Meinl-Gutachter abberufen

2. Juli 2009, 18:06
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Etappensieg für Julius Meinl. Das Gericht gibt dem Antrag, Gutachter Thomas Havranek wegen Befangenheit abzuberufen, recht

Wien - Die Nachricht erwischte Thomas Havranek, Wirtschaftstreuhänder und Meinl-Gutachter, auf dem falschen Fuß. Haft- und Rechtsschutzrichterin Bettina Deutenhauser (Straflandesgericht Wien) hat dem Befangenheitsantrag von Julius Meinl und Meinl-Bankvorstand Peter Weinzierl gegen Havranek als Gutachter stattgegeben.

Havranek war gerade aus seine Urlaub heimgekehrt, als die Nachricht am Donnerstagmittag von Profil Online verbreitet und, wenig später, von der Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wien bestätigt wurde. Havranek hat in der Causa bereits eine Art Vorgutachten abgegegeben, das Meinls Rolle in der Causa Meinl European Land (MEL) kritisch beleuchtet; Meinl und seine Anwälte bekämpfen das in ihren Augen vor Fehlern strotzende Gutachten heftig. Die Entscheidung, Havranek abzuberufen, ist noch nicht rechtskräftig, die Staatsanwaltschaft wird dagegen Beschwerde einlegen - der Ball landet somit beim Oberlandesgericht Wien.

Knackpunkt Gastkommentar

Dem Vernehmen nach beruft sich die Richterin in ihrer Entscheidung vor allem auf einen Gastkommentar Havrankes, der am 17. September 2007 im Wirtschaftsblatt erschienen ist. Damals (also vor der Bestellung Havraneks am 27. August 2008) hatte sich der 39-Jährige mit der Causa MEL unter den Gesichtspunkten der Corporate Governance beschäftigt.

Letztlich konstatierte er "ein erschütterndes Bild der Meinl-Gruppe über ihre und die Auffassung ihrer Organe zur Sorgfaltspflicht ..." Havranek schreibt von "mehrfach und hier nochmals aufgezeigtem möglichen Fehlverhalten" , das es von den Behörden zu prüfen gelte (was auch geschah; Anm.).

Darin sieht die Richterin Befangenheit; der Ankläger laut einem Sprecher nicht, weil Havranek nicht auf jene strafrechtlichenVorwürfe eingegangen sei, wegen derer inzwischen ermittelt wird (etwa Verdacht der Untreue und des Betrugs; es gilt die Unschuldsvermutung).

Meinl-Bank-Chef Weinzierl dagegen erwartet nun "weitreichende Konsequenzen" , schließlich habe Havraneks "fehlerhaftes Vorgutachten" die Grundlage für die Festnahme von Julius Meinl V. am 1. April gebildet.

Niederlage für Meinl-Gutachter Thomas Havranek.

Auch abseits des Befangenheitsantrags bei Gericht hatten Meinls Berater Havraneks Bestellung heftig bekämpft. Ende April etwa hat Rechtsanwalt Georg Schima einen Brief an alle Professoren der juridischen Fakultäten und an alle Präsidenten der österreichischen Rechtsanwaltskammern geschickt, um die rund 230 Adressaten auf das "rechtsstaatlich unerträgliche Faktum" der Bestellung Havraneks aufmerksam zu machen.

Sollte die Entscheidung halten und Havranek tatsächlich abberufen werden, muss ein neuer Gutachter bestellt werden. (gra, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.7.2009)

 

  • Niederlage für Meinl-Gutachter Thomas Havranek.
    foto: cin

    Niederlage für Meinl-Gutachter Thomas Havranek.

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