"Kompromisse: So wenig wie möglich"

3. Juli 2009, 17:33
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Raiffeisen-Chef Christian Konrad: Warum er Menschen belei­digt, ihm das Kreuz weh tut und Raiffeisen im Osten nicht gierig war

Raiffeisen-Chef Christian Konrad ist in der politischen Onkelfrage – Erwin Pröll Präsident oder Josef P. Kanzler – alles recht. Warum er Menschen bewusst beleidigt, Raiffeisen im Osten nicht gierig war und die Ursache seines Kreuzwehs (Gutes-Tun) verriet er Renate Graber.

Konrad: (zur Fotografin) Ich sitze immer auf diesem Sessel, der ist Bandscheiben-freundlich. Ja, in meinem Alter ist das wichtig. Wobei, manche jüngere Kollegen haben schon neue Knie.

STANDARD: Weil sie so oft knien kommen müssen?

Konrad: Weil sie kaputte Knie haben. Auch Andreas Maurer hat neue Knie, er ist aber fast 90 und hüpft wieder wie ein 17-Jähriger.

STANDARD: Beim Wechsel Landeshauptmann Maurer zu Siegfried Ludwig in Niederösterreich 1981 wurden Sie gefragt, in die Politik zu gehen. Was wären Sie heute?

Konrad: Darüber denke ich nicht nach.

STANDARD: Tun Sie's doch, bitte.

Konrad: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mein Leben in der Politik verbracht hätte. Ich wäre sicher wieder in die Wirtschaft zurück gegegangen.

STANDARD: Warum?

Konrad: In der Politik muss man oft Kompromisse schließen. Das ist nicht meine Stärke. In der Politik kann man nicht so leben, wie man leben möchte, das ist auch nicht meine Stärke. Der ständige Druck aus der Öffentlichkeit, in die Öffentlichkeit – nichts für mich.

STANDARD: Sie haben Ihr gesamtes Berufsleben bei Raiffeisen verbracht, ab 1969 immer für Raiffeisen gearbeitet. Wollte Sie je jemand abwerben?

Konrad: Nein, ist keiner auf die Idee gekommen, ich hatte nie ein Angebot. Ich habe aber auch nie daran gedacht, wegzugehen.

STANDARD: Sie waren vorhin bei Ihren Stärken. Was ist denn Ihre Stärke?

Konrad: Mit Leuten umgehen, sie durch Dick und Dünn tragen, klare Entscheidungen treffen. Kompromisse: so wenig wie möglich.

STANDARD: Ich will ein wenig über Werte und Krise reden mit Ihnen...

Konrad: Na, das wundert mich aber.

STANDARD: Ihr Schreibtisch ist wie immer leer, aber das Foto Ihrer Enkel steht da. Wie wichtig ist Familie?

Konrad: Mir ist Familie sehr wichtig. Sehr, sehr, sehr. Und ich freu mich so, dass meine wächst, wir haben bald vier Enkelkinder.Familie ist der wichtigste Rückhalt, der wichtigtste Hort, berufliches und Freundesumfeld kann sehr schnell vergehen, Familie bleibt.

STANDARD: Obwohl Sie daheim keine Macht haben, wie Sie sagen?

Konrad: Ja, da habe ich aber auch keine Sorge, dass mir Übel getan werden könnte. Ich werde allerdings noch immer erzogen in der Familie, was Ernährungsdisziplin betrifft, Essen und Trinken halt.

STANDARD: Ihr Lieblingsaufsichtsratsposten ist der bei Do&Co?

Konrad: Nein. Das ist ein Gerücht.

STANDARD: Sie werden im Puppentheater "Bei Faymann" von Maschek im Rabenhof mitspielen...

Konrad: Ja. Das finde ich witzig, und ich werde mir das sicher mit Freunden anschauen. Und ich weiß auch, dass Puppen-Entwerfer Gerhard Haderer in einem Interview gesagt hat, man muss wegen meiner Puppe das Format auf 16:9 erweitern. Ich finde es trotzdem witzig, Haderer ist Experte.

STANDARD: Auch in der Sozialdemokratie wird Familie immer wichtiger. Wer ist denn Ihr Lieblingsonkel, haben Sie einen?

Konrad: Ha! Nein. Aber meinen Onkel Franz, den mochte ich sehr. Er war klassischer Weinbauer an der Brünnerstraße, und er war witzig. An hohen Festtagen hat er gern gegessen und getrunken – und zwar nicht zu knapp. Ich kann diesen Lebensstil ja nur selten ausleben.

STANDARD: Wie sehen Sie denn die politische Onkelfrage? Kanzler Faymann war eine Zeitlang der Wahlsohn von Ihrem Geschäftspartner, "Krone"-Chef Dichand. Der träumt nun von Onkel Erwin Pröll als Bundespräsident und dessen Neffen Josef als Kanzler. Sie wollen das nicht.

Konrad: Das ist eine Unterstellung. Der Spätherbst reicht, um all diese Fragen zu behandeln. Erwin Pröll hat zwei Eigenschaften, die für einen Politiker wichtig sind: Er ist höchst sensibel, weil er ständig unter Leuten ist und ihnen zuhört. Und er ist ein hervorragender Politikstratege, weiß genau, was er macht. Er hat alle Zeit und Muße zuzuschauen, was da jetzt passiert.

STANDARD: Ihre Ablehnung gegen die Doppelspitze soll Ihr Verhältnis zu Erwin Pröll unterkühlt haben. Sie waren zur Aussprache bei ihm?

Konrad: Selbstverständlich reden wir miteinander. Gehen Sie davon aus, dass Erwin Pröll und ich eine tragfähige Gesprächsbasis haben.

STANDARD: Könnten Sie sich's aussuchen: Hätten Sie lieber einen Kanzler oder Präsidenten Pröll?

Konrad: Ich kann es mir nicht aussuchen. Mir ist alles recht.

STANDARD: Wie versteht sich der schwarze Konrad mit dem roten Kanzler Faymann?

Konrad: Ich dachte, Sie wollen über Werte mit mir reden.

STANDARD: Geht ja um Familie.

Konrad: Wir haben ein korrekte, intakte, freundschaftliche Basis.

STANDARD: Mit Gusenbauer waren Sie enger. Da hat der Rotwein verbunden und sein Schwiegervater war Jäger, Sie sind Landesjägermeister.

Konrad: Der Schwiegervater war auch Funktionär im Landesjagdverband. Aber Alfred Gusenbauer trinkt auch Weißwein. Wir waren ab und zu essen. Mit Faymann war ich einmal eine Kleinigkeit essen...

STANDARD: Spargel?

Konrad: Maibock.

STANDARD: Selbst geschossen?

Konrad: (seufzt) Nein. Ich komme selten zum Jagen.

STANDARD: Auf den Hirschen, dem das Geweih da an der Wand gehörte, warteten Sie drei Jahre.

Konrad: Ich habe ihn aber viel länger gekannt und beobachtet. 13köpfig, also als er 14 Jahre war, konnte ich ihn erlegen.

STANDARD: Wo war das?

Konrad: In einem Revier bei Liezen.

Standard: In wessen Jagd?

Konrad: Entschuldigung schon, aber in der Jagd gibt es Diskretion.

HENDRICH: Das ist wie beim Schwammerlsuchen.

Konrad: Danke sehr, genau. Schwammerlplätze verrät man ja auch nicht.

STANDARD: Als Schwammerlsucher kann ich Sie mir nicht vorstellen.

Konrad: Ich bin auch keiner. Aber meine Frau sucht mit großer Begeisterung Schwammerl, während ich auf der Jagd bin.

STANDARD: Ihre Frau würde Sie gern zum Golfspielen bringen?

Konrad: Ja, aber ich habe noch nicht begonnen.

STANDARD: Wann beginnen Sie?

Konrad: Diese Frage diskutiere ich mit meiner Frau, aber nicht mit Ihnen.

STANDARD: Ich wollte noch kurz zu Dichand. Er hat mit der "Krone" mehr Macht als Sie, was sagen Sie?

Konrad: Dazu werde ich gar nichts sagen. Je mehr Sie dazu fragen, desto mehr wird das zum Thema.

STANDARD: Ich bin zum Fragen da.

Konrad: Ich beobachte, dass die ganze Nation aufgeregt ist, wenn Hans Dichand über seine Träume berichtet. Das wundert mich ein wenig, mehr Gelassenheit wäre ein guter Ratgeber. Über Macht mache ich mir keine Gedanken und: Ich träume nicht.

STANDARD: Raiffeisen ist über die Mediaprint mit der "Krone" verbunden. Und mit Ihrer Verlagsgruppe rund um die Magazine News, Profil, Trend kontrollieren Sie einen großen Teil des Zeitschriftenmarktes in Österreich. Wie gefallen Ihnen die Tageszeitung-Aufmarschpläne des Styria Verlages rund um Presse und Wirtschaftsblatt gemeinsam mit der Tiroler Moser-Holding?

Konrad: Schau' ma einmal. Wir bleiben bei unserer Strategie: Marktposition der Mediaprint bei der "Krone"-Verteilung halten, das Potenzial des "Kurier" heben.

STANDARD: Der gesamte Zeitungsmarkt wird, wenn die Kartellbehörde den Deal erlaubt, dann von zwei Gruppen sehr dominiert sein. Oder sehen Sie das anders?

Konrad: Aus dem Blickwinkel des "Standard" verstehe ich das. Allenfalls wird er gut beraten sein, sich auch um einen Partner umzuschauen.

STANDARD: Der Rat wird meinen Herausgeber freuen.

Konrad: Sie haben mich gefragt.

STANDARD: Weil wir vorhin bei der Macht und der "Krone" waren: Sie streicheln, wie Dichand, lieber daheim Ihren Hund als Macht auszuüben?

Konrad: Ich habe keinen Hund.

STANDARD: Sie haben einmal gesagt: "Ich weiß, wer ich bin und was ich kann, und ich weiß, wer ich nicht bin und was ich nicht kann." Was können Sie nicht?

Konrad: Was kann ich nicht? Ich kann mich nicht verstellen, bin ein schlechter Schauspieler, kann nicht mit faulen Kompromissen leben. Und viele behaupten, ich sei viel zu oft viel zu direkt und damit grob. Das meine ich aber in den seltensten Fällen grob. Aber: Wenn ich jemanden beleidige, dann tue ich das bewusst.

STANDARD: Warum?

Konrad: Weil ich mich zuvor geärgert habe und meine, dass der Betreffende Tadel verdient.

STANDARD: Und Sie sind in der Position, Tadel austeilen zu können?

Konrad: Ich bin vor allem in einer Position, in der ich Wahrheiten sagen kann und muss. Denn wenn ich sie nicht sage, wer soll sie denn sagen, die unangenehmen Wahrheiten? Wenn ich dabei überziehe oder einen Fehler mache, entschuldige ich mich aber.

STANDARD: Was war bisher Ihr größter beruflicher Fehler? Die Übernahme der Creditanstalt 1996 haben Sie nicht geschafft; die rote Bank Austria bekam die schwarze CA.

Konrad: Ja, das hat mir leid getan, aber man wollte aus parteipolitischen Gründen nicht, dass Raiffeisen stärker werde. Alles Geschichte. Ich bedauere generell, dass wir die dezentralen Sektoren (Sparkassen, Volksbanken; Anm.) nicht zu einer Kooperation gebracht haben.

STANDARD: Bis vor kurzem wollte Raiffeisen die „Erste" erobern. Erste-Chef Treichl, die Sparkassen und Partner Städtische wehrten sich.

Konrad: Rothensteiner und ich haben mit Treichl und Schimetschek (Ex-Sparkassen-Stiftungsvorstand; Anm.) gesprochen. Es hätte einiges dafür gesprochen, die internationalen Aktivitäten der Sparkassen und unserer Organisation (Raiffeisen International RI; Anm.) stärker zu verknüpfen. Aber es kam nicht dazu, aus vielerlei Gründen.

STANDARD: Nun stecken sowieso alle Banken in der Krise, auch die RZB musste sich Staatsgeld holen, obwohl Sie vorher meinten: "Nur über mein Leiche". Sie, der doch behauptet: "Der Konrad lügt nicht".

Konrad: Bei der Leiche ging es um die Frage der Verstaatlichung, und die kam nicht. Ich bin daher nicht gestorben und brauche kein Auferweckungswunder wie Lazarus.

STANDARD: Sie glauben wirklich, die Krise wird 2010 enden?

Konrad: Mitte 2010 gehts wieder bergauf. Die Frage ist, wie weit es zuvor noch bergab geht.

STANDARD: Sie sagen auch, Manager müssten sich nur an die zehn Gebote halten und eine gute Kinderstube haben. Damit kommt ein Manager heute durch?

Konrad: Ja, gut. Fleiß und Fachwissen braucht man aber schon auch.

STANDARD: Dürfte alles ein bisschen ausgesetzt haben; Sie machen "schrankenlose Gier, bedingungslosen Glauben an ständiges Wachstum und charakterliche Defizite" für die Krise verantwortlich...

Konrad: So war es auch. Man dachte, dass man immer mehr liberalisieren muss, immer weniger Regeln braucht, dass die Leute selbst wissen, was geht und was nicht geht. Offenbar wussten sie es nicht, wir müssen es ihnen sagen.

STANDARD: ... Und bei Ihnen war alles gut, Sie haben nicht an ständiges Wachstum geglaubt? RI hat bis vor kurzem an jedem Werktag eine Filiale in Osteuropa eröffnet ...

Konrad: Weil der Bedarf da war.

STANDARD: Nun müssen Sie Kredite retten, das Geschäft zurückfahren.

Konrad: Ja. Wir müssen in unseren Kerngebieten besser aufpassen, und nach Zentralasien oder Sibirien können wir nicht expandieren. Beides gleichzeitig geht nicht.

STANDARD: Im "Falter" verrieten Sie, dass Sie in den Himmel kommen möchten. Ist die Krise die Hölle?

Konrad: Nein, die beste Zeit, Gutes zu tun.

STANDARD: Indem Sie in der Obdachlosen-Herberge "Gruft" beim Kochen und Champignon-Schnipseln helfen, so wie vorige Woche?

Konrad: Mir tut noch heute der Rücken weh. Wir tun aber mehr, nur ist der Kernpunkt beim Gutes-Tun, dass man nicht darüber redet.

STANDARD: Letzte Frage: Worum geht's im Leben?

Konrad: Darum, so zu leben, dass man Nutzen stiftet, das ist das Genossenschaftliche dabei. Und darum, zu schauen, dass die Welt größer und schöner wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.7.2009)

Zur Person

Christian Konrad (65) ist Niederösterreicher. 1969 kam der Jurist als Revisor in die Raiffeisenlandesbank NÖ Wien. Heute ist er ihr Obmann und Aufsichtsratschef der Raiffeisen Zentralbank. 1994 wurde der genussaffine Landesjägermeister erstmals zum Raiffeisen-Generalanwalt gewählt. Der verheiratete Vater zweier Töchter ist tiefschwarz und einer der Mächtigsten im Lande.

  • Christian Konrad: In der Politik muss man oft Kompromisse schließen. Das ist nicht meine Stärke. In der Politik kann man nicht so leben, wie man leben möchte, das ist auch nicht meine Stärke.
    foto: hendrich

    Christian Konrad: In der Politik muss man oft Kompromisse schließen. Das ist nicht meine Stärke. In der Politik kann man nicht so leben, wie man leben möchte, das ist auch nicht meine Stärke.

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