Schnappschüsse und schicke Posen

2. Juli 2009, 14:27
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Die Kunsthalle Wien zeigt "Das Porträt. Fotografie als Bühne", einen Streifzug durch die zahllosen Möglichkeiten, Intimität entweder abzubilden oder hinter Masken zu verbergen

Wien - Natürlich ist Nan Goldin (geb. 1953, lebt in New York, Paris und London) dabei: Sie fotografiert nur Freunde; in der Kunsthalle Wien machen also im Rahmen der Schau Das Porträt - Fotografie als Bühne auch einige ihrer Schnappschüsse für das etwas andre Familienalbum halt.

Für Nan Goldin sind diese Bilder "die Art, jemanden zu berühren, eine Form der Zärtlichkeit. Mein Werk kommt vom Schnappschuss her. Es ist die Form von Fotografie, die sich am stärksten durch Liebe definiert. Leute machen Schnappschüsse aus Liebe und aus dem Wunsch nach Erinnerung - an Menschen, Orte, Zeiten. Schnappschüsse wollen Geschichte schreiben, indem sie Geschichte aufzeichnen. Und genau darum geht es. Der Grund, warum ich den Begriff des ,Schnappschusses‘ hochhalte, ist, weil ich diesen für eine der feinsten Arten von Fotografie halte."

Das Authentische an Goldins Arbeiten, ihr Schicksal und das ihrer Freunde, ist nicht zu hinterfragen; dem verzweifelten Versuch, festzuhalten, nichts vorzuwerfen; der Suggestivkraft ihrer Bilder kein Einbruch nachzusagen. Was erlebt wird, wird abgelichtet. An die Stelle des kleinbürgerlichen Herzinfarkts tritt der Tod durch Aids, intensive Beziehungen ersetzen unvermeidliche Verwandtschaftsverhältnisse. Der Diaabend gilt nicht länger der Ausnahme Urlaub, er betrifft den Ausnahmezustand Leben - und bleibt ein Diaabend.

Demgegenüber wirken Valérie Belins (geb. 1964, lebt in Paris) Abbilder gelangweilter, jüngerer Menschen wie Prototypen. Belin stilisiert Oberflächen, fertigt schicke Masken, um den jeweiligen Charakter zu verbergen. Ihren Porträtierten lässt sich nicht mehr nachsagen außer: "Smart!"

Was wiederum den Freaks, die Roger Ballen (geb. 1950, lebt in Johannesburg) ablichtet, ein Fremdwort ist: "Ich wählte für meine Fotografien Menschen, die eine gewisse Entfremdung und Marginalisierung verkörperten und unfähig waren, ihr Leben während der politischen und sozialen Umwälzungen, die in Südafrika stattfanden, unter Kontrolle zu haben." Ballen porträtiert nicht wirklich bestimmte Menschen; er bildet Angst ab, Unsicherheit und Wut.

Gemütszustände, die etwa bei Thomas Ruff völlig ausgeblendet werden. Seine Porträts erfüllen auch noch die strengste Norm für Passbilder: Alle Blicke sind starr in die Kamera gerichtet, kein Lächeln verzerrt die Gesichtszüge, der Hintergrund ist untadelig neutral, die Haut so rein oder unrein, wie sie eben auch im "Original" ist. Robert Mapplethorpe hingegen war stets auf der Suche nach Idealtypen - um sie dann im Studio noch weiter zu stilisieren, um aus Körpern Skulpturen zu meißeln.

Ausgehend von der Auswahl seiner S/W-Abzüge lässt sich die Schau nicht nur als breit gefächertes Spektrum der Zugänge zum Porträt lesen, sondern auch als kleine Geschichte homoerotischer Fantasien der letzten Jahrzehnte: Mächtige Gemächte finden sich in annähernd jedem Raum der von Peter Weiermair kuratierten Schau. Ins rechte Licht gerückt wurden sie etwa von Greg Gorman (geb. 1949, lebt in Los Angeles), vom Spanier Alberto García-Alix (geb. 1965) bzw. der US-Amerikanerin Katy Grannan (geb. 1969).

Zurück in die Zeit vor der Demokratisierung des Porträts durch die Fotografie führen Clegg & Guttmann - ins Pathos der Porträtmalerei. Vergleichsbeispiele dazu finden sich ab 26. Juli in Krems: Die dortige Kunsthalle zeigt Sehnsucht nach dem Abbild - das Porträt im Wandel der Zeit. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.7.2009)

 

"Das Porträt. Fotografie als Bühne.", von 3. Juli bis 18. Oktober, täglich 10-19 Uhr, Do 10-22 Uhr, halle 2, Kunsthalle Wien,

kunsthallewien.at

 

  • Ein Mitglied aus Nan Goldins Großfamilie mit den schwarzen Augenringen:"Shiobhan in my Mirror" , ein Schnappschuss aus dem Berlin der frühen 1990er-Jahre.
 
 
    foto: nan goldin / kunsthalle wien

    Ein Mitglied aus Nan Goldins Großfamilie mit den schwarzen Augenringen:"Shiobhan in my Mirror" , ein Schnappschuss aus dem Berlin der frühen 1990er-Jahre.

     

     

  • Greg Gorman: Heath Ledger, Venice, 2004
    foto: kunsthalle wien / greg gorman

    Greg Gorman: Heath Ledger, Venice, 2004

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