Steckenbleiben als Chance

3. Juli 2009, 15:34
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Die Kraft des positiven Denkens

Das Leben ist ein ewiges Hin und Her. Und ein ewiges Auf und Ab, vor allem dann, wenn man mit dem Aufzug unterwegs ist. Zur Ruhe kommt man nur, wenn man steckenbleibt. Mir ist das heuer schon zweimal widerfahren: Das erste Mal blieb ich mit drei Kollegen nach dem Mittagessen im kleinen Standard-Lift (Grundfläche: 1,5 Quadratmeter) stecken. Nicht das Wahre für klaustrophobische Naturen, aber für einen intensiven zwischenmenschlichen Schwingungsaustausch nach Tisch gibt es nichts Besseres.

Der zweite Vorfall war ein Solo-steckenbleiber in meinem Wohnhaus am Samstag. Stahltür klappt zu, Tür-auf-Knopf verweigert den Dienst, rote Lichtanzeige glotzt mich hämisch-unbeteiligt an. Jetzt nicht panisch werden, jetzt schnell um Beistand rufen. Nach dem Druck auf den Hilfeknopf meldet sich die auf sogenannte "Wochenendbefreiungen" spezialisierte Firma Liftcare, teilt mir mit, dass sie mich binnen zwanzig Minuten befreien werde, und tut dies auch, mit einer nur unwesentlichen Verspätung.

Großartig. Es gibt also den Berufsstand professioneller Wochenendbefreier, der sich um die armen Tschapperln kümmert, die samstags und sonntags in Aufzügen schmachten. Ich ziehe meinen Hut vor diesem Gewerbe, das gewiss auch eine Steckenbleibstatistik führt, mit Infos über österreichische Steckenbleibfrequenzen, Steckenbleibdauern und Steckenbleibepizentren.

Über das Steckenbleiben wird in den Medien leider zu wenig berichtet, wohl auch weil das Sozialprestige des Steckenbleibens gering ist. Dabei ließen sich aus diesem Thema psychologisch hochinteressante Fragen gewinnen, etwa die, mit wem man lieber in einem Aufzug steckenbliebe: Werner Faymann oder Josef Pröll? Fritz Neugebauer oder Gisele Bündchen? Helmut Frodl oder Maria Fekter? Sage mir, mit wem du steckenbleiben willst, und ich sage dir, wer du bist.

Last, but not least ist jedes Steckenbleiben immer auch eine Ermunterung zum positiven Denken, gleichgültig, ob man in einer vertikalen oder horizontalen Bewegung eingebremst wird. In diesen Momenten des Innehaltens stößt man auf die wirklich relevanten Fragen des Lebens: Muss es immer nach oben gehen? Ist das ständige Hin und Her nötig? Dazu klafft in der Ratgeberliteratur eine unverständliche Lücke. Wir warten auf Bücher wie: Das Zen des Steckenbleibens. Steckenbleiben und Loslassen. Und natürlich: Steckenbleiben als Chance. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.07.2009)

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    foto: cremer
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