollen, ausstellte, welch allergrößte Menge von Landschaften würde man da finden!"
Der Baron war kein Landschaftsmaler geworden, sondern ein guter Mensch, wovon es sicher weniger gibt als Landschaftsbilder. Er sagte aber nicht: "So bin ich unversehens ein guter Mensch geworden - und kein Landschaftsmaler" , sondern: "Heute sehe ich etwas ramponiert aus, weil ich erst um halb zwei in der Nacht heimgekommen bin." Einen Slalomlauf durch die Haufen des Erbrochenen stellte ich mir vor. Aber davon würde der Baron nicht sprechen. Stattdessen erzählte er, dass er tags zuvor auf einem Stehplatz im Musikverein gestanden war und Gustav Mahlers Sinfonie Nummer drei gelauscht hatte, einem seiner Lieblingsstücke. Er sagte auch, dass er nicht hätte hingehen sollen, weil seine Nase gelaufen sei, was wegen der dauernden Schnäuzerei und der indignierten Blicke der Umstehenden höchst unangenehm gewesen sei. Und noch weniger hätte er nachher mit einem befreundeten Musiker ins "Smutny" gehen dürfen, wo es nicht nur frisch gezapftes Budweiser gibt, sondern, wie ich ihm sagte, auch der Kärntner Abwehrkämpferbund sich zu seinen Jahreshauptversammlungen trifft.
Damals, als ich ihm das erzählte, lebte Jörg Haider noch. Der Baron rieb sich verwundert die Augen. Ich sei Mitglied im Kärntner Abwehrkämpferbund? Ja, aber undercover wie der Wolf im Großmutterkostüm. Und nicht aus Überzeugung, sondern aus Interesse habe ich mich vor mehr als zehn Jahren wie weiland Thomas Bernhard bei der Landwirtschaftskammer diesem beliebten Verein eingeschrieben, der Kärnten aber nicht vor dem aus Griffen stammenden Peter Handke verteidigt, oder Peter Handke vor seiner Serbenliebe, die Serben vor der Welt, Karajan vor Kleiber oder den Carinthischen Sommer vor Stermann/Grissemann, sondern das deutsche Kärnten vor den Slowenen, die, wenn man den absurd-abstrusen Paro-len dieses Abwehrkämpferbundes glauben will, nur darauf warten, Kärnten in einem Handstreich einzunehmen, um es einem Großslowenien einzuverleiben. Bis es so weit ist, betreiben sie, die Slowenen, mit zweisprachigen Ortstafeln, Schulen und Kindergärten eine schleichende Slowenisierung, um das germanische Kärnten mit Panslawismus zu durchsetzen. Für den Abwehrkämpferbund, dem ein Gutteil der Kärntner Bevölkerung angehört, war sogar Jörg Haider ein Linksliberaler - auch wenn er Asylantenheime in Sonderanstalten umbenannte oder Ortstafeln versetzte, um ihre vom Verfassungsgerichtshof beschlossene Zweisprachigkeit zu verhindern.
Der Baron erzählte damals von einer Parlamentssitzung, die er eben im Fernsehen gesehen hatte, von einem Misstrauensantrag gegen die Justizministerin und vom kaugummikauenden Präsidenten des Bauernbundes. Er selbst, der Baron, habe auch eine Affinität zu Kaugummis - aber im Parlament? Das sei gefälligst zu unterlassen. Oder wolle sich der Obmann des Bauernbundes mit dieser Kaugummikauerei bei den ihm unterstellten Kühen anbiedern? "Das Kind könnte man verlieren." Der Baron verzog das Gesicht, stand auf und stopfte sich sein weißes, nicht mehr ganz sauberes Hemd in die blassgrüne Leinenhose. Aber deshalb hatte er mich nicht bestellt.
Der Baron habe seine Gründe
Warum mich dieser feinsinnige, irgendwie an Wittgensteins Neffen Paul erinnernde, leicht schlampig gekleidete Geistesmensch zum Frühstück geladen hatte? Nicht, um mir von Mahlers Sinfonie Nummer drei zu erzählen, von den neuesten Publikationen über Carlos Kleiber oder vom kaugummikauenden Bauernbundpräsidenten, sondern wegen eines Buchs, das er mir vor Monaten geborgt oder nahezu aufgedrängt hatte. Unternehmen Bernhard von Walter Hagen. Dieser Name steht hier weder für den deutschen Piloten noch für einen amerikanischen Golfprofi, sondern ist ein Pseudonym für Wilhelm Höttl, der eine typisch österreichische, höchst dubiose Karriere gemacht hat, es sich mit keinem verschissen, sich in jedem System gut eingerichtet und nach dem Krieg eine Schule im Ausseer Land gegründet hat, an der, so heißt es, die faulen Söhne und Töchter der besser situierten Wiener Matura machen konnten. André Heller und Niki Lauda sollen dabei gewesen sein.
Da der Film Die Fälscher, der das Unternehmen Bernhard thematisierte, eben in Hollywood den Auslandsoscar bekommen hatte, wollte der Baron das Buch zurück, trafen wir uns in besagtem Café in der Wiener Innenstadt, saßen zwischen Frischenschlager, der Dichterin und Lehmden, aß er sein obligates Schnittlauchbrot, trank ich grünen Tee und sprachen wir über Mozarts Linzer Sinfonie, über argentinische Steaks, Berlusconi, der, wenn er so weitermache, bald alle Nichtnorditaliener zu Rumänen erklären würde, zu Retrorumänen, und über den österreichischen Innenminister, der den sinnigen Namen Platter trug und wegen seiner sturköpfigen Tiroler Art dem Baron besonders an die Nieren ging. "Und darüber bin ich unversehens ein Gutmensch geworden", lächelte er und erzählte, dass er neuerdings in seinem Schloss in Frankenburg die 16-jährige Arigona Zogaj und ihre Mutter Nurie beherberge.
Ob dieses Schloss Frein in Frankenburg mit dem Gut des Peter Roderer in Stifters Nachkommenschaften identisch ist? Ja, wenn ich meiner Stifter-Ausgabe glauben darf, worin es heißt: "Eine sachliche Anregung fand Stifter in dem Ort Frankenburg, den er, nach einer Dienstanweisung vom 12.Dezember 1859, in seiner amtlichen Eigenschaft als Schulrat inspizierte. Franz Schaup (1796 bis 1871) hatte dort eine Kleinkinderbewahranstalt und eine Mädchenschule begründet sowie in Zipf die Brauerei und das Moorbad erworben."
Es ist jedenfalls wenig Schloss und viel Bruchbude, wie sich der Baron ausdrückte, kalt, baufällig und ohne Schlossherrenlebensgefühl à la Schlosshotel Orth. Er erzählte auch von der feindseligen Stimmung, die seither überall zu spüren war, von den, wie er sagte, Hyänen. Die Menschen waren ihm nämlich keineswegs dankbar dafür, dass er armen, vom Schicksal gebeutelten Menschen wie den Zogajs Unterschlupf gewährte, im Gegenteil, sie fluchten und waren verärgert darüber, dass sich mit dem Pfarrer in Ungenach nun auch eine zweite Autoritätsperson für diese Arigona einsetzte.
Um ihm Anteilnahme auszudrücken, legte man ihm tote Katzen vor die Tür, bekam er von einem Tankwart, dessen Kunde er zwanzig Jahre lang gewesen war, kein Benzin mehr. Außerdem kursierten Gerüchte im Ort, Arigona habe gestohlen, ein behindertes Mädchen gemobbt, in der Schule eine Putzfrau angespuckt, sie und ihre Mutter dürften in den Geschäften von Frankenburg und Umgebung nicht mehr einkaufen; ihr Vater habe schon im Kosovo einen Sattelschlepper gestohlen, mit dem Verkaufserlös seine Familie nach Österreich geschleust, ihr Bruder sei in eine Messerstecherei verwickelt gewesen, vorbestraft. Es hieß auch, der Baron habe wohl seine Gründe, das hübsche Mädchen - die wachsen nicht im Schrebergarten - bei sich aufzunehmen. Eine Affäre dichtete man ihm an, wie man es zuvor schon mit dem Pfarrer Josef Friedl gemacht hatte, der Arigona und ihre Mutter mehrere Monate lang im Pfarrhof Ungenach beherbergt hatte.
Damals standen Sprüche wie "Pfarrer Friedl Arigona schwanger" auf Kuhställen und der Straße, wozu die Polizei nur mitteilte, dass sie nichts dagegen tun könne. Eine Spurensicherung wurde verweigert. Auch das gehört zu den Ungeheuerlichkeiten dieses Landes. Land der Zwerge, Land der Keller, Land der Knödel mit Saft, Land der Teller, Land der großen Frauen...versteher. (...) (Franzobel, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.07.2009)
Das ist der Anfang von Franzobels Essay "Der Fall Arigona Zogaj".
Die vollständige Fassung erscheint am 27. Juli in seinem neuen Buch
"Österreich ist schön. Ein Märchen" im Paul-Zsolnay-Verlag.
Hinweis:
Franzobel liest am 13. August bei den O-Tönen im Wiener MQ.
Link:
www.o-toene.at