Dieters Krabben, die sind lecker

8. Juli 2009, 16:46
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Insel für Reiche und Kinderreiche? Das war einmal: Sylt wird jünger - und bleibt rotzfrech

„Warum fotografieren Sie diesen schrecklichen Kasten hier?" Die weißhaarige Dame ballt die Hand rund um den Handtaschengriff, als würde sie gleich zuschlagen. Nicht auf den Fotografen ist sie wütend, sondern auf sein Motiv. Ein schlichter Hotelbau, direkt am Meer. "Ich will Sie ja nicht anmachen. Aber finden Sie das schön?", fragt sie in schnauzigem Norddeutsch. Schließlich mache sie seit fünfzig Jahren hier Urlaub und wisse bitteschön, was hier vorher war: "Eine Düne!"

Rettet die Düne

Dünen gibt es hier, auf der Nordseeinsel Sylt, wie Sand am Meer. Dass dort, wo vorher Kasernengründe waren, nun das Fünfsternehotel Budersand steht, trägt wohl eher zu ihrem Weiterbestand bei als zu ihrer Vernichtung. Schließlich klatschen die Wellen jetzt gegen das Hotelfundament - und nicht mehr gegen die Dünen, die immer mehr ausgewaschen zu werden drohen.

Schilfdach muss her

Der Gegnerschaft des Hotels ist das egal. Ihr geht es ums Prinzip - und das lautet: Schilfdach ja, Rosenhecke ja, moderne Architektur nein. "Sagen Sie, wann wird eigentlich das Gerüst abgebaut?", fragte eine Anrainerin, als sie Hotel-Chefin Claudia Ebert auf der Straße traf. Das Hotel stand damals kurz vor der Eröffnung - und mit dem "Gerüst" war wohl die Gitterkonstruktion aus Zedernholz gemeint, die der Fassade Leichtigkeit gibt.

Heiraten am Leuchtturm

Dass gerade hier in Hörnum, an der Südspitze Sylt, der Widerstand gegen Neues besonders groß ist, verwundert nicht. Schließlich blieb das Dorf vom Tourismus bis vor ein paar Jahren eher verschont, verglichen mit den Urlauberzentren Kantum und Westerland zumindest. Wer hierher kam, kam zum Campen oder zum Heiraten. Am Hörnumer Leuchtturm werden Hochzeiten in fast 50 Metern Höhe angeboten. Neben Brautpaar, Standesbeamtem und Leuchtturmführer dürfen maximal sieben Gäste auf den Turm, aus Sicherheitsgründen. Da freut sich das Festbudget. Und die Feiernden freuen sich auch: Einmal dort zu stehen, wo Schleswig-Holsteines Meer und Nordsee zusammenfließen, wo außer den Inseln Föhr und Amrum weit und breit nur Meerglitzern und Möwenflug zu sehen sind, dringt Sonne ins Herz. Vorausgesetzt, es regnet nicht wieder einmal.

Wie "die Deutschen" sind

Sylt ist seit jeher beliebtes Urlaubsterrain. Multikulti konnte man hier jedoch lange suchen: "Wer wissen will, wie die Deutschen ticken, muss hierher fahren", grinst Beate Zwermann, Medienbetreuerin des Budersand-Hotels. Beschauliche Häuschen mit hübschen Hecken hinter Holzzäunen, meist mit Hund, oft mit Deutschland- oder Bayern-Fahnen, immer mit Auto: Sylt ist das Mallorca des Nordens, nur ohne Engländer. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Und statt Döner gibt es Matjesbrötchen.

Neues Publikum

Beherbergungen wie das Budersand-Hotel oder das ebenfalls neu eröffnete Hapimag-Feriendorf arbeiten jedoch beharrlich am Untergang des beschaulichen Unter-Sich-Seins: Während Hapimag vermehrt schweizerisches Publikum anlockt, streckt Budersand seine Arme auch nach Österreich aus. Und Air Berlin hilft ihnen dabei: Seit einigen Jahren werden Flüge aus München, Zürich, und für die Ost-ÖsterreicherInnen aus Wien via Düsseldorf angeboten.

Lecker

Allein der Kulinarik wegen zahlt sich ein Sprung auf die Insel aus. Krabben, Hering oder Aal, und dazu feinstes, tiefschwarzes Roggenbrot: Von leergefischter Nordsee ist auf Sylt wenig zu merken. So auch bei „Krabben-Dieter" am Hörnumer Hafen. Mit hoher Reimkunst wirbt er für seine Seewürmer: "Erst noch in den Fluten, / jetzt schon in den Tuten!" 3,50 Euro für 500 Gramm - um dieses Geld kriegt man in Österreich bestenfalls deutschen Emmentaler. Da stört es auch nicht, dass man die Dinger noch selber schälen, pardon, pulen muss. Denn "sogar der Bauer auf dem Trekker / isst Dieters Krabben, / die sind lecker!"

Surfen, Segeln, Paragleiten

Auch das Gerücht, Sylt sei nur etwas für reiche PensionistInnen und deren kinderreiche Kinder, stimmt so nicht mehr ganz. Fürs Wellenreiten, Surfen und Kite-Surfen gibt es hier die besten Spots. Wer will, kann Segeln oder Segelfliegen lernen, Paragleiten oder Fallschirmspringen. Golf-Fans finden hier drei 18-Loch-Plätze, VogelforscherInnen auch abseits der Möwe recht viel, und SozialanthropologInnen jede Menge Ähnlichkeit mit dem viel zitierten Wiener Charme.

Keppeln angesagt

Wirtinnen, die vor dem "Mojn"-Gruß erstmal keppeln, weil die Tür falsch geöffnet wurde. Busfahrer, die vor Schmerz das Gesicht verzerren, weil man in den falschen Bus einsteigt. Parkplatzschilder, die der Lenkerin zum Abschied ein rauniges "Und Tschüss!" mitgeben: Wem freundliche Menschen suspekt sind, der fühlt sich hier wohl. Und überhaupt: Letztlich steckt hinter jedem Anschnauzen ja nur der Wille zur Kommunikation. (Maria Sterkl)

Ein Doppelzimmer im Golfhotel Budersand ist ab 250 Euro buchbar, für GolferInnen gibt's eigene Packages. Fürs kleinere Budget gibt es hübsche Campingplätze, aber auch günstige Privatpensionen - in Hörnum etwa ab 30 Euro im Doppelzimmer mit Frühstück.

  • "Der Kasten": Budersand Hotel hinterm Hafen von Hörnum

    "Der Kasten": Budersand Hotel hinterm Hafen von Hörnum

  • Im Hintergrund: Sylts südlichster Leuchtturm
    foto: christian fischer

    Im Hintergrund: Sylts südlichster Leuchtturm

  • Wer braucht schon Strandblick
    foto: christian fischer

    Wer braucht schon Strandblick

  • Golfen am Kasernengrund
    foto: christian fischer

    Golfen am Kasernengrund

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