Powerstrampeln mit dem Pony-Express-Trick

2. Juli 2009, 18:37
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Kitzbühel und andere Tourismusregionen locken Gäste mit Elektrobikes auf Radwege im Bergland

Kirchberg - Ian O'Brien musste absteigen. Und das, obwohl der Techniker aus Dublin durchtrainiert ist: Die Anstiege der Radrouten rund um Kirchberg in Tirol schafft der Endfünfziger sonst problemlos.

Doch als O'Brien am Sonntag in Richtung Labalm bergan schnaufte, wurde er überholt. Nicht von ehrgeizigen Amateursportlern auf Profigerät in Rennposition, sondern von einer Gruppe Durchschnittsmenschen. Sie saßen aufrecht auf unspektakulären Rädern, plapperten entspannt - und zogen an dem verdutzten Iren vorbei.

Freilich: Die Gruppe hatte "geschummelt": Während der Dubliner aus eigener Kraft durch die Kitzbüheler Bergwelt radelte, saßen die Überholer auf Elektrofahrrädern. Fahrrädern also, die einen kleinen Elektromotor haben. Der ersetzt das Kurbeln zwar nicht, verstärkt es aber: 120 Prozent der momentanen Strampelpower legt der Motor bis zu einer Maximal- geschwindigkeit von 25 km/h dazu. Wer schneller sein will, muss wieder allein treten. Aber bergauf kommt das wohl kaum vor.

Vor dem Durchbruch

Das Prinzip des Elektrofahrrades ist nicht ganz neu, steht aber unmittelbar vor dem Durchbruch: Derzeit, erklärt Herbert Winkler, seien drei Prozent aller verkauften Räder Elektrobikes. "Alle Hersteller rechnen damit, dass es bald 20 bis 30 Prozent sein werden." Winkler selbst verkauft keine E-Räder. Er richtet Verleihstationen in Tourismusregionen ein - und baut E-Bike-Netzwerke.

Denn der Clou hinter dem von ihm und Herbert Ottenschläger 2004 gegründeten Betrieb "Movelo" ist eine Akku-Infrastruktur, die an die Pferdewechselstationen des "Pony Express" im Wilden Westen erinnert: An strategisch günstig entlang den regionalen Radrouten gelegenen Stationen (meist Hotels, Gasthäuser oder Almhütten) kann man den Akku wechseln. Ohne Konsumzwang.

Rund um Kitzbühel etwa gibt es seit heuer 60 Räder und 180 Tauschakkus. Und Nachfrage: Vor allem Touristen über 50 bestaunen die leise surrenden Räder, wollen Proberunden drehen - und sind dann mehr als angetan. Der Tenor: "Ich tu mir bei bergigen Radwegen schon schwer - so schaffe ich das wieder." Das Pony-Express-System gibt Sicherheit: Die Angst, "saftlos" hängenzubleiben, entfällt.

Freilich: Nicht nur Senioren haben Spaß an den Kraftverstärkern. "Wir glauben, dass wir so viele Leute schrittweise wieder zu Radfahrern machen können - zuerst mit, dann ohne Motor", hofft Katrin Krimbacher vom Tourismusverband Kitzbüheler Alpen, neue Gästeschichten anzusprechen.

Krimbacher ist da nicht allein: Mittlerweile gibt es in sechs österreichischen (und acht deutschen) Tourismusregionen insgesamt 400 Movelo-Bikes. 2008, erklärt Herbert Ottenschläger stolz, waren es erst 180 - und seit Donnerstag hat auch die Stadt Salzburg Leih-E-Bikes mit Akku-Wechselstationen.

Ian O'Brien, der verdutzte irische Biker bei Kirchberg, wusste davon nichts - und hatte gleich zwei Visionen: "In Städten wäre so ein System wohl auch für Nicht-touristen praktisch. Und wenn es so ein Akku-Tauschsystem auch für Autos gäbe, wäre ich der erste, der sich das dazupassende Hybrid-auto kauft." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Print-Ausgabe, 3.7.2009)

 

  •  Das Pony-Express-System gibt Sicherheit: Die Angst, "saftlos" hängenzubleiben, entfällt.
    foto: thomas rottenberg/der standard

    Das Pony-Express-System gibt Sicherheit: Die Angst, "saftlos" hängenzubleiben, entfällt.

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