Abgründe der menschlichen Seele

6. Juli 2009, 10:08
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Markus Zohner passiert bei seiner Reise entlang der Bernsteinstraße das Konzentrationslager Stutthof, in dem 65.000 Menschen ermordet wurden

Von Danzig wollte ich an der Küste entlang in die russische Enklave Kaliningrad spazieren - doch dann stolperte ich, wie schon so oft auf dieser Reise durch Polen, über ein Stück Deutsch-Polnischer Geschichte, und schlug mir wieder die Seele blutig: das Konzentrationslager Stutthof, 1939 von den Nazis als Sammellager errichtet, wurde Zug um Zug zum Vernichtungslager ausgebaut. 110.000 Häftlinge wurden hier registriert, 65.000 von ihnen ermordet.

Natürlich kennen wir die Geschichte Nazideutschlands und des zweiten Weltkrieges. Aber wieder und wieder mit der Nase auf die unvorstellbare Brutalität, auf das vollkommen entmenschlichte "Ausrotten allen Polentums", das hier propagiert und immer effizienter vollzogen wurde, gestoßen zu werden, hat mich durch eine Mangel gedreht, die mich nach einem halben Tag geplättet entließ, mit Bauchschmerzen, von denen ich mich lange nicht erholt habe.

Die Asche mit Gebeinen neben den Kremationsöfen, die gelb- und Grün schillernden Wände der Gaskammer, die Peitschenhiebe, die für "Bibelforscher", "Rasseschänder" oder "Emigranten" vorgesehen waren, die Berge von Schuhen der Ermordeten, der Lagergalgen, und das charakteristischste Merkmal des Lagers Stutthof, die Waggons der Schmalspurbahn, die 1944 als "bewegbare Gaskammern" umgebaut wurden. "Die Gruppe bestand aus 60-70 Frauen, zumeist Jüdinnen. Der Waggon wurde an die Lokomotive angehängt, und fuhr ab. Nachdem der Totenzug zwei Stationen weit gefahren war, kehrte er zurück und kam direkt zum Krematorium." (Bericht von A. Coradello).

Die ewige Frage: Wie kann so etwas möglich sein? Welche Abgründe kennt die menschliche Seele? Was ging im Kommandanten des Lagers Stutthof vor, was in seiner Frau? "Kommandant Hoppe wohnte von 1942-1945 in einer prächtigen Villa. Die Häftlinge - Frauen, die in seinem Haus gearbeitet haben - erzählten, dass sich Hoppe im Familienkreis ganz normal verhielt, nicht nur seiner Familie, sondern auch den Häftlingen gegenüber.

Er war die Verkörperung eines deutschen Bürgers. Seine Frau war sehr häuslich. Sie hat so getan, als ob sie keine Ahnung hätte, was in dem Lager los ist und für welch ein monströses System ihr Mann gearbeitet hat." (Bericht von B. Sruoga)

Am späten Nachmittag endlich ging ich langsam zurück durch das "Todestor" hinaus in die Wälder, aber weder die bezaubernde Freundlichkeit der Eintrittskartenverkäuferin, die mir meinen Rucksack aufbewahrt hatte und die mir jetzt, als Antwort auf meine Frage, ob es hier in der Nähe ein Restaurant gäbe, kopfschüttelnd ihr Pausenbrot reichte, noch der aufklarende Himmel, der Duft der Nadelwälder oder das mit jedem Schritt zunehmende Rauschen der Ostsee, konnten die Schwermut vertreiben, in die ich versunken war, und aus der ich lange nicht mehr auftauchen sollte. (Zohner)

  • Der Wachturm des Konzentrationslagers Stutthof.
    foto: zohner

    Der Wachturm des Konzentrationslagers Stutthof.

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